Desktop adhs ritalin stigma eltern
Psychologie

Ritalin gegen ADHS – Fluch oder Segen?

ADHS-Serie, Teil 6:  Seit Jahren lesen wir Berichte über die stetig wachsende Zahl von Kindern, die das Medikament Ritalin einnehmen. Leiden heute tatsächlich mehr Jugendliche an ADHS? Oder werden einfach nur mehr Diagnosen gestellt? Eine Analyse. 
Text: Peter Rüesch 
Illustration: Partner & Partner
Das Phänomen des unruhigen Kindes ist nicht neu. Daran erinnert die Geschichte der Begriffe, welche das Phänomen beschreiben: Sie verläuft vom bekannten «Zappelphilipp» aus dem späten 19. Jahrhundert über das POS (Psycho-Organisches Syndrom) aus den 60er/70er-Jahren des 20. Jahrhundert zum heutigen Begriff ADHS. Es wird immer das gleiche Phänomen beschrieben, aber jeweils unterschiedlich erklärt und behandelt. Neu ist der verbreitete Einsatz von Medikamenten, von sogenannten Methylphenidaten (MPH, z. B. Ritalin) zur Behandlung der Zappeligkeit. Aber selbst diese Entwicklung ist in die Jahre gekommen: Die medikamentöse Behandlung von ADHS erlebte ihren ersten Boom bereits in den 1980er-Jahren in den USA und erreichte Europa wenig später. 

Zur Diagnose und Behandlung von ADHS 

Die Abkürzung ADHS steht für den Begriff der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung und stammt aus der psychiatrischen Diagnostik. Die Bezeichnung ADHS hat ihren Ursprung im Englischen, im deutschen Sprachraum wird oft von der sogenannten Hyperkinetischen Störung gesprochen. Beide Definitionen beschreiben eine Störung der Aufmerksamkeit und der Aktivität der betroffenen Person. Wichtig ist dabei, dass heute in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Grundsatz der multimodalen Behandlung von ADHS gilt, das heisst: ADHS-Kinder sollen immer eine Kombination verschiedener Massnahmen und Behandlungen erhalten. Dazu zählen neben der Psychotherapie auch Beratung und Erziehungstrainingsprogramme für die Eltern. Die medikamentöse Behandlung wird nur bei starker Ausprägung von ADHS und auch empfohlen.
Die medikamentöse Behandlung von ADHS mit Ritalin wird nur bei starker Ausprägung und nicht als alleinige Therapie empfohlen. 
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie es in den letzten Jahren trotzdem zu einer starken Zunahme von Ritalin-Behandlungen gekommen ist. Ritalin, eine Volksdroge? In der Tat wird auch für die Schweiz über eine besorgniserregende Zunahme an Ritalin-Behandlungen berichtet. Doch auf welche Zahlen können wir uns dabei tatsächlich abstützen? Verfügbar sind nur Studien, die zeitlich und geografisch begrenzt sind. So zeigt etwa eine Studie aus dem Kanton Zürich, dass bei Kindern im Schulalter die MPH-Verschreibungen von 1,5 Prozent in 2006 auf 2,6 Prozent in 2012 zugenommen haben [1]. Dafür sind folgende Gründe theoretisch denkbar: 

A) Mehr Kinder sind belastet: 
Die Häufigkeit von belasteten Kindern insgesamt hat in der Schweiz zugenommen. 

B) Mehr Kinder werden diagnostiziert: 
Die Häufigkeit von erkannten bzw. diagnostizierten Fällen hat zugenommen. 

C) Mehr Kinder erhalten Medikamente: 
Die Häufigkeit von Kindern, welche MPH verschrieben erhalten, hat zugenommen.

Der Erklärungsansatz A (mehr Kinder sind «krank») scheint wenig wahrscheinlich, da eine Verdoppelung belasteter Kinder innerhalb von vier Jahren aufgrund von Daten aus anderen Ländern kaum zu erwarten ist. Plausibler sind die Erklärungen B und C: Es erhielten in den letzten Jahren mehr Schulkinder, z. B. durch häufigere Abklärungen, eine ADHS-Diagnose und/oder ein zunehmender Anteil von diagnostizierten Kindern wurde medikamentös behandelt. Die Variante C2 scheint wenig wahrscheinlich, weil die Verschreibung des Medikaments in der Mehrheit der Fälle durch einen Facharzt erfolgt. Wichtig ist: Die Zunahme der MPH-Behandlungen muss nicht zwingend durch eine Veränderung der Behandlungspräferenzen in Richtung «mehr Medikamente» bedingt sein, sie ist auch allein durch vermehrte Abklärungen bzw. mehr diagnostizierte Fälle erklärbar.

