Psychologie

Wenn der Gedanke an Zuhause schmerzt

Mit Gleichaltrigen ins Ferienlager zu verreisen ist das Grösste – bis das Heimweh zuschlägt. Wo kommt es her? Wie kann man vorbeugen? Was hilft, wenn es ausgebrochen ist? Hintergründe und Ratschläge zu einer Krankheit, die lange «Schweizerkrankheit» genannt wurde.
Text: Jana Hauschild
Bilder: Kat Jayne/Pexels & Palu Malerba/Pexels 
Das Heimweh schlägt meist abends zu. Da kullern den Kindern im Ferienlager dicke Tränen über die Backen, ziehen sich sonst fidele Buben und Mädchen auf ihre Zimmer zurück, einige haben plötzlich Bauchschmerzen. 94 Prozent aller Kinder, die in ein Ferienlager verreisen, vermissen mindestens an einem Tag ihr Zuhause, so eine US-amerikanische Erhebung. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob ein Kind bisher noch nie oder schon mehrmals von den Eltern getrennt war.

Auch Jugendliche und Erwachsene sind nicht vor Heimweh gefeit: Etwa jeder zweite junge Mensch, der zum Studieren in eine andere Stadt zieht, sehnt sich in den ersten Wochen zurück ins alte Nest. Viele Matrosen und Soldaten berichten ebenso, dass sie ihr Zuhause mitunter schmerzlich vermissen. Selbst im Urlaub überkommt manch einen die Sehnsucht nach dem Altbekannten.
Heimweh macht sich durch gedrückte Stimmung, Einsamkeit, Schlaflosigkeit, wenig Appetit, mangelnde Konzentration und sozialen Rückzug bemerkbar.
«Heimweh ist etwas zutiefst Menschliches. Wenn wir unsere gewohnte Umgebung verlassen, geht es fast jedem so, dass er sein Zuhause herbeisehnt», sagt Wilfried Schumann, Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle des Studentenwerks an der Universität Oldenburg. Zu Semesterbeginn tauchen deshalb regelmässig Studierende bei ihm auf. «Wer aus seinem Heimatort wegzieht, verlässt seinen bisherigen Bezugsrahmen», erklärt er. Diese persönliche Krise müssen die jungen Menschen erst einmal meistern. 

Heimweh tritt zwar unterschiedlich stark auf, äussert sich aber häufig ähnlich: Die Betroffenen sind gedrückter Stimmung und fühlen sich einsam, sie leiden unter Schlaf- und Appetitlosigkeit, Konzentrationsstörungen und ziehen sich zurück. Vor allem jüngere Kinder leiden. Mit zunehmendem Alter und mehr Erfahrung gewöhnen sie sich leichter in einer neuen Umwelt ein. 

Sichere Bindung – weniger Heimweh

Einen Schutzschild gegen Heimweh gibt es nicht: Wer das Gefühl hat, gegen seinen Willen umzuziehen, wird in der Ferne nur schwer Fuss fassen. Auch die Vorahnung, dass man dort bald an Heimweh leiden wird, fördert das Sehnsuchtsgefühl, erklären der Psychologe Christopher Thurber und der Kinderarzt Edward Walton, die seit Jahren zum Thema forschen. Und wer die neue Stadt tatsächlich nicht mag, wird leichter wehmütig und schweift umso häufiger in Gedanken zurück.  

Der Bindungsstil beeinflusst, wie schnell sich ein Mensch an einem neuen Ort heimisch fühlt, sagt die US-Entwicklungspsychologin Marian Sigman. Der Stil entwickelt sich im Kleinkindalter und wirkt sich später auf die Beziehungen zu Freunden und Partnern aus. Er bestimmt, wie ein Mensch mit Distanz und Abwesenheit von anderen umgeht. Menschen mit einem sicheren Bindungsstil sind unabhängig, offen für andere und gehen gern auf Entdeckungstour. Unbekannte Orte und fremde Menschen machen ihnen weniger Angst, und sie kennen Heimweh nur in schwacher Ausprägung.

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1 Kommentar

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Von Paul am 26.10.2019 22:08

Es tut mir leid, immer wieder. Tatsächlich ist es ein Grauen, und so unwirklich - niederschmetternd!

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