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Medienerziehung
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Eltern-Kind-Beziehungen: «Entschuldige, Schatz. Ich muss da kurz rangehen!» 

Täglich und in den wenigen Stunden, welche Kinder mit ihren Eltern verbringen, passiert immer öfter folgendes: Kinder möchten ihren Eltern eine Frage stellen, sie möchten ihnen etwas erzählen oder auf etwas antworten, was die Eltern gerade sagten, und die darauffolgende Antwort lautet: «Entschuldige Schatz, da muss ich rangehen»; «Entschuldige, aber ich habe soeben eine Nachricht von der Arbeit erhalten, die ich beantworten muss. Es dauert nicht mal eine Minute, versprochen»; «Kannst Du kurz eine Minute warten… ich muss…»; «Oh nein, ich habe vergessen das Telefon auszuschalten, jetzt muss ich rangehen.»
 
Auf kurzfristiger Basis frustriert dieses Verhalten die Kinder. Im Gegensatz dazu was viele Erwachsene glauben, fühlen sich die Kinder aber nicht zurückgewiesen. Ein solches Gefühl gibt es nicht. Wenn Erwachsene sagen, dass sie sich zurückgewiesen fühlen, passiert dies, weil sie etwas fühlen, was sie in den Glauben versetzt, zurückgewiesen worden zu sein. Kinder verarbeiten ihre Emotionen nicht auf diese intellektuelle Weise. Wenn ihre Eltern sie zurückweisen, fühlen sie sich einfach traurig, enttäuscht oder wütend. Was Kinder aber immer tun, ist, sie fangen an, sich an dieVerhaltensweise des Erwachsenen anzupassen. Zuerst treten sie zurück und hoffen, und letztendlich geben sie auf und hören auf, es zu probieren. Mit etwa drei Jahren fangen die Kinder dann an, die Verhaltensweise der Erwachsenen zu kopieren und fokussieren sich auf Ihre eigenen Bildschirme – z.B. Tablets, TV und später eigene Smartphones.
Die Eltern zu vermissen, obwohl sie da sind, hat weitreichende Folgen.
Wenn Kinder aus dieser kürzlich durchgeführten Umfrage sagen, dass sie ihre Eltern vermissen, ist dieses Gefühl ein Cocktail aus mehreren verschiedenen emotionalen Reaktionen und prägenden Erfahrungen:
 
Ich fühle mich hilflos! 
Sie fühlen sich hilflos, weil sie viele Geschichten und Emotionen, welche sie mit ihren Eltern teilen möchten, unter diesem Zeitdruck nicht ausdrücken können. Und sie brauchen ein Gefühl von Sicherheit, Intimität, Diskretion und aktive, unterstützende Empathie. Auch wenn sie sich in diesem frühen Stadium hilflos fühlen, vertrauen sie immer noch darauf, dass es ihre Eltern am besten wissen und folgen deren Führung.
 
Ich bin verwirrt!
Jedes Mal, wenn ein Elternteil den Kontakt zum Kind abbricht, sei es auch nur für eine oder zwei Minuten, schweifen die Köpfe der Kinder ab, und der Fluss des Bewusstseins wird gestört. Das Resultat: Das offenbar schlechte Kurzzeitgedächtnis der Kinder frustriert die Eltern oft, und sie schliessen daraus, dass es von Anfang an nicht wichtig war, was diese sagen wollten. «Sich verwirrt fühlen» entwickelt sich so zu «sich dumm fühlen».

Ich kann Dir nicht vertrauen!

Das Kind macht die sehr präzise Beobachtung: «Etwas Anderes ist meinen Eltern wichtiger ist als ich.» Das nimmt dem Kind sein wachsendes und verletzliches Selbstwertgefühl und ganz entscheidend und gefährlich, das Gefühl wertvoll für das Leben der Eltern zu sein. Ganz gleich wie oft ein Elternteil wiederholt «Ich liebe Dich», sich entschuldigt und romantische Versprechungen für die Zukunft macht (wie: ich mache es wieder gut): Der Schaden ist schon entstanden. In den frühen Jahren entscheiden sich Kinder dafür, den Worten ihrer Eltern zu glauben. Dies führt sie irgendwann zu einem Punkt, an welchem sie beginnen, ihre eigenen Gefühle anzuzweifeln. Ein weiterer grosser Teil ihres Selbstwertgefühls geht damit verloren.

Ich bin einsam!
In ihrem zehn- oder zwölfjährigen Lernprozess fühlen sich Kinder jedesmal einsam, wenn Eltern sich dafür entschieden, ihre Smartphones zu priorisieren und für viele Kinder definiert diese Einsamkeit ihre Existenz auch in anderen sozialen Kontexten. Die meistverbreitete Auswirkung für Kinder vor der Pubertät ist ein genereller Verlust von Vertrauen und die Hoffnung, dass irgendein Erwachsener sich Zeit nehmen wird, um ihnen zuzuhören und ihnen hilft, zu formulieren wie es ihnen geht und wer sie sind. Sobald die Pubertät einsetzt, werden sich diese Kinder generell vom Familienleben zurückziehen und sich Nähe, Wertschätzung und Verständnis anderswo suchen, was sehr oft auf und Internet-Plattformen passiert. Wir wissen von Hotlines für Kinder zwischen 6 und 16 Jahren, dass viele Kinder zum Schluss gekommen sind, dass ihre Eltern keine Zeit haben, um sich mit ihnen hinzusetzen. Dies ist nicht unbedingt die objektive Wahrheit, aber die Erfahrung und Schlussfolgerung der Kinder. 

