Kinder brauchen Vertrauen, keine digitale Hundeleine
Medienerziehung
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Dass manche IT-Experten von der Anschaffung solcher Produkte abraten, ist nicht verwunderlich, jedoch aus anderen Gründen. Einige Geräte stammen aus Fernost, wo zuweilen die Daten der Kinder, wie etwa Namen oder Fotos, ungeschützt auf Servern gelegen haben sollen. Nach Ansicht dieser Fach­leute könnten sich sogar Dritte dazu relativ leicht Zugang verschaffen und im schlimmsten Fall Kontakt zum Kind aufnehmen. Sicher, das dürfte vermutlich sehr, sehr selten geschehen. Aber allein die Möglichkeit wirkt nicht gerade wie ein überzeugendes Sicherheitskonzept.

Sobald Kinder dann ein eigenes Smartphone besitzen, erlauben eine Reihe von Sicherheits-Apps vielseitige Kontrollmöglichkeiten. Damit sie erfolgreich ihrer Tätigkeit nachkommen können, müssen diese Programme auf das Smartphone der Eltern und des Kindes geladen werden. So legen Erwachsene damit unter anderem Nutzungszeiten fest, regulieren App-Käufe oder verhindern das Auffinden unliebsamer Webseiten. Auch eine Ortungsfunktion ist häufig vorhanden, damit wir uns keine Sorgen zu machen brauchen, wenn die Kinder wieder mal auf dem Heimweg nach der Schule trödeln. Bei manchen Apps können Eltern zudem prüfen, welche Webseiten ihr Nachwuchs aufgesucht hat. Wenn dann aber zuweilen die Möglichkeit besteht, sämtliche Textnachrichten der Kinder auf dem eigenen Gerät mitzulesen, ist die totale Überwachung der Kindheit perfekt.

Übertriebene Kontrolle hemmt die Entwicklung

Es gibt einen eklatanten Unterschied zwischen Kontrolle und Überwachung. Schon aus ethischen Gründen verbietet es sich, heimlich die Nachrichten der Kinder mitzuhören oder mitzulesen. Abgesehen davon hemmt übertriebene Kontrolle die gesunde Entwicklung von Kindern. Statt eigenverantwortlich und selbstregulativ handeln zu können, ordnen sie sich dem Erwachsenen unter. Eine Langzeitstudie der University of Virginia hat herausgefunden, dass diese Kinder später unter anderem schlechtere Bildungsabschlüsse aufwiesen und als Erwachsene in Liebesbeziehungen und Freundschaften über keine gute Bindungsfähigkeit verfügen. Eltern, die einen extrem starken Wunsch nach Kontrolle verspüren, haben Angst und eine Störung des Urvertrauens. Beides kann sich auf Kinder übertragen. 

Dennoch kann ich den Wunsch nach Schutz sehr gut nachvollziehen. Wir alle wünschen uns Sicherheit für unsere Kinder, selbst wenn es sie weder im Netz noch draussen auf der Strasse wirklich gibt. Weil wir unsere Kinder lieben, weil wir sie vor jeglichem Schaden bewahren wollen. Allein schon deshalb müssen wir bestimmte Aspekte wie Nutzungszeiten und digitale Inhalte gut im Auge behalten. Besonders erfolgversprechend sind offene Gespräche, gemeinsam getroffene Vereinbarungen und viel Vertrauen. Da sich Kinder nicht gut regulieren können, sollten wir ihnen helfen, es zu lernen. Die Erziehung unserer Kinder ist viel zu wichtig, um sie digitalen Geräten zu überlassen. 

Das sollten Eltern wissen

  • Kinder brauchen Vertrauen, eine gewisse Freiheit und Privatsphäre.

  • Nachrichten auf dem Natel der Kinder sind tabu. Ausser sie gestatten uns Einblick.

  • Viele Sicherheitseinstellungen wie App-Käufe und mehr können gemeinsam mit den Kindern direkt auf dem Gerät vorgenommen werden – ohne Fernsteuerung.

  • Gute Begründungen helfen Kindern, diese Entscheidungen nachzuvollziehen.

  • Auch wenn «Loslassen» nach Esoterik klingt, besteht doch die Entwicklung von Kindern auch darin, dass sie täglich selbständiger werden, damit sie später ihr Leben alleine meistern.

Zum Autor:

Thomas Feibel, 58, ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.
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