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Medienerziehung

Kino – das soziale Medium

Filme kann man heute überall und jederzeit sehen. Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder das seltener tun. Dabei bietet die Kinoleinwand das vielleicht letzte gemeinsame Medienerlebnis. Kinofilme können Gespräche anregen und die Medienkompetenz stärken.
Text: Andrea Wildt
Betritt ein Kind zum ersten Mal einen Kinosaal, hat es meist schon einige Filme gesehen: im Fernsehen, auf DVD, auf dem Smartphone oder im Internet. Filmegucken gehört von klein auf zu den beliebtesten Beschäftigungen von Kindern. «Kein Problem!», findet Adeline Stern, mitverantwortlich für das pädagogische Konzept der Zauberlaterne, des Schweizer Filmklubs für Kinder. Denn einen Film im Kino zu entdecken, sei auch heute noch ein einzigartiges Erlebnis. Das liege zum einen an der grossen Leinwand und der guten Soundanlage, die jeden Film intensiver und eindringlicher wirken lassen als auf dem Bildschirm daheim.

Doch das wichtigste Argument für einen Kinobesuch ist für Stern, dass man sich dort dem Film ganz hingeben muss. «Zu Hause oder im Zug kann man den starken Emotionen eines Films entfliehen. Man geht auf die Toilette, schaut zur Seite, hält den Film an oder wechselt das Programm. Im Kino hingegen ist man eine Zeit lang gefangen und konzentriert sich ohne Unterbrechung nur auf das Geschehen auf der Leinwand. Dieses Eintauchen in einen Film ist wichtig, damit Filmeschauen zu einem Erlebnis werden kann, das berührt.»
Wie kann etwas in der Hand so klein und auf der Leinwand so gross sein?
Wie kann etwas in der Hand so klein und auf der Leinwand so gross sein?

Lass uns darüber reden

Filme lösen beim jungen Publikum oft starke Gefühle aus und können als Türöffner zu komplexen Themen dienen. Das gilt natürlich für Kinofilme noch viel mehr als für die allzeit verfügbaren Blockbuster via Streamingdienst oder auf DVD. Denn während man Filme oft alleine im stillen Kämmerlein sieht, gehen Kinder für gewöhnlich nicht alleine ins Kino, sondern haben ihre Eltern, die Schulklasse oder Freunde dabei.

«Zusammen Filme zu schauen und darüber zu sprechen, ist für Jugendliche wichtig», sagt Moritz Schneider, Festivalleiter der Schweizer Jugendfilmtage. Insbesondere für junge Menschen seien audiovisuelle Medien zu einem beliebten Kommunikationsmittel geworden. «Gerade aufgrund seines einfachen Zugangs ist der Film ein gutes Medium, um selbständig zu werden, seinen eigenen Ausdruck zu finden.» Das gelte nicht nur, wenn man über einen Film spreche, sondern auch wenn junge Leute selber Filme machen. «Den eigenen Film dann auf grosser Leinwand zu präsentieren, ist eine ganz besondere Erfahrung. Ins Internet kann jeder seinen Film stellen, aber auf die Kinoleinwand schaffen es eben nur die Besten.»
«Ich seh nichts mehr!» Im Kino lernt man auch Rücksicht.
«Ich seh nichts mehr!» Im Kino lernt man auch Rücksicht.
Doch wie spricht man am besten mit Kindern über Filme? Der französische Filmkritiker Alain Bergala unterrichtet seit vielen Jahren das Thema Film und vermittelt dieses zuallererst als eine Leidenschaft. Möchten Eltern oder Lehrer mit ihren Zöglingen über einen Film reden, sollten sie ihre eigenen Gefühle und Gedanken teilen und nicht nur versuchen, zu verstehen, was das Kind über den Film denke. So entstehe ein Dialog, der Raum für verschiedene Interpretationen lässt. Behandelt ein Film schwierige Themen, sollte man Kinder darauf vorbereiten, sagt Adeline Stern. Und zwar bevor man den Film schaue. Hinterher seien die Gefühle oft zu stark, um gleich darüber zu reden.