Junge Erwachsene: Fehldiagnose Depression

Psychologen und Berater welche mit Oberstufenschülern, Studierenden und anderen Gruppen von jungen Leuten zwischen 16 und 25 Jahren arbeiten, berichten von einer rasch wachsenden Zahl von Klienten die einsam, depressiv sind, unter Angst leiden, eine soziale Phobie haben und selbstzerstörerisch handeln. Generell sprechen diese von einem Gefühl von Entfremdung von ihren Eltern seit sie sehr jung waren. Diese Isolation hat sie der Möglichkeit beraubt, zu fühlen und auszudrücken, was in ihrer Seele vor sich geht. Wir sind bereits an einem Punkt angelangt wo viele dieser jungen Leute selber Eltern werden und diese Schwierigkeiten höchstwahrscheinlich ihren Kindern weitergeben werden, was zu einem erschreckenden Anstieg von Kindern und Erwachsenen mit schwerwiegenden psychischen Erkrankungen führen wird.

Diesen jungen Leuten Antidepressiva zu verschreiben ist kontraindiziert und kontraproduktiv. Einsamkeit und Trauer mögen aussehen und sich anfühlen wie eine Depression, aber sie sind es nicht. Antidepressiva tun nichts anderes als das Unbehagen auszugleichen und sie verhindern, dass der Patient die Situation auf eine gesunde Weise bewältigen kann. Kinder und junge Erwachsene berichten, dass sie sich durch die Medikamente besser fühlen, aber das beweist in keiner Weise, dass es Ihnen auch besser geht. Medikamente sind ein mangelhaftes Substitut für Beziehungen und Beziehungen welche unter dem Einfluss von Antidepressiva gebildet werden sind oberflächlich und kurzlebig. 

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16 Kommentare
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Von Regine am 24.04.2017 21:56

Sehr geehrter Herr Juul,
vielen Dank für die profunde Unterlegung meines Unbehagens gegenüber der derzeitigen Kommunikationskultur. Ich mag Ihren Stil, so schlicht und undogmatisch darauf hinzuweisen, dass das gemeinsame Verbringen von Zeit die einfachste, aber rarer werdende Form des Elternseins ist. Dass wir so unseren Kindern eine glückliche Kindheit ermöglichen und starke, fürsorgliche und menschliche Menschen hervorzubringen. Ich habe mich an viele Momente erinnert gefühlt, da ich es so erlebt habe, wie Sie es schildern. Dass es zu fließen beginnt, gerade mit Kindern. Das ist es, das Leben, und es ist es wert, zu teilen, vor allem mit Kindern und zwar in Echtzeit, nicht digital :)

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Von Matthias am 07.01.2017 10:27

Lieber Jesper,
Du sprichst mir aus meinem Herzen und ich danke Dir sehr für diesen klaren Beitrag zu einem sehr emotional geladenen Thema. DANKE!

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Von Ingeborg am 09.12.2016 11:34

Super! So sehe ich das auch und habe seit Jahren mit jungen KollegInnen in der Jugendhilfe intensive Diskussionen zu dem Thema.
ich bin system. Familientherapeutin und intensiv in der Traumapädagogik tätig.
Ich finde hier geht es um klare Haltungen.
Vielen Dank
I. andreae de Hair

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Von Annelore am 07.12.2016 19:21

Das ist absolut richtig. Ich beobachte täglich junge Mütter, die mit ihren kindern unterwegs sind, aber ständig telefonieren, anstatt ein Gespräch mit ihren Kindern zu führen und ihnen Dinge zu zeigen und zu erklären. Schade!!

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Von Jasmin am 29.08.2016 22:44

Hervorragend

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Von Anke am 16.07.2016 23:44

Meine Enkelin ist knapp 1 1/2 Jahre alt. Wenn ich dann bei ihr babysitten bin und mein Handy in meiner Hosentasche einen Ton anzeigt, ist sie total darauf fixiert und möchte sofort Videos darauf ansehen. Auf den meisten Filmen ist sie selber drauf. Aber ob sie sich selber erkennt oder nur jemand sieht, der ihre Sprache spricht? Jedenfalls ist es sehr schwierig, sie davon wegzubringen um wieder Bilderbücher anzusehen oder sonst etwas zu spielen.

