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Medienerziehung

Smartphones haben auf der Familieninsel nichts zu suchen!

Erziehungsguru Jesper Juul hat lange geschwiegen zum Umgang mit Smartphones und Tablets in Familien. Jetzt aber äussert er sich sehr eindeutig zu diesem Thema. Und gibt zudem konkrete Tipps, wie man Mediennutzung so gestalten kann, dass «die Herzen nicht verhungern». 
Text: Jesper Juul
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Meine Inspiration für diesen Artikel war eine Umfrage des dänischen Fernsehens aus diesem Frühjahr, welche mit 1600 13-jährigen und einer vergleichbaren Gruppe von Eltern durchgeführt wurde. Wie viele andere Experten, wurde auch ich von hunderten von Eltern gefragt, wie sich die Benützung von Smartphones und Tablets auf die Sozialkompetenzen und die Hirnentwicklung von Kindern auswirkt. Weil Hirnforscher aus verschiedenen Ländern immer noch extrem verschiedene Resultate, Meinungen und Empfehlungen veröffentlichen, habe ich mich bis jetzt zurückgehalten. Die überwältigende Konstanz in den Gedanken und Erfahrungen dieser dänischen Jugendlichen und Eltern haben mich aber dazu inspiriert diesen Artikel zu schreiben.
Die elektronischen «Familienmitglieder»  ziehen so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass es für die Familienbeziehungen ungesund ist.
Ich nenne die elektronischen Geräte «Familienmitglieder» weil sie extrem viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Kultur von Familien auf eine Art und Weise verändert, welche für die auf Liebe basierenden Beziehungen zwischen Erwachsenen, Geschwistern und Eltern und Kindern ungesund ist.
 
Die Umfrage kam zum Schluss, dass eine Mehrheit der Schulkinder ihre Eltern vermisste und mehr ungestörte Zeit mit ihnen verbringen wollte. Dasselbe galt für Eltern. Und ich bin sicher, dass wir von Partnern ähnliche Antworten erhalten würden. Diese Umfrage wurde zur richtigen Zeit durchgeführt. Da wir bald an einem Punkt angekommen sind, an welchem es einer Mehrheit der jungen Erwachsenen nicht mehr möglich sein wird, die Familienerfahrung in der Zeit vor und nach der Einführung von Smartphones zu vergleichen.

Aus verschiedenen Gründen hat sich eine Mehrheit der Erwachsenen selbst davon überzeugt, dass ihr Leben dem Takt von E-Mails, Nachrichten, Posts und Textmeldungen folgen muss und Arbeitgeber, Freunde, Geschäftspartner scheinen glücklich in der Annahme, dass wir sieben Tage pro Woche während 24 Stunden erreichbar sind. Dasselbe gilt sogar für sehr junge Kinder und deren soziales Netzwerk. Diese Faktoren stellen ein so schwerwiegendes Problem dar, dass wir unsere Denkweise ändern müssen. 

Beziehungen zwischen Erwachsenen: Wenn Zweisamkeit aufgegeben wird

Vor zehn Jahren empfand die Mehrheit der Erwachsenen die Benützung von Mobiltelefonen während privaten Besuchen, Treffen und Essen als störend. Heutzutage ist dies kaum mehr so und wenn, betrifft es vor allem junge Leute (unter 50) und diesen ist es peinlich einen Kommentar dazu abzugeben, es ist einfach uncool und altmodisch.

Jede tiefe Freundschaft oder Liebesbeziehung braucht Kontinuität und ungestörte Zweisamkeit, um belastbar zu werden und all ihre potentiellen Nuancen und Stärken zu entwickeln – so wie Pflanzen Dünger brauchen. Dies ist nichts Neues. Wir wissen von Paaren welche sieben oder mehr Jahre zusammengelebt haben, dass sie sich entfremdet, einsam, unglücklich und frustriert fühlen, wenn Zweisamkeit nur passiert sobald es zu Problemen oder Krisen in der Familie kommt. Noch schlimmer ist es, wenn sogar diese Notfall-Sitzungen gar nicht möglich oder viel zu kurz und lösungsfokussiert sind. In diesem Stadium erleben beide Partner das Gefühl von Leere und fehlender Bedeutung. Wir funktionieren sehr gut, aber wir leben nicht, sagen sie.
 