Den Wert von Filmen begreifen

Während Filme heute jederzeit verfügbar sind, findet man Kinos nicht mehr überall. Darum fahren im Herbst die Kleinbusse von Roadmovie vollgepackt mit aktuellen Schweizer Filmen in die Gemeinden, in denen es keine Lichtspielhäuser mehr gibt.
Manche Filme laufen bei Roadmovie sogar noch auf alten Filmkopien, berichtet Claudia Schmid, Roadmovie-Verantwortliche für die Deutschschweiz. «Dann steht der ratternde Filmprojektor mitten im Saal. Kinder können das Filmmaterial anfassen, und bei den älteren Dorfbewohnern rufen die Geräusche nostalgische Erinnerungen wach.»
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Es rattert: Roadmovie führt Kindern einen Projektor vor …
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… und dann dürfen die Kinder selbst ans Filmwerk.
… und dann dürfen die Kinder selbst ans Filmwerk.
In zusätzlichen Workshops können die jungen Zuschauer Trickfilme selber machen oder einen Filmausschnitt mal nur anhören. «So treten die Kinder einmal aus dem täglichen Konsum von audiovisuellen Medien heraus und reflektieren, wie viel Arbeit in einem Film steckt», sagt Schmid. Das sei ein wichtiger Aspekt in einer zunehmend digitalisierten Welt, in der man geistige Güter immer seltener anfassen und begreifen kann.

Zusammen mit Filmen wachsen

«Kinder lieben es, Geschichten wieder und wieder zu hören. Mit jedem Mal verstehen sie eine neue Ebene und erleben, ein Stück gewachsen zu sein», sagt Adeline Stern von der Zauberlaterne. In den Filmklubs können Kinder jeden Monat einen Film entdecken: vom Stummfilm bis zur aktuellen Computeranimation. «Kino ist vor allem ein soziales Event. Zusammen einen Film auf der Leinwand zu sehen, ist für Kinder ein Abenteuer. Sie applaudieren, lachen laut, stellen Fragen», sagt Stern. Und später erkundigen sich die Eltern dann, wo sie die Filme sehen können, von denen ihr Kind immerfort redet.

Kinoangebote für Kinder und Jugendliche

  • zauberlaterne.org In der Schweiz existieren 74 Filmklubs für Kinder von 6 bis 12 Jahren. Neun Mal im Jahr zeigen diese einen Film aus der Filmgeschichte. Die Mitglieder erhalten zuvor eine illustrierte Zeitschrift und werden im Kino spielerisch in den Film eingeführt. Die Vorstellungen finden ohne Eltern statt. Mit dem Kino-Quiz können Eltern ihre Kinder spielerisch auf den ersten Kinobesuch vorbereiten.

  • roadmovie.ch Roadmovie tourt jeden Herbst mit aktuellen Schweizer Filmen durch die ganze Schweiz. Gemeinden und Schulen können sich auf der Website für einen Kinotag einschreiben.

  • jugendfilmtage.ch Die Schweizer Jugendfilmtage bieten jungen Menschen bis 25 Jahren die Möglichkeit, ihren Film auf grosser Leinwand zu präsentieren und in thematischen Workshops einen eigenen Film zu drehen. Auch andere Filmfestivals bieten Programme für Kinder und Jugendliche an: So zum Beispiel die Kurzfilmtage Winterthur, Fantoche, das Zürich Filmfestival und das Filmfestival Freiburg.

  • achaos.ch «Kinokultur in der Schule» bietet Schulklassen Kinobesuche zu reduzierten Eintrittspreisen. Die Lehrpersonen erhalten Unterrichtsmaterial, um den Film mit der Klasse zu besprechen.

Fotos: Tom Wüthrich, Ruedi Flück, Roadmovie
Andrea Wildt
ist Film-und Theaterwissenschaftlerin und kümmert sich neben ihrer Arbeit als Filmkritikerin unter anderem um das pädagogische Material der Zauberlaterne. Sie ist Mutter eines Sohnes.

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