Von Gesa am 08.11.2016 10:16

Meine Tochter ist jetzt auch 1,5 und sie begann vor einiger Zeit dieses starke Interesse zu entwickeln. Wir haben deshalb aufgehört ihr Bilder und Videos zu zeigen und auch keine Bilder mehr von ihr als Hintergrund. Es wurde schnell besser und erstmal sind die Handys wieder langweilig. Sie kennt auch kein TV und den PC nur für Textverarbeitung u.ä., alles recht uninteressant. In dem Alter ist es noch einfach!
Eine 16jährige Verwandte erzählte mir letztens, dass sie ihr Kindheitserinnerung nicht von den Videos trennen kann, die sie immer wieder gesehen hat. Das möchte ich nicht für meine Kinder und werde mein Bestes geben, das zu verhindern.

Von Ingeborg am 19.07.2016 09:44

Liebe Oma Anke: du solltest zum Babysitten dein Handy erst gar nicht mitnehmen! Und gibt es denn vielleicht ein Fotoalbum mit Bildern, die das Kind und seine Bezugspersonen zeigen, dann ist das vielleicht Anlass zum "Familiengeschichten erzählen". Viel Glück und Freude mit deiner Enkelin. Bin selbst Großmutter und zwar eine geliebte.

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Von Michael am 14.07.2016 11:06

Sehr guter einleuchtender Beitrag . . . und genau (!), nicht auf einen neuen Trend warten, sondern einen (mit-) inizieren!

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Von Franziska am 13.07.2016 23:02

Bravo!
wir haben eben 3 wochen camping ferien, komplett ohne stromfressende geräte, genossen. 3 wochen nur wir (4, 38, 42jahre) und die kroatische küste. übrigens machen wir dies bereits seit vielen jahren so. und ohne diese auszeit wären wir nicht 16 jahre ein ♡paar.

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Von Christian am 12.07.2016 16:02

Guter Standpunkt. Als Schulsozialarbeiter sehe ich leider viel ähnlich problematisches bei der Arbeit. Und dem Abschnitt mit den Medikamenten kann ich nur unterstreichen. Trotzdem denke ich man muss aufpassen, dass man den gesellschaftlichen Wandel nicht zu fest ausklammert. Dies ist nämlich eine Tatsache, welche ich ebenfalls oft beobachte. Kinder werden heut zu Tage viel mehr in ihre eigene Erziehung einbezogen...alleine schon die Tatsache, dass es meinen Job gibt, bestätigt dies. Ich sehe viele Probleme auch dort entstehen, wo die Führung fehlt und das Mitbestimmungsrecht des Kindes zu gross ist. Im Grunde ist diese gesellschaftliche Entwicklung ja etwas gutes und sie ermöglicht uns auf die Kinder einzugehen und vertrauensvolle Beziehungen zu gestalten...doch wie sagt man so schön "manchmal ist Kontrolle besser als Vertrauen"...und gerade beim Thema Medienkonsum passt dies sehr gut. Denn eines sehe ich auch immer wieder bei der Arbeit "Kinder und Jugendliche gedeihen am besten unter vertrauensvoller Kontrolle". Ich finde die Idee von Herr Juul spannend und altagsnah!!!

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Von Sascha am 12.07.2016 08:29

Mein Aha-Erlebnis tat weh. Ich ging mit meiner Tochter durch die Straßen und sie erzählte mir etwas aus ihrem Leben. Plötzlich hörte sie auf. Ich fragte nach „Hey, wie war das noch einmal?“; ihre Antwort: „Ach Papa, Du hörst doch sowieso nicht zu.“ Autsch, das saß, denn es stimmte. Ich war nämlich gedanklich mit meinem iPhone beschäftigt; ein Business-Call stand noch aus.

Wie es weiterging, erzähle ich in einem kurzem Video-Interview mit HuffPost Eltern http://www.selflab-blog.de/smartphone-eltern/

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Von Matthias am 10.07.2016 22:23

Viel Worte um Selbstverständlichkeiten, wenn mann gesunden Menschenverstand waltem lässt

Von Horst am 11.07.2016 16:48

Tja, wenn, wenn nur alle so schlau und gesund menschenverständlich handelten wie Sie, dann wäre natürlich alles in Ordnung. Mir scheint der Text von Herrn Juul allerdings mehr als notwendig, wenn ich mich mal aufmerksam in meiner Umwelt umsehe, in der dreijährige auf dem Tablet ihrer Eltern spielen - bis diese selber wieder zocken wollen. Wir steuern auf eine zwischenmenschlich durch Smartphones erschwerte Lage zu, und der "gesunde Menschenverstand" ist auf dem Rückzug. Deswegen ist der Text überaus wertvoll - für die große Mehrheit, Sie natürlich ausgenommen.

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Von Marie Thérèse am 11.07.2016 12:55

Vielen, inklusiv mir, aus dem Herzen gesprochen und so plausibel und objektiv , aber auch durchdacht dargestellt, dass alle sich damit auseinandersetzen müssen.
Es geht letztlich um die Erhaltung der Menschlichkeit in unserer Gesellschaft.
Seien Sie umarmt Herr Jesper Juul!

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Von Katharina am 11.07.2016 10:59

Hört sich gut an. Ich will versuchen es von Anfang an gleich zu machen. Bisher hat das Kidn noch kein Mobiltelefon...

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