ADHS und Medikalisierung

Die Ergebnisse dieses kurzen Exkurses deuten darauf hin, dass die wachsende Bedeutung von ADHS unter Schulkindern nicht allein auf die grössere Belastung der Kinder zurückzuführen ist. Es scheint vielmehr, dass die Umgebung der Kinder, also Eltern und Lehrpersonen, heute anders auf ein schon immer existierendes Phänomen reagiert. Heutzutage wird oft «therapeutisch» oder «medizinisch » auf ein Verhalten reagiert, das in seiner Ausprägung als nicht mehr akzeptabel bewertet wird. Hier setzt die soziologische Theorie der «Medikalisierung» an. Dieser Begriff steht für die These, dass auffälliges Verhalten und Erleben als Ausdruck einer gesundheitlichen Störung erklärt und medizinisch behandelt wird. Dabei spielt die historische Perspektive eine wichtige Rolle: Es geht um Verhaltensweisen, die früher nicht als Gesundheitsproblem oder Krankheit, sondern als ein disziplinarisches, erzieherisches Problem oder auch als Lebensschicksal betrachtet wurden.
Anzeige
Eltern und auch Lehrpersonen reagieren heute ganz anders auf ein Phänomen, das es schon immer gab.
Nun werden diese Phänomene der Medizin zugänglich gemacht und durch eine spezifische Diagnose kategorisiert. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften beschrieb Medikalisierung treffend wie folgt: «Von Medikalisierung spricht man, wenn etwa Stress am Arbeitsplatz oder Überforderung durch Kinderbetreuung zu Symptomen führen, die medizinisch behandelt werden; wenn also, statt die gesellschaftlichen Ursachen anzugehen, die Problemlösung in die Verantwortung von Ärztinnen und Ärzten ausgelagert wird» [2]. Die These der Medikalisierung wurde vom amerikanischen Soziologen Peter Conrad entwickelt. Er beschrieb folgende Triebfedern der Medikalisierung: Erstens die Entwicklung der psychiatrischen Diagnostik. Diese zeigt sich etwa beim amerikanischen Diagnostikmanual für die Psychiatrie, wo sich die Zahl der Diagnosen zwischen 1952 und 1994 von 102 auf 297 annähernd verdreifacht hat. Zweitens tauchten parallel dazu ab den 50er Jahren die ersten Psychopharmaka auf dem Markt auf, welche für die Behandlung psychischer Leiden eingesetzt werden konnten. Drittens schliesslich veränderte sich auch das Verhalten der potenziellen Patienten: Diese sind heute auch Konsumenteninnen auf dem Gesundheitsmarkt, sie sind informiert und wollen möglichst autonom entscheiden. Fachleute berichten unter diesem Hintergrund über eine nicht immer solide erfolgende Diagnostizierung von ADHS unter dem Druck der Eltern, die eine rasche Hilfe für die Probleme ihres Kindes erwarten.

Konsequenzen

Medikalisierung ist nicht per se etwas Negatives. Gerade im Bereich psychischer Krankheiten ist auch das quasi umgekehrte Phänomen bekannt, indem psychische Probleme lange unbehandelt bleiben – mit manchmal schwerwiegenden Folgen für die betroffenen Menschen. Dennoch bringt die Medikalisierung nicht zu unterschätzende Risiken mit sich:

  • Die Pathologisierung von Leidenszuständen, die früher als schwerwiegend, aber letztlich alltäglich bewertet wurden. Die Gefahr besteht dabei, dass wir immer weniger schwierige Situationen ohne den Beizug von Experten bewältigen können. 

  • Die Individualisierung von Verhaltensproblemen. Der Fokus der Aufmerksamkeit liegt auf dem Verhalten und weniger auf den Verhältnissen, welche die Probleme mitverursachen. In Bezug auf ADHS etwa fällt auf, dass vergleichsweise wenig darübe r diskutiert wird, inwieweit die Anforderungen der Schule an die Aufmerksamkeit der Kinder die ADHS-Diagnose mitbegünstigen. 

  • Die Veränderung der gesellschaftlichen Norm, was als «normales» oder «gesundes» Verhalten bewertet wird. Die WHO hat Gesundheit als Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens definiert, was mehr umfasst als die blosse Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen. Ausgehend von dieser Messlatte befinden wir uns nicht immer im Zustand maximalen Wohlergehens, gelten aber deshalb nicht gleich als krank.
Es ist falsch, die medikamentöse Behandlung von AHDs zu verteufeln und so zur weiteren Stigmatisierung der Eltern beizutragen. 
So betrachtet kann man nun den Prozess der Medikalisierung auch als Verschiebung der Grenze der medizinischen Behandlungsbedürftigkeit eines Problems in Richtung Gesundheit beschreiben. Als Folge dieser Verschiebung wird das Spektrum an Zuständen und Verhaltensweisen, die noch als gesund gelten, generell schmaler. Je schmaler aber dieses Spektrum ist, desto mehr Menschen benötigen Behandlung und desto mehr Massnahmen sind erforderlich.