Es ist nicht so wichtig, was die fehlende Kontinuität und ungestörte Zweisamkeit verursacht. Bevor es Smartphones gab, konnten es der Fernseher, Arbeitsstress, Perfektionismus, Verpflichtungen ausserhalb der Kernfamilie, Hobbies, etc. sein. All diese Faktoren – einschliesslich der heutigen Smartphones und Tablets – sind nicht die echten Gründe für den Verlust von Intimität und Bedeutung unserer tiefen Beziehungen. Der wirkliche Grund ist in unseren Köpfen und das sind gute Neuigkeiten, weil wir diese Situation, unabhängig von der Entscheidung anderer, selber ändern können. Das ist es auch, was viele Paare jeden Tag tun, wenn einer von beiden eine Krebsdiagnose erhält oder die Lebensweise auf irgendeine andere Art und Weise gefährdet ist. Wenn unser Leben vom Tod umgeben ist, lässt uns dies oft klügere Entscheidungen treffen.

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16 Kommentare
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Von Regine am 24.04.2017 21:56

Sehr geehrter Herr Juul,
vielen Dank für die profunde Unterlegung meines Unbehagens gegenüber der derzeitigen Kommunikationskultur. Ich mag Ihren Stil, so schlicht und undogmatisch darauf hinzuweisen, dass das gemeinsame Verbringen von Zeit die einfachste, aber rarer werdende Form des Elternseins ist. Dass wir so unseren Kindern eine glückliche Kindheit ermöglichen und starke, fürsorgliche und menschliche Menschen hervorzubringen. Ich habe mich an viele Momente erinnert gefühlt, da ich es so erlebt habe, wie Sie es schildern. Dass es zu fließen beginnt, gerade mit Kindern. Das ist es, das Leben, und es ist es wert, zu teilen, vor allem mit Kindern und zwar in Echtzeit, nicht digital :)

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Von Matthias am 07.01.2017 10:27

Lieber Jesper,
Du sprichst mir aus meinem Herzen und ich danke Dir sehr für diesen klaren Beitrag zu einem sehr emotional geladenen Thema. DANKE!

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Von Ingeborg am 09.12.2016 11:34

Super! So sehe ich das auch und habe seit Jahren mit jungen KollegInnen in der Jugendhilfe intensive Diskussionen zu dem Thema.
ich bin system. Familientherapeutin und intensiv in der Traumapädagogik tätig.
Ich finde hier geht es um klare Haltungen.
Vielen Dank
I. andreae de Hair

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Von Annelore am 07.12.2016 19:21

Das ist absolut richtig. Ich beobachte täglich junge Mütter, die mit ihren kindern unterwegs sind, aber ständig telefonieren, anstatt ein Gespräch mit ihren Kindern zu führen und ihnen Dinge zu zeigen und zu erklären. Schade!!

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Von Jasmin am 29.08.2016 22:44

Hervorragend

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Von Anke am 16.07.2016 23:44

Meine Enkelin ist knapp 1 1/2 Jahre alt. Wenn ich dann bei ihr babysitten bin und mein Handy in meiner Hosentasche einen Ton anzeigt, ist sie total darauf fixiert und möchte sofort Videos darauf ansehen. Auf den meisten Filmen ist sie selber drauf. Aber ob sie sich selber erkennt oder nur jemand sieht, der ihre Sprache spricht? Jedenfalls ist es sehr schwierig, sie davon wegzubringen um wieder Bilderbücher anzusehen oder sonst etwas zu spielen.

Von Gesa am 08.11.2016 10:16

Meine Tochter ist jetzt auch 1,5 und sie begann vor einiger Zeit dieses starke Interesse zu entwickeln. Wir haben deshalb aufgehört ihr Bilder und Videos zu zeigen und auch keine Bilder mehr von ihr als Hintergrund. Es wurde schnell besser und erstmal sind die Handys wieder langweilig. Sie kennt auch kein TV und den PC nur für Textverarbeitung u.ä., alles recht uninteressant. In dem Alter ist es noch einfach!
Eine 16jährige Verwandte erzählte mir letztens, dass sie ihr Kindheitserinnerung nicht von den Videos trennen kann, die sie immer wieder gesehen hat. Das möchte ich nicht für meine Kinder und werde mein Bestes geben, das zu verhindern.

