Psychologie
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Eine Art Minitrauer

Für unsicher gebundene Menschen hingegen ist ungewiss, wie sie auf andere wirken. Für sie bedeutet es Stress pur, wenn sie in einer fremden Stadt niemanden kennen und auf Fremde zugehen müssen. Sie sehnen sich öfter und stärker nach dem Zuhause und den alten Freunden. Aus solchen Befunden schliessen Wissenschaftler, dass Heimweh und Trennungsängste auf dieselbe «überschiessende Furcht vor einer Separierung» zurückgehen.  2015 deuteten Psychologen um Margaret Stroebe von der Universität Utrecht (Niederlande) das Phänomen als eine Art Minitrauer, die vorwiegend durch die Trennung von zu Hause und von der Familie bedingt sei. Diese werde noch gesteigert, wenn der Neuanfang am neuen Wohnort stressig beginne. «Für Kinder mit einer Bindungsstörung ist es nicht selbstverständlich, dass ihre Bezugsperson sie liebt und an sie denkt», sagt die Psychologin Korinna Fritzemeyer.

Vorbeugen hilft

Seit 2011 ist sie ehrenamtliche Kinderschutzbeauftragte für den Berliner Verein Wildfang und hat zahlreiche Ferienfahrten für Pflege- und Adoptivkinder geleitet. Viele der Teilnehmer hätten ein unsicheres Bindungsmuster und zeigten deshalb diffuse Formen von Heimweh. Sie nässten etwa nachts ein oder seien unruhig und aggressiv gegenüber anderen.
Etwa jeder zweite junge Mensch, der zum Studieren in eine andere Stadt zieht, sehnt sich in den ersten Wochen zurück ins alte Nest. Die gute Nachricht: Meist nimmt Heimweh nach einem anfänglichen Höhepunkt schnell wieder ab.
Etwa jeder zweite junge Mensch, der zum Studieren in eine andere Stadt zieht, sehnt sich in den ersten Wochen zurück ins alte Nest. Die gute Nachricht: Meist nimmt Heimweh nach einem anfänglichen Höhepunkt schnell wieder ab.
Zur Vorbeugung helfen oft simple Methoden. Die Kinder sollten bei der Auswahl der Ferienangebote mitentscheiden, damit sie sich nicht fremdbestimmt und abgeschoben fühlen. Vor Ort ist es hilfreich, wenn sie Dinge aus dem Elternhaus mitgenommen haben. «Fast alle Kinder, besonders die jüngeren, bringen einen Gegenstand mit, der sie an ihr Zuhause und gute Erfahrungen mit den Pflegeeltern erinnert», erzählt Korinna Fritzemeyer.

Das könne ein speziell für die Fahrt gekauftes  Spielzeug sein oder der Lieblingskissenbezug, ein abgenutztes Kuscheltier oder eine Wolldecke – am besten etwas, was nicht frisch gewaschen sei, sondern ein bisschen nach zu Hause rieche. Unterwegs helfen den Kindern Spiele oder Wanderungen durch die Natur, um sich vom Heimweh abzulenken.

Emotional ankommen

Auch Studenten wird viel geboten, damit sie sich rasch eingewöhnen. «Universitäten organisieren im ersten Semester Kennenlerntage, und das Campusleben macht es leicht, neue Kontakte zu knüpfen», sagt Studienberater Wilfried Schumann. Die Studierenden sollten nicht nur büffeln, sondern Sportangebote nutzen, sich einer Theatergruppe anschliessen oder sich politisch engagieren.   

Ob Freizeit, Studienbeginn oder eine dauerhafte Anstellung in einem fernen Land: Wer sich vorher über den neuen Ort informiert und dort positive Seiten entdeckt, wird sich schneller einleben. Schon vor dem Umzug sollten konkrete Pläne geschmiedet werden: Welchen Aktivitäten will man künftig nachgehen, in welchem Viertel will man leben, wie soll die Woche strukturiert sein? So lässt sich frühzeitig dem Gefühl begegnen, am neuen Ort die Kontrolle über die Lebensführung zu verlieren. 
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Internet, E-Mails und soziale Netzwerke erweisen sich bei einem Umzug als Segen und Fluch zugleich.
Bei einem Ortswechsel ist es sinnvoll, Hobbys und Interessen weiterzuführen. Wer gerne kocht, joggt oder Karten spielt, sollte dies weiterhin tun. Und Vereine bieten etwa die Möglichkeit, schnell und unkompliziert Menschen kennen zu lernen. Das ist essenziell, um emotional anzukommen.  Internet, E-Mails und soziale Netzwerke erweisen sich bei einem Umzug als Segen und Fluch zugleich. Alte Freunde lassen sich auf diese Weise leicht und jederzeit erreichen. 

Doch genau darin liegt ein Problem: «Die Technik schafft eine Standleitung in die Heimat. Statt sich auf den neuen Ort einzulassen, bekommen junge Menschen ständig Reize aus dem alten Umfeld und leben im Grunde dort weiter», sagt Wilfried Schumann.  Am Studienort suchten solche Studierenden dann weniger intensiv neue Freunde. Dadurch falle es ihnen schwerer, die Heimwehphase zu überwinden und in der neuen Stadt Fuss zu fassen. Psychologen empfehlen deshalb, lieber nur am Wochenende mit alten Freunden zu telefonieren.

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