sexueller Missbrauch an Kindern
Psychologie
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Vater, Onkel, Sporttrainer, Sie haben nur männliche Beispiele aufgezählt.

Auch Frauen begehen sexuellen Missbrauch, und diese Übergriffe sind keineswegs weniger schädlich oder weniger schlimm. Aber weit über 90 Prozent der Täter sind männlich. 

Haben all diese Männer eine pädophile Neigung? 

Nein, von dieser Gruppe sind nur etwa 20 bis 30 Prozent pädophil veranlagt. Das heisst, sexuell ausgerichtet auf Kinder, und das seit ihrer Geburt. Die anderen 70 bis 80 Prozent machen dies aus einem Machtaspekt heraus. Sie kompensieren Schwäche- oder Ohnmachtsgefühle, indem sie Gewalt ausüben. Hinter der Gewalt steckt immer ein Machtanspruch. Man macht ein Kind schwach, demütigt es, was einem den «Kick» gibt, den man sucht. Und am stärksten ist dieser Machtkick bei der Ausübung sexueller Gewalt. 
«Man macht ein Kind schwach, demütigt es, und das gibt einem den Kick.» 

In welcher Lebensphase wird jemand zum Täter? 

Das ist eine spannende Frage, die schwer zu beantworten ist. Es gibt Studien, in denen Biografien von Sexualstraftätern untersucht wurden. Aus denen geht hervor, dass die überwiegende Mehrheit bereits als Kind oder als Jugendlicher sexuelle Taten begangen hat. Das heisst: Die Kompensation der eigenen Ohnmachtsgefühle durch sexuelle Gewalt fängt früh an. 

Mädchen sind doppelt so häufig betroffen wie Buben. Gibt es das typische Opfer? 

Grundsätzlich kann jedes Kind ein Opfer werden, denn alle Kinder sind in höchstem Masse von Erwachsenen abhängig. Sexuelle Ausbeutung von Kindern findet in sämtlichen Gesellschaftsschichten statt. Sie ist also kein «Unterschichtenthema». 
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Welche Folgen hat sexueller Missbrauch für die Entwicklung eines Kindes und sein späteres Leben?

Sexuelle Handlungen an einem Kind sind immer traumatische Ereignisse und haben schwere Auswirkungen, ganz besonders, wenn sie in einem engen Beziehungsgeflecht passieren. Das kindliche Vertrauen wird auf eine Art missbraucht, die ein Kind nicht deuten kann. Fast immer leiden die betroffenen Kinder als Folge davon unter Traumafolgestörungen. Wie schwer diese ausfallen, hängt von der Häufigkeit und Dauer ab und wie schwerwiegend die sexuellen Handlungen waren. 

Welches sind die typischen Symptome? 

Immer wieder kommen Erinnerungen bei den Betroffenen hoch, ausgelöst durch Menschen, Gegenstände, Gerüche, Geräusche und so weiter. Sie leiden unter Schlafstörungen, Ängsten, innerer Anspannung, Konzentrationsstörungen und sie erleben die traumatischen Szenen immer und immer wieder in Form von Bildern, Empfindungen oder Alpträumen. 

Aber wie können solche Übergriffe über Jahre hinweg stattfinden? Gibt es tatsächlich Mütter, die nicht mitbekommen, dass der Ehemann beziehungsweise Partner das eigene Kind missbraucht? 

Es gibt viele Varianten. Viele Frauen bekommen diese Handlungen tatsächlich nicht mit beziehungsweise deuten die Signale des Kindes falsch. Andere schauen weg, wollen oder «dürfen» es nicht wahrhaben und wieder andere unterstützen den Partner sogar, indem sie ihm die Kinder ins Schlafzimmer bringen. Diese Fälle sind krass und zum Glück sehr selten.

Wie gehen Sie vor, wenn Angehörige mit einem Verdacht zu Ihnen in die Beratung kommen? 

Wir schauen uns die Hinweise an, welche zu dem Verdacht geführt haben. Manchmal sind das Veränderungen im Verhalten des Kindes. Oft hat man lange, bevor ein Beweis vorliegt, eine Ahnung, dass etwas nicht stimmt. Dieses Bauchgefühl muss man ernst nehmen. 

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