Medienerziehung
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Wie gefährlich ist dieses Cybermobbing für die jugendliche Psyche?

Problematisch ist, dass Eltern glauben, es gäbe auf der einen Seite klar die Opfer und auf der anderen die Täter. Sie begreifen nicht, was wirklich passiert: Die meisten sind gleichzeitig Täter und Opfer. Sie sind zum Beispiel «beste Freundinnen für immer» bis sie «schlimmste Feindinnen für immer» werden. Sie streuen Gerüchte und sagen gemeine Sachen zueinander. Das ist die Kultur unserer Jugendlichen, und Eltern sollten sich bewusst sein, dass ihr Kind ein Teil davon ist. Das ist ja nichts Neues. Kinder haben schon immer Sachen zueinander gesagt wie: «Ich bring dich um, weil du mir meinen Freund weggeschnappt hast». Neu ist, dass die Eltern auf Facebook und Co. plötzlich mitlesen. Das macht sie nervös. Wenn sie sich dann einmischen, wird das Problem allerdings noch grösser. Plötzlich müssen sich auch die Schulen darum kümmern. Dabei haben die doch schon genug zu tun.

Wo liegt der Unterschied, wenn dieses Fertigmachen online stattfindet?

Ich zitiere die von uns befragten Kinder. Erstens: Es geht nach der Schule weiter, Tag und Nacht. Zweitens: Es ist einfacher, online etwas Gemeines zu sagen, als wenn man der Person gegenübersteht. Drittens: Im Internet gibt es viele indirekte Beleidigungen, bei denen man sich angesprochen fühlt, obwohl man nicht gemeint war. Da steht: «Die hässliche Kuh, die sich für den Freund von anderen interessiert» – und jede denkt, es ginge um sie. Das klingt jetzt alles sehr schlimm. Mein Job als Wissenschaftler ist es, diese Perspektive geradezurücken.

Und wie machen Sie das?

Zum einen haben wir uns angeschaut, ob die möglichen Konsequenzen von Mobbing bei den Jugendlichen zugenommen hätten, also Magersucht, selbstverletzendes Verhalten und Selbstmord zum Beispiel. Bisher haben alle mir bekannten Statistiken gezeigt, dass dies nicht der Fall ist. Ausserdem haben wir Lehrpersonen gefragt, ob sich die Atmosphäre zwischen den Schülerinnen und Schülern verschlechterte. Sie sagen ganz klar: nein. Es passiert einfach online, was vorher offline passiert ist. Und dass es online passiert, hat auch Vorteile: Jetzt haben wir erstens Beweise, und zweitens ist das Mobbing weniger körperlich. Das gleicht auch einen Geschlechterunterschied aus: Früher waren Jungen gemeiner, weil sie den Mädchen körperlich überlegen waren. Mit den sozialen Medien haben die Mädchen an Stärke gewonnen – leider wenden sie diese auch gegeneinander an. Aber man kann online nicht nur fertiggemacht werden, sondern bekommt auch viel Bestätigung und Unterstützung.

Unterscheiden sich die Geschlechter auch, wenn es darum geht, im Internet Bestätigung zu bekommen? Bei der Schweizer James-Studie kam heraus, dass Jungen vor allem Videoinhalte schätzen, Mädchen eher Fotos.

Bei Twitter zum Beispiel geht es darum, lustig und originell zu sein, das gefällt den Jungs. Bei Instagram sind schöne Bilder wichtig, das mögen die Mädchen. Da passt die Mediennutzung gut zu den Geschlechterklischees. Die Jungen posten auch sehr gerne Videos – aber meist in Zusammenhang mit einem lustigen Textkommentar. Wohingegen es bei den Mädchen vor allem um Schönheit und ästhetische Fotos geht.
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Sie haben von den Jugendlichen als Kultur gesprochen. Unterscheidet sich die Social-Media-Nutzung auch zwischen verschiedenen Ländern?

Wir haben mit neun Forschern in neun Ländern 15 Monate lang die Nutzung der sozialen Netzwerke angeschaut und verglichen. Das hat uns gezeigt, dass Menschen die Medien völlig unterschiedlich benutzen, je nachdem in welcher Gesellschaft sie aufwachsen. In manchen Ländern verändert das Internet sehr viel. Zum Beispiel können Frauen aus streng muslimischen Familien plötzlich auch ausserhalb des familiären Kontexts mit Männern sprechen. Für die Engländer hingegen ist Facebook ein praktisches Mittel, Menschen einerseits auf Distanz zu halten, ihnen aber andererseits auch nicht sagen zu müssen, dass man kein grosses Interesse an ihnen hat. Wir mögen unsere Beziehungen wie unser Wetter: lauwarm.

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