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Psychologie

Wenn Kinder alles richtig machen wollen

Jugendliche, die sich unter grossem elterlichem Erfolgsdruck fühlen, leiden oft unter ausgeprägtem Perfektionismus. Der Preis dafür ist hoch: Die Kinder sind nicht selten von gesundheitlichen Beschwerden und Verhaltensauffälligkeiten betroffen.
Dr. Lavinia E. Damian
Alle Eltern wollen für ihre Kinder nur das Beste: Gesundheit, Glück und Erfolg im Leben. Wenn Kinder älter werden, betonen Gesellschaft, Lehrer und Eltern immer mehr, wie wichtig Erfolg in der Schule und im Beruf sei. Jugendliche, die für die Meinung anderer besonders empfänglich sind, können dies als enormen Druck empfinden, der zu Perfektionismus führen kann. Aus der wissenschaftlichen Literatur geht jedoch hervor, dass Perfektionisten weniger gesund und weniger glücklich sind und weniger Erfolg haben oder, falls sie doch erfolgreich sind, sich nie zufriedengeben. Beim Perfektionismus geht es darum, Dinge nicht nur so perfekt wie möglich, sondern eben unmöglich perfekt zu erledigen. Perfektionismus ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das ausserordentlich hohe Standards beinhaltet und zu überzogener Selbstkritik führt, wenn diese nicht erfüllt werden. Doch wer kann diese überhaupt erfüllen, wenn sie doch so unmöglich hoch sind?

DAS SIND DOCH DIE BRAVEN KINDER!

Perfektionismus hat viele Facetten. Am häufigsten untersucht wurden bei Kindern und Jugendlichen der selbstorientierte Perfektionismus und der gesellschaftlich vorgeschriebene Perfektionismus. Bei Ersterem legen die Kinder für sich selbst unmöglich hohe Standards fest, bei Zweiterem glauben sie, dass andere von ihnen Perfektionismus erwarten und sie von anderen nicht akzeptiert werden, wenn sie scheitern. 
Perfektionisten sind weniger gesund, weniger glücklich und weniger erfolgreich
Doch ist es wirklich schlecht für Kinder, wenn sie in der Schule fleissig sein und exzellente Ergebnisse erzielen wollen? Schliesslich sind dies genau die braven Kinder, nicht? Was sagt die Wissenschaft dazu? Positiv betrachtet bewirkt selbstorientierter Perfektionismus tatsächlich eine stärkere Motivation, grösseres Engagement, bessere Leistung und ausgeprägtere positive Emotionen, wenn man Erfolg hat. Negativ betrachtet ist der Preis des Perfektionismus, besonders wenn er von der Gesellschaft vorgeschrieben wird, sehr hoch: mehr physische Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen, Müdigkeit, mehr Angst und mehr depressive Symptome, die bis zu Suizidgedanken führen können. Das alles, weil man möglichst der beste Schüler sein will, auch wenn dies unmöglich ist.
Es ist daher überaus wichtig, Kinder vor diesem ungesunden Verhaltensmuster zu schützen und ihnen dabei zu helfen, eine gesunde Motivation für die Schule zu entwickeln. Dazu müssen wir wissen, was Kinder veranlasst, Perfektionisten zu werden. 
Obwohl die Theorie seit Langem darauf hinweist, dass dabei die Eltern eine Schlüsselrolle spielen, wurde bisher wenig erforscht, was bei Kindern und Jugendlichen zu Perfektionismus führt. Daher zielte unser von der Jacobs Foundation unterstütztes Projekt darauf ab, die Ursachen und Ergebnisse von Perfektionismus bei Heranwachsenden zu untersuchen. Bei den Ursachen haben wir erforscht, welche Rolle elterlicher Druck bei der Entwicklung von Perfektionismus bei 15- bis 19-Jährigen spielt.
«Beim Perfektionismus geht es darum, Dinge nicht einfach perfekt, sondern unmögliche perfekt zu erledigen»
Dr. Lavinia E. Damian
Obwohl die Theorie seit Langem darauf hinweist, dass dabei die Eltern eine Schlüsselrolle spielen, wurde bisher wenig erforscht, was bei Kindern und Jugendlichen zu Perfektionismus führt. Daher zielte unser von der Jacobs Foundation unterstütztes Projekt darauf ab, die Ursachen und Ergebnisse von Perfektionismus bei Heranwachsenden zu untersuchen. Bei den Ursachen haben wir erforscht, welche Rolle elterlicher Druck bei der Entwicklung von Perfektionismus bei 15- bis 19-Jährigen spielt.
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HOHE ERWARTUNGEN VON ALLEN SEITEN

