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Medienerziehung

«Die sozialen Netzwerke sind die Rache der Kinder!»

Daniel Miller beschäftigt sich als Anthropologe damit, wie Menschen die sozialen Netzwerke nutzen. Sein Ergebnis: Sie leben online ihre eigene Kultur. Und das macht die Netzwerke für Jugendliche so wichtig.
Interview: Bianca Fritz
Fotos:
Stephan Rappo/ 13Photo

Herr Miller, Schweizer Eltern quält die Sorge, dass ihre Kinder vor dem PC vereinsamen, dass die sozialen Netzwerke «echte Kontakte» in den Hintergrund drängen.

Welch seltsame Idee! Der Clou ist doch, dass es eben soziale Medien sind. Es geht darum, mit anderen Leuten herumzuhängen, sich auszutauschen. Ich kann ohne Zweifel sagen: Soziale Netzwerke machen junge Menschen sozialer!

Während sie vor ihrem Bildschirm herumsitzen, anstatt draussen zu sein?

Sie haben Bildschirme, ja. Aber die Interaktion zwischen Jugendlichen müssen wir heute als eine Mischung aus On- und Offline-Kommunikation begreifen. Es gibt keine rein virtuelle Realität – sie ist nicht abgetrennt vom restlichen Leben. Im Normalfall geht die Unterhaltung mit Freunden und Schulkollegen einfach online weiter.

Und das geht nicht auf Kosten anderer Aktivitäten?

Kinder werden weiterhin ihre Hausaufgaben machen, aber sie wollen dabei die Webcam einschalten, um mit anderen zusammen zu sein. Das ist gar keine so grosse Ablenkung! Hin und wieder, wenn ihnen langweilig ist, werden sie «Hi» sagen, aber vor allem fühlen sie sich sicher, wenn sie Gleichaltrige um sich haben. Sie wissen dann, dass sie nichts verpassen.
Daniel Miller Anthropologe, ist Professor am University College London. Er beschäftigt sich mit Beziehungen von Menschen zu Dingen. Einige Studien sind auf Deutsch erschienen («Das wilde Netzwerk. Ein ethnologischer Blick auf Facebook», Suhrkamp 2012, Fr. 22.90). Die Ergebnisse der erwähnten internationalen Vergleichsstudie zur Social-Media-Nutzung sollen im Februar 2016 veröffentlicht werden.
Daniel Miller
Anthropologe, ist Professor am University College London. Er beschäftigt sich mit Beziehungen von Menschen zu Dingen. Einige Studien sind auf Deutsch erschienen («Das wilde Netzwerk. Ein ethnologischer Blick auf Facebook», Suhrkamp 2012, Fr. 22.90). Die Ergebnisse der erwähnten internationalen Vergleichsstudie zur Social-Media-Nutzung sollen im Februar 2016 veröffentlicht werden.

Sie könnten sich doch treffen!

Das Problem ist, dass dies heute kaum noch möglich ist. Früher konnten die Kinder auf den Strassen zusammenkommen, viele Eltern wussten gar nicht, was sie da treiben. Aber heutzutage sind die Eltern besessen von der Idee, dass ihre Kinder draussen nicht sicher sind, dass sie von Pädophilen entführt werden und so weiter. Jetzt kontrollieren sie fast alles, was ihre Kinder tun. Jugendliche wollen aber mit ihren Freunden herumhängen – ohne elterliche Aufsicht. Also benutzen sie die Bildschirme, um zu interagieren. Soziale Netzwerke sind sozusagen die Rache der Kinder an Eltern, die sie zu sehr einengen.
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Aber das Internet ist ja auch kein gefahrloser Raum.

Genau. Jetzt kommen die Eltern und sagen: Soziale Medien sind gefährlich! Dort sind die Pädophilen, die euch kriegen werden. Sie versuchen wieder Kontrolle über die Freiräume ihrer Kinder zu gewinnen. Wo auch immer die Kinder spielen – ob draussen oder im Internet –, die Eltern werden sagen, dass es unsicher ist. Es liegt einfach in der Natur der Eltern, dass sie ihre Kinder beschützen wollen. Die Medien vermitteln uns auch, dass die Kinder heute unsicherer sind, obwohl die Sicherheit insgesamt steigt. Was das Internet angeht: Die Hauptgefahr dort sind andere Kinder. Gerade die jungen Mädchen sind im Internet sehr gemein zueinander – und das in einem Alter, in dem sie häufig ein geringes Selbstbewusstsein haben.

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