Von Ingeborg am 19.07.2016 09:44

Liebe Oma Anke: du solltest zum Babysitten dein Handy erst gar nicht mitnehmen! Und gibt es denn vielleicht ein Fotoalbum mit Bildern, die das Kind und seine Bezugspersonen zeigen, dann ist das vielleicht Anlass zum "Familiengeschichten erzählen". Viel Glück und Freude mit deiner Enkelin. Bin selbst Großmutter und zwar eine geliebte.

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Von Michael am 14.07.2016 11:06

Sehr guter einleuchtender Beitrag . . . und genau (!), nicht auf einen neuen Trend warten, sondern einen (mit-) inizieren!

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Von Franziska am 13.07.2016 23:02

Bravo!
wir haben eben 3 wochen camping ferien, komplett ohne stromfressende geräte, genossen. 3 wochen nur wir (4, 38, 42jahre) und die kroatische küste. übrigens machen wir dies bereits seit vielen jahren so. und ohne diese auszeit wären wir nicht 16 jahre ein ♡paar.

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Von Christian am 12.07.2016 16:02

Guter Standpunkt. Als Schulsozialarbeiter sehe ich leider viel ähnlich problematisches bei der Arbeit. Und dem Abschnitt mit den Medikamenten kann ich nur unterstreichen. Trotzdem denke ich man muss aufpassen, dass man den gesellschaftlichen Wandel nicht zu fest ausklammert. Dies ist nämlich eine Tatsache, welche ich ebenfalls oft beobachte. Kinder werden heut zu Tage viel mehr in ihre eigene Erziehung einbezogen...alleine schon die Tatsache, dass es meinen Job gibt, bestätigt dies. Ich sehe viele Probleme auch dort entstehen, wo die Führung fehlt und das Mitbestimmungsrecht des Kindes zu gross ist. Im Grunde ist diese gesellschaftliche Entwicklung ja etwas gutes und sie ermöglicht uns auf die Kinder einzugehen und vertrauensvolle Beziehungen zu gestalten...doch wie sagt man so schön "manchmal ist Kontrolle besser als Vertrauen"...und gerade beim Thema Medienkonsum passt dies sehr gut. Denn eines sehe ich auch immer wieder bei der Arbeit "Kinder und Jugendliche gedeihen am besten unter vertrauensvoller Kontrolle". Ich finde die Idee von Herr Juul spannend und altagsnah!!!

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Von Sascha am 12.07.2016 08:29

Mein Aha-Erlebnis tat weh. Ich ging mit meiner Tochter durch die Straßen und sie erzählte mir etwas aus ihrem Leben. Plötzlich hörte sie auf. Ich fragte nach „Hey, wie war das noch einmal?“; ihre Antwort: „Ach Papa, Du hörst doch sowieso nicht zu.“ Autsch, das saß, denn es stimmte. Ich war nämlich gedanklich mit meinem iPhone beschäftigt; ein Business-Call stand noch aus.

Wie es weiterging, erzähle ich in einem kurzem Video-Interview mit HuffPost Eltern http://www.selflab-blog.de/smartphone-eltern/

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Von Matthias am 10.07.2016 22:23

Viel Worte um Selbstverständlichkeiten, wenn mann gesunden Menschenverstand waltem lässt

Von Horst am 11.07.2016 16:48

Tja, wenn, wenn nur alle so schlau und gesund menschenverständlich handelten wie Sie, dann wäre natürlich alles in Ordnung. Mir scheint der Text von Herrn Juul allerdings mehr als notwendig, wenn ich mich mal aufmerksam in meiner Umwelt umsehe, in der dreijährige auf dem Tablet ihrer Eltern spielen - bis diese selber wieder zocken wollen. Wir steuern auf eine zwischenmenschlich durch Smartphones erschwerte Lage zu, und der "gesunde Menschenverstand" ist auf dem Rückzug. Deswegen ist der Text überaus wertvoll - für die große Mehrheit, Sie natürlich ausgenommen.

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Von Marie Thérèse am 11.07.2016 12:55

Vielen, inklusiv mir, aus dem Herzen gesprochen und so plausibel und objektiv , aber auch durchdacht dargestellt, dass alle sich damit auseinandersetzen müssen.
Es geht letztlich um die Erhaltung der Menschlichkeit in unserer Gesellschaft.
Seien Sie umarmt Herr Jesper Juul!

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Von Katharina am 11.07.2016 10:59

Hört sich gut an. Ich will versuchen es von Anfang an gleich zu machen. Bisher hat das Kidn noch kein Mobiltelefon...

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