Psychologie
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Was macht hier Spass?

«Gedanken an zu Hause sollte man sich für Zeiten aufheben, in denen es einem gutgeht», schrieb die niederländische Psychologin Miranda van Tilburg in einem viel zitierten Artikel. «Wenn wir uns schlecht fühlen, wenn wir die Sicherheit eines Zuhauses am meisten brauchen und deshalb unsere Gefühle preisgeben, hilft es uns am meisten, wenn wir uns auf die neue Umgebung einlassen: Was macht hier Spass? Wie lässt sich die Einsamkeit überwinden, die Traurigkeit, die Langeweile?»  

Dass Heimweh erst aufkomme, wenn man darüber spricht, ist jedoch ein Mythos. Christopher Thurber und Edward Walton empfehlen Familien und Freunden, offen über Sorgen und Ängste zu reden. Gemeinsam liessen sich Lösungen entwickeln. Nur ein Versprechen sollten Eltern ihren Kindern nie geben: Dass sie das Kind abholen kommen, wenn es ihm nicht gefällt. «Das reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Kind einlebt», so die beiden Wissenschaftler, «denn es schürt negative Erwartungen bei ihm». Und das Kind beginnt daran zu zweifeln, ob es sich überhaupt anderswo eingewöhnen können wird.  Im Ferienlager spricht Korinna Fritzemeyer die Kinder so früh wie möglich an, wenn sich erste Anzeichen für Heimweh zeigen. Denn aus Scham äussern sie ihre Ängste nur selten von sich aus.

Die Psychologin erkundigt sich nach den Sorgen und versichert den Kleinen, dass ihr Empfinden verständlich ist. «Kindern muss signalisiert werden, dass auch in der Ferne jemand zuverlässig für sie da ist», sagt sie. Sie müssten spüren, dass ihre Befürchtungen nicht einfach weggewischt, sondern ernst genommen werden. Nur wer sich sicher fühle, sei offen für andere. Manchmal helfe es auch, den Kindern eine andere Sichtweise zu vermitteln: «Schau mal, es ist doch ein gutes Zeichen, dass du dein Zuhause und deine Familie vermisst. Das bedeutet, dass du etwas sehr magst. Sie denken bestimmt ganz fest an dich. Und bald wirst du sie wiedersehen.» Solche Sätze trösten wohl jeden Menschen ein Stück weit. 

Heimweh – die «Schweizerkrankheit»

Der Begriff Heimweh geht auf den Elsässer Arzt Johannes Hofer zurück, der 1688 seine Dissertation dem Phänomen widmete. Er beschrieb das Heimweh als eine Krankheit, die tödlich verlaufe und nur Schweizer befalle. Hofer rätselte allerdings noch, ob der Auslöser das Fehlen der täglichen Suppe, der «schönen Milch» oder die «Sehnsucht nach der vaterländischen Freiheit» ist. 30 Jahre später beobachtete der Zürcher Arzt Johann J. Scheuchzer ein Vorkommen des «Übels» unter Schweizer Söldnern – die sofort an Heimweh erkrankten oder desertierten, sobald sie einen Jodel anstimmten. Weshalb dies konsequenterweise bei «ernstlicher Straffe» verboten wurde.

Besser hatten es die Swisscoy-Soldaten im Kosovo, die gemäss Auskunft des Pädagogisch-Psychologischen Dienstes 2002 den Plüsch-Hit «Heimweh» auf und ab spielten. Von vermehrten Desertionen wurde jedoch nicht berichtet. Bemerkenswert ist der Zusammenhang, den eine jüngere Studie beschreibt: So litten Rekruten umso stärker an «Anpassungsstörungen», je näher an ihrem Wohnort sie Dienst leisten mussten. Der Gedanke, dass man jederzeit schnell nach Hause könnte, hat offenbar das Heimweh verstärkt. Ergo: Haben Sie keine Angst davor, Ihr Kind ins Lager nach Südfrankreich zu schicken! Es wird wahrscheinlich weniger leiden, als wenn es eine Woche in Beinwil am See verbringt.

Ein Leiden, das schnell abklingt?

In der Regel nimmt Heimweh nach einem anfänglichen Höhepunkt schnell wieder ab – bei Studierenden in der Ferne etwa schon in den ersten Wochen. Doch das gilt nicht für jeden: «Es gibt verschiedene Arten von Verläufen», stellten niederländische Forscher 2015 in einer Überblicksstudie fest. Einige Betroffene litten schon an Heimweh, bevor sie überhaupt ihr Zuhause verlassen hatten, und bei einem Teil von ihnen habe die Sehnsucht jahrelang angehalten. 

Bei manchen ausländischen Studierenden und Arbeitsmigranten, die mehrere Jahre in der Ferne bleiben, steige der Schmerz mit der Zeit sogar noch. Laut dem Team um Psychologin Margaret Stroebe deuten die vorliegenden 55 Befunde ausserdem darauf hin, dass mit starkem Heimweh das Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen steige. In einzelnen Untersuchungen wurden beispielsweise vermehrt psychosomatische Beschwerden und koronare Herzerkrankungen beobachtet.

 Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift «Gehirn & Geist»

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