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Medienerziehung

Amokläufe: Wie unsere Medien neue Täter schaffen

Killerspiele, Migration, Männlichkeitsideale – unser Kolumnist, der Psychologe Fabian Grolimund, hat eine klare Meinung zur Frage, wer wirklich zu Amokläufen beiträgt.
Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren 
Ich äusserte mich bis jetzt nie zu Themen in der Presse. Heute tue ich es, weil ich mich mit jedem Bericht mehr ärgere. Nach dem Amoklauf in München wird in den Medien wieder fleissig nach Gründen für solche Taten geforscht. Experten werden befragt und Journalisten basteln sich ihre Theorien zusammen. Sind es die Computerspiele? Die Migration? Eine falsch verstandene Männlichkeit, wie Bettina Weber in der Sonntagszeitung meint? Und was soll getan werden? Mehr Polizei? Mehr Aufklärung an den Schulen? Das Einzige, worüber in den Medien nicht geschrieben wird: Es sind die Medien selbst, die massgeblich zu Amokläufen beitragen.

Während über immer neue Details der Tat und über die Hintergründe ausführlich berichtet wird, und Millionen den Kopf schütteln, fühlen sich einige wenige inspiriert. Für sie sind die Täter Vorbilder, denen es nachzueifern gilt.

Während wir alle den Kopf schütteln, wenn wir die Zeitungsberichte lesen, sitzt in irgendeiner Wohnung ein Jugendlicher, der seit Jahren gemobbt wird. Vielleicht hat er mit dem Gedanken gespielt, sich das Leben zu nehmen und sieht plötzlich eine Möglichkeit, sich zu rächen und schneidet den Zeitungsbericht aus.
Wir schütteln den Kopf über die Details. Aber einige wenige fühlen sich von ihnen inspiriert.
In einer anderen Wohnung sitzt ein frustrierter Narzisst. Ein Niemand, der gerne jemand wäre und eine Möglichkeit sieht, berühmt zu werden oder seine «Botschaft» zu verbreiten. Vielleicht sieht er sich bereits selbst auf der Titelseite der Zeitungen. Er beginnt, sich erste Gedanken darüber zu machen und vage Pläne zu schmieden.

Fast allen Tätern ist etwas gemeinsam: Sie befassten sich vor ihren Taten lange und intensiv mit den Medienberichten über andere Täter. Sie liessen sich davon in eigenen Plänen bestärken und identifizierten sich mit den Tätern.

Breivik, der auf den Tag genau fünf Jahre vor dem Attentat in München 77 Menschen umbrachte, hat seinen eigenen Fanclub. Er erhielt nach seiner Tat Fanpost und Heiratsanträge. 

Mobbing, Computergames und ähnliches gab es alles schon vor dem Massaker an der Columbine High School. Doch erst seit diesem ersten Amoklauf an einer Schule und den detaillierten Berichten darüber häufen sich die Taten. Nachahmer fanden sich überall auf der Welt. 

Eric Harris, einer der beiden Täter, schrieb vor der Tat: «Wir werden Nachfolger haben, weil wir so verdammt göttlich sind.» Er wusste, dass er sich dabei auf die Presse verlassen kann.
Selbstmorde häufen sich, wenn die Medien berichten. Das nennt man den Werther-Effekt.
Die psychologische Forschung konnte mehrfach zeigen, dass sich Selbstmorde häufen, wenn in den Medien davon berichtet wird. Dieses Phänomen wird als Werther-Effekt bezeichnet. Der Name geht zurück auf Goethes Roman «Die Leiden des jungen Werther». Ein Buch, das nach seiner Veröffentlichung eine Welle von Selbstmorden auslöste, die dem Selbstmord von Geothes Hauptfigur glichen. Mehrere Auswertungen von Berichten über die Selbstmorde von Prominenten konnten Werther-Effekte nachweisen. Sogar der Film «Tod eines Schülers», der eigentlich als Aufklärungsfilm zum Thema Suizid gedacht war, führte bei beiden Ausstrahlungen zu einem deutlichen Anstieg der Selbstmorden. Dass sich die Menschen, die sich umbrachten, mit dem Protagonisten des Films identifizierten, lässt sich auch daran festmachen, dass es Menschen in einem ähnlichen Alter waren und diese auf die gleiche Weise Selbstmord begingen.