Unsere Ergebnisse haben gezeigt, dass der von Jugendlichen verspürte elterliche Druck über einen Zeitraum von sieben bis neun Monaten zu verstärktem gesellschaftlich vorgeschriebenem Perfektionismus (nicht aber zu selbstorientiertem Perfektionismus) führt. Jugendliche, die das Gefühl hatten, dass ihre Eltern extrem hohe Erwartungen in sie setzen und sie kritisieren, wenn sie diese Standards nicht erfüllen, verspürten also verstärkt gesellschaftlich vorgeschriebenen Perfektionismus. Sie schienen die hohen Erwartungen ihrer Eltern auf die Erwartungen anderer (etwa Lehrer, Klassenkameraden, Freunde und möglicherweise Liebespartner) zu projizieren.

LANGFRISTIGE AUSWIRKUNGEN

Und damit nicht genug: Sie schienen auch die Denkweise zu entwickeln, dass andere sie nur akzeptierten, wenn sie perfekt sind. Sie dachten wohl: «Wenn meine Eltern von mir erwarten, dass ich perfekt bin, dann funktionieren Beziehungen generell so. Jeder erwartet von mir, dass ich perfekt bin, und ich werde nur geliebt, wenn ich perfekt bin.» Ausserdem scheinen sich die hohen Erwartungen der Eltern nicht in den eigenen hohen Leistungsstandards der Jugendlichen niederzuschlagen. Durch den elterlichen Druck wird also die positive Seite des Perfektionismus nicht positiver, sondern die negative Seite nur noch negativer. Unsere Erkenntnisse lassen auch den Schluss zu, dass dieser Einfluss der Eltern auf die Entwicklung der Persönlichkeit langfristig bis in die späte Jugend nachwirkt.
Man muss Kindern helfen, eine gesunde Motivation für die Schule zu entwickeln
 Auf der Basis dieser Erkenntnisse setzen wir unsere Arbeit fort, indem wir zu mehreren Zeitpunkten das Wechselspiel zwischen dem Perfektionismus von Jugendlichen und anderen Faktoren wie akademische Leistung, Selbstvertrauen, Ziele und schulisches Engagement analysieren. Zudem wollen wir herausfinden, wie sich diese Faktoren im Verlauf der Zeit gegenseitig beeinflussen, damit wir besser verstehen, wie Perfektionismus in Abhängigkeit der vielschichtigen Realität funktioniert und sich weiterentwickelt. Wir konzipieren auch neue Projekte, in denen wir diese Erkenntnisse auf andere elterliche Verhaltensweisen, aber auch auf andere Facetten von Perfektionismus übertragen, die bei Heranwachsenden bisher noch nicht untersucht wurden.
Unser langfristiges praktisches Ziel ist es, Eltern Verhaltensweisen zu vermitteln, die auf den akademischen und beruflichen Erfolg ihrer Kinder ausgerichtet sind. Wir wollen die Frage beantworten: Wie können Eltern ihre Kinder dabei unterstützen, erfolgreich zu sein, aber nicht um den Preis, dass die Kinder ungesund und unglücklich sind? Nach heutigem Stand lautet unsere Antwort: Eltern sollen ihren Kindern sagen, dass sie nicht perfekt sein müssen und dass sie geliebt, angenommen und unterstützt werden, auch wenn ihre Leistungsergebnisse nicht die besten sind.

Bild: Pexels.com


ZUR AUTORIN:

Dr. Lavinia E. Damian ist an der Babes-Bolyai-Universität in Rumänien Assistenzprofessorin im Fachbereich Psychologie. Ihre Forschung befasst sich mit Perfektionismus bei jungen Erwachsenen und Arbeitnehmern. Perfektionisten sind weniger gesund, weniger glücklich und weniger erfolgreich. Man muss Kindern helfen, eine gesunde Motivation für die Schule zu entwickeln.

JACOBS FOUNDATION

Als eine der weltweit führenden gemeinnützigen Stiftungen verpflichtet sich die Jacobs Foundation seit 25 Jahren der Forschungsförderung im Bereich der Kinder- und Jugendentwicklung. Die Stiftung möchte künftige Generationen durch die Verbesserung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten nachhaltig unterstützen.

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