Fazit

Die Entwicklung der ADHS-Diagnosen und die Behandlung der betroffenen Kinder sollten weiterhin kritisch beobachtet werden. Dabei ist dem oftmals grossen Leidensdruck der Eltern und Kinder Rechnung zu tragen: Es wäre falsch, die medikamentöse Behandlung von ADHS grundsätzlich zu verteufeln und so zur weiteren Stigmatisierung der Eltern beizutragen. Vermehrt in den Blick zu nehmen ist jedoch die Problemlösekompetenz vor Ort, jenseits des Griffes zu medizinischen oder anderen therapeutischen Interventionen. Dabei sollte besonders das Zusammenspiel von Elternhaus und Schule betrachtet werden. Beide Bereiche sind so stark voneinander abhängig, dass Interventionen, die nur am einen Ort ansetzen, auch nur begrenzten Erfolg haben dürften. Es stellt sich die Frage, wie sowohl Eltern als auch Lehrpersonen besser unterstützt werden können, Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen erfolgreich im Alltag zu begleiten – ohne den Rückgriff auf Medikamente. Es ist auch zu prüfen, wie die Anforderungen des schulischen Lehrplanes toleranter und flexibler auf das Lerntempo und die Lernbedürfnisse dieser Kinder ausgerichtet werden können.

Referenzen.
  1.  Rüesch, P.; Altwicker-Hámori, S.; Juvata, S.; Robin, D. (2014). Behandlung von ADHS bei Kindern und Jugendlichen im Kanton Zürich (Forschungsbericht z. Hd. der Zürcher Gesundheitsdirektion). Winterthur: Forschungsstelle Gesundheitswissenschaften.
  2. Pilgrim, U. (2012). Medikalisierung – ist immer mehr immer besser? bulletin SAMW, 4/12, 1–4.

Zum Autor:


Peter Rüesch. Prof. Dr., Psychologe FSP, leitet die Forschungsstelle Gesundheitswissenschaften an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er führte mehrere Studien zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz durch.

Diagnose von ADHS 


Gemäss der DSM-5 müssen für die Diagnose einer ADHS mindestens sechs Symptome aus den Schwerpunkt phänomenen der Unaufmerksamkeit oder der Hyperaktivität/Impulsivität festgestellt werden (Kriterium I). Die Symptome sollten in den letzten sechs Monaten aufgetreten sein und in einem Ausmass, das mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbaren ist. 

Zusätzlich müssen bei der Diagnosestellung von ADHS vier weitere Hauptkriterien erfüllt werden. Beeinträchtigende Symptome sind schon vor dem zwölften Lebensjahr aufgetreten (Kriterium II) und mindestens zwei Lebensbereiche sind durch die Symptome gestört (Kriterium III): Zusätzlich müssen klare Indizien für die Beeinträchtigung im schulischen, sozialen oder beruflichen Bereich vorliegen (Kriterium IV). 

Ausserdem sind die Symptome nicht durch eine Entwicklungsstörung, Schizophrenie oder andere psychotische Störung erklärbar oder werden nicht durch eine andere psychische Erkrankung ausgelöst (Kriterium V). Die ICD-10 definiert die Hyperkinetische Störung «durch einen frühen Beginn (meist in den ersten fünf Lebensjahren), einen Mangel an Ausdauer bei Beschäftigungen, die kognitiven Einsatz verlangen, und eine Tendenz, von einer Tätigkeit zu einer anderen zu wechseln, ohne etwas zu Ende zu bringen; hinzu kommt eine desorganisierte, mangelhaft regulierte und abschliessende Aktivität».


ADHS-Serie

Für manche ist es die Modediagnose unserer Zeit, für andere die häufigste psychische Störung im Kindes- und Jugendalter: ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) bzw. ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom). Betroffen sind rund 5 bis 6 Prozent aller Kinder. Jungen deutlich öfter als Mädchen. Diagnostiziert wird die Krankheit aber weitaus häufiger. 

Dies ist Teil 6 der 10-teiligen ADHS-Serie. Sie entsteht in Zusammenarbeit mit dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg unter der Leitung von Dr. Sandra Hotz.

Weiterlesen:



0 Kommentare

Diesen Artikel kommentieren