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Psychologie

Was tun, wenn Kinder weinen?

Das eigene Kind weinen zu sehen, gehört wohl zu den schwierigeren Erfahrungen des Elternseins. Wie sollen Eltern reagieren, wenn ihre Kinder negative Emotionen zeigen? Studien deuten darauf hin, dass die Art, wie Eltern damit umgehen, auch von ihrem Kulturkreis abhängt. 
Text: Yang Yang
Kinder weinen, wenn sie sich wehtun, mit anderen Kindern streiten, vom Arzt eine Spritze kriegen. Die Eltern können auf diese negativen Emotionen mit Zuwendung und Verständnis oder auch mit Strenge und Unnachgiebigkeit reagieren. Zeigen Eltern Verständnis, wird das Kind getröstet und dazu ermutigt, die negativen Gefühle auszudrücken. Ihm wird bei der Bewältigung der Probleme geholfen, welche diese negativen Gefühle auslösen. Ist ein Kind zum Beispiel frustriert, weil es Probleme beim Lösen einer Rechenaufgabe hat, können die Eltern ihrem Kind bei der Lösung der Aufgabe helfen und ihm Mut machen. 

Doch manchmal fehlt Eltern schlicht die Zeit oder die Geduld, um verständnisvoll auf die negativen Gefühle ihrer Kinder zu reagieren. Dann wenden sie Erziehungsstrategien an, die nicht auf Verständnis basieren, und sie bestrafen ihr Kind oder ignorieren die negativen Gefühle.

Wie wirken sich diese unterschiedlichen Erziehungsstrategien auf Kinder aus?
Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die soziale und emotionale Entwicklung Psychologie & Gesellschaft von Kindern, die Zuwendung und Verständnis erfahren, wenn sie negative Gefühle äussern, positiver verläuft, wohingegen strenge Erziehungsstrategien die Entwicklung eines Kindes im Allgemeinen negativ beeinflussen. In einer über zwei Jahre laufenden Längsschnittstudie mit weissen Familien in den USA haben wir untersucht, inwiefern die Reaktionen der Eltern auf negative Gefühle ihrer Kinder deren soziale Anpassungsfähigkeit, das Verständnis von Gefühlen und die Emotionsregulation beeinflussen.

Strenge Erziehungsstrategien beeinflussen die Entwicklung des Kindes meist negativ.
Wir haben die Familien zweimal im Abstand von einem Jahr besucht. Wie bei vorherigen Studien, die mit weissen Familien durchgeführt worden sind, zeigte sich, dass jene Kinder, die von ihren Eltern Trost, Hilfe und Zuwendung erfahren, weniger Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen einzuordnen und unter Kontrolle zu halten. Und auch, dass sie weniger Störungen wie aggressives Verhalten oder Depressionen entwickeln. Strenge Erziehungsmethoden wie Bestrafung wirken sich hingegen negativ auf die Fähigkeit eines Kindes aus, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Und die Reaktionen der Eltern wirken nachhaltig: Die Art und Weise, wie sie auf negative Gefühle ihres Kindes reagieren, wirkt sich auf dessen emotionalen Entwicklungsstand noch ein Jahr später aus.
Ermutigen Sie Ihr Kind, Gefühle zu zeigen, oder umarmen und küssen Sie es.
Dies ist jedoch nur ein Teil der Geschichte. Die meisten Studien zu diesem Thema wurden in westlichen Kulturen durchgeführt. Der kulturelle Kontext hat Einfluss darauf, welche Bedeutung Emotionen beigemessen wird. In westlichen Kulturen legen Eltern Wert darauf, dass ihre Kinder unabhängig und selbständig werden. Gefühle zu zeigen wird mit Durchsetzungsvermögen gleichgesetzt, weshalb Kinder in diesen Kulturkreisen oftmals dazu ermutigt werden. Im Gegensatz dazu wird in östlichen Kulturkreisen der Harmonie in der Gruppe grössere Bedeutung zugemessen. Daher werden Gefühle in diesen Kulturkreisen in der Regel nicht gezeigt. Eltern aus verschiedenen Kulturkreisen gehen also möglicherweise unterschiedlich mit den negativen Gefühlen ihrer Kinder um. Im Zuge der Globalisierung steigt die Zahl der Einwanderer in westlichen Ländern.

Viele Einwanderer passen sich zwar ein Stück weit an die kulturellen Werte des Gastlandes an, gleichzeitig halten sie aber an den Werten ihres Heimatlandes fest. Wenn dem so ist, können sich die Kinder dann im Gastland richtig einleben? Oder genauer gefragt: Wie entwickeln sich Kinder, wenn ihre Eltern, aus östlichen Ländern in den Westen eingewandert, bei der Erziehung darauf achten, dass die Kinder ihre Gefühle unterdrücken? Wir haben bei chinesischen Einwanderern in Amerika untersucht, wie sich die Reaktionen der Eltern auf negative Gefühle ihrer Kinder auf deren Entwicklung auswirken.

Dabei haben wir herausgefunden, dass sich – genau wie in weissen Familien – liebevolle und positive Reaktionen günstig auf die Emotionsregulation und die soziale Anpassung der Kinder auswirkten. Im Vergleich zu den weissen Eltern reagierten die chinesischen Eltern aber häufig strenger, wenn ihre Kinder negative Gefühle zeigten. Anders als bei weissen Kindern, wurde die soziale und emotionale Entwicklung der chinesischen Einwandererkinder durch eine strenge Reaktion aber nicht beeinträchtigt. So die Ergebnisse unserer Studie.

Wie sollten wir als Eltern also am besten reagieren, wenn unser Kind negative Emotionen zeigt? Egal, ob Sie aus einem westlichen Kulturkreis stammen, wo das Zeigen von Gefühlen positiv bewertet wird, oder aus einer Kultur, in der Gefühlsäusserungen eher negativ angesehen werden, sollten Sie versuchen, mit Zuwendung und Verständnis zu reagieren. Helfen Sie Ihrem Kind dabei, Probleme zu lösen, ermutigen Sie es, Gefühle zu zeigen, oder umarmen oder küssen Sie es. Bestrafen oder ignorieren Sie Ihr Kind nicht wegen seiner Gefühle, auch wenn es manchmal schwer ist, geduldig zu bleiben. Denn nur positive Strategien wirken sich positiv auf die emotionale Entwicklung aus.

Bild: Fotolia

ZUR AUTORIN

Yang Yang ist Doktorandin am Institut für Humanentwicklung an der Cornell University (USA). Sie forscht zu Fragen: Wie beeinflusst die kulturelle Herkunft der Eltern den Sozialisierungsprozess? Welchen Einfluss hat das Verhalten der Eltern auf die emotionale Intelligenz der Kinder? Und: Welche Rolle spielt das emotionale Verständnis im Hinblick auf die spätere Entwicklung?
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JACOBS FOUNDATION

Als eine der weltweit führenden gemeinnützigen Stiftungen verpflichtet sich die Jacobs Foundation seit 25 Jahren der Forschungsförderung im Bereich der Kinder- und Jugendentwicklung. Die Stiftung möchte künftige Generationen durch die Verbesserung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten nachhaltig unterstützen.

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