Ich bin mir fast sicher, dass sich ein ähnliches Phänomen bei Amokläufen ausmachen liesse, auch wenn es sich aufgrund der niedrigen Fallzahlen schlecht wissenschaftlich erforschen lässt. Wir könnten in diesem Fall von einem Columbine-Effekt sprechen.

Liebe Journalisten: Bitte seid euch bewusst, dass es nicht nur eine Pressefreiheit gibt, sondern auch eine Presseverantwortung. Habt bei eurer Berichterstattung auch diejenigen im Kopf, die zu Hause vor dem PC sitzen und nach Berichten über Amokläufer suchen, sich diese abspeichern, sich dadurch inspiriert und bestärkt fühlen. Füttert diese Leute nicht unnötig.

Zum Autor
Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor («Mit Kindern lernen»). Der 36-Jährige ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

Fabian Grolimund schreibt regelmässig für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi. In der Rubrik Elterncoaching beantwortet er Fragen aus dem Familienalltag. Sie wollen seine Texte nicht mehr verpassen? Abonnieren Sie jetzt unseren kostenlosen Newsletter. 
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4 Kommentare

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Von Kommentar am 26.07.2016 18:48

Es ist zwar nur ein Nebenaspekt des Beitrags: Aber Selbsttötungen sollte man möglichst nicht pauschal als Selbst*morde* bezeichnen, da damit eine moralische Abwertung transportiert wird.

Man denke an Zeiten, zu denen Menschen, die sich (aus diversen Gründen) selbst getötet hatten (ohne andere zu töten), als "Mörder" stigmatisiert waren und nicht auf dem Friedhof begraben werden durften etc. Moralische Stigmatisierung hilft nicht bei Aufklärung und Prävention von Suiziden.

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Von Wieland am 26.07.2016 09:30

Es sollte dem Autoren aber schon bekannt sein, dass der "Werther-Effekt" höchst umstritten ist, da von einer "Welle" an Suiziden im Kielwasser des Goethe'schen Romans wahrlich nicht die Rede sein kann. Auch bei den jetzigen Vorfällen kann man davon nicht sprechen. Amokläufe sind glücklicherweise Dinge, die nicht jeden Tag passieren, auch wenn jetzt gerade der Eindruck entstehen könnte.
Ich finde auch nicht, dass die Medien solche Auswüchse totschweigen sollten, denn so entsteht kein Diskurs darüber, wie wir gesellschaftliche Anstrengungen unternehmen können, dieses zu verhindern. Wir müssen uns nämlich die Frage stellen, warum Menschen so sehr in die Ecke getrieben fühlen, dass sie keinen anderen Ausweg sehen, als sich und oder anderen das/die Leben zu nehmen. An der Stelle muss es wehtun, damit ein Bewusstsein dafür entsteht, wie dieses System, in dem wir leben, mit uns und unseren Mitmenschen umgeht. Es hat nämlich Gründe, warum sich Leute radikalisieren, warum sie sich in virtuelle Welten zurückziehen, warum sie Mittel und Wege suchen, nur ein einziges Mal aus der scheinbaren Bedeutungslosigkeit auszubrechen.
Dies hat viel damit zu tun, welche Ideale uns das kapitalistische Denken vermittelt. "Haste was, biste was" - damit fängt es an. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass man nichts ist, wenn man nichts hat. An der Stelle fängt die Angst an und Angst kann schnell in Aggressionen umschlagen. Aggressionen gegenüber sich selbst, gegenüber anderen oder der Gesellschaft, die einem die Wertlosigkeit unterstellt. Diese Zustände halt ich für entscheidender als die mediale Aufarbeitung von Verbrechen wie denen, die wir gerade erleben. Dazu kommt noch das Bild von Männlichkeit, das gesellschaftlich vermittelt wird und das dringend einem emanzipatorischen Paradigmenwechsel unterzogen werden muss. Wir müssen vermitteln, dass Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühle zugelassen werden müssen und nichts mit Schwäche zu tun haben. Und das wir uns Menschen zuwenden, die solche Gefühle in sich tragen.
Wenn die Diagnose "Narzissmus" schon herangezogen wird, um die Taten von Tim K., Robert Steinhäuser oder Anders Breivik zu erklären, dann sollten wir auch unseren Augenmerk darauf lenken, dass diese Menschen in ihrem Leben selbst mit viel narzisstischen Verhaltensweisen konfrontiert waren. Mobbing ist nämlich nichts anderes als das Herabsetzen eines Menschen, mit dem Ziel, sich selbst zu erhöhen. Per Definition nennt man das "Narzissmus". Und auch gesellschaftlich sind diese Verhaltensweisen weit verbreitet. Wer kein großes Einkommen hat, keine tolle Schulbildung mit super Noten absolviert hat, bekommt von allen Seiten vermittelt, er sei nichts wert. Mal die Kommentare zu Arbeitslosen gelesen? Solidarität findet sich da kaum, nur bösartige Anfeindungen und Schuldzuweisungen. Und das ist nur eine Bevölkerungsgruppe, die so behandelt wird. Das Gleiche geschieht bei Flüchtlingen und Rentnern. Da wird von Schmarotzern geredet, die Arbeitsplätze stehlen oder die unsere Steuergelder "verbraten", um sich ein vermeintlich schönes Leben zu machen. Solche Ansichten sind nicht nur falsch, sondern auch kreuzgefährlich.

Um meinen Kommentar zum Ende zu bringen: Vielleicht sind die derzeitigen Vorfälle ein dringender Appell an uns, die Augen auf das zu richten, was um uns herum so passiert, uns mit den "Schwachen" zu solidarisieren und uns unsere verdammt Überheblichkeit abzugewöhnen. Wir müssen zurück zum Humanismus, wenn unsere Welt so sicher und angenehm wie möglich sein kann. Es gibt keinen anderen Weg.

Von Fabian am 26.07.2016 17:00

Lieber Herr Wieland

Vielen Dank für Ihren klugen Kommentar.

Der Werther-Effekt ist durchaus ernst zu nehmen, wie die Metaanalyse von Jane Pirkis und Warwick Blood aus dem Jahr 2010 zeigt. Die Autoren werteten 97 Einzelstudien zum Thema aus und fanden konsistent Nachahmungseffekte. Sie finden das Original unter dem folgenden Link:

http://www.mindframe-media.info/__data/assets/pdf_file/0016/5164/Pirkis-and-Blood-2010,-Suicide-and-the-news-and-information-media.pdf

Natürlich müssen und sollen Medien über Amokläufe und Terroranschläge berichten. Aber sie sollten das in einer verantwortungsvollen Weise tun. Sie sollten genau das tun, was Sie vorschlagen: Uns dabei helfen, die Augen auf das zu richten, was passiert, Solidarität mit den Schwachen zu empfinden und die Ursachen, die Sie nennen, anzugehen. Dabei ist es nicht hilfreich, wenn nach einem Amoklauf - bevor jegliche Details bekannt sind - gross "Terror in München" getitelt wird, nur weil das Wort "Terror" momentan die meisten Klicks bringt. Es ist auch nicht hilfreich, wenn man den Film der Überwachsungskamera online stellt, wie das im Falle des Columbine-Massakers geschah - und damit dazu beiträgt, dass ein Fanclub um die Täter herum entsteht. Durch die Befriedigung primitiver Sensationslust entsteht kein Dialog. Durch die Verbreitung von Angst werden keine Ursachen aufgearbeitet. Es schürt vielmehr Hass und führt bei vielen Menschen zu radikalen Ansichten und primitiven "Lösungsvorschlägen".

Wir müssen die Ursachen, die Sie nennen, angehen. Und wir sollten gleichzeitig Verantwortung der Medien einfordern. Wer schreibt, sollte sich bewusst sein, dass er oder sie nicht nur berichtet, sondern mit der Art der Berichterstattung die Welt mit beeinflusst und erschafft, in der wir leben. Dies scheint in Zeiten von Echtzeit-Leserstatistiken, Splittests, Clickbaiting und grossem finanziellem Druck auf die Branche einigen Journalisten mehr und mehr abhanden zu kommen.

Herzliche Grüsse
Fabian Grolimund

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Von Ursula am 26.07.2016 07:45

Vielen Dank für diese Abhandlung. Mir wird damit aus der Seele gesprochen. Ohne die reißerische Berichterstattung in allen möglichen Medien und dies in einer unerträglichen Intensität und Präsens, würde manches gar nicht diese breite Masse beschäftigen. Und darüber hinaus wahrscheinlich auch keine Informationsplattform für Nachahmer bieten. Mehr Verantwortungsbewussten seitens der Medien wäre toll. Und nicht nur die Sorge, das mediale Sommerloch füllen zu können.

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