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Psychologie

Herr Bürgin, wie deutet man heute einen Traum?

Sigmund Freud sagte einst, der Traum sei der Königsweg zum Unbewussten. Auch der Basler Kinder- und Jugendpsychiater Dieter Bürgin nutzt diesen Weg ins Unterbewusstesein seiner Patienten. Gemeinsam mit ihnen sucht er nach der Bedeutung ihrer Träume. Wie macht er das? 
Text: Sarah King
Bild: Fabian Unternährer / 13 Photo
Kinder- und Jugendpsychiater Dieter Bürgin eröffnet das Gespräch mit einem Kind wie folgt: «Ich kenne dich nicht, du kennst mich nicht. Was möchtest du, was ich von dir kennenlerne?»

Nach einem Traum fragt er nicht. Stattdessen versucht er das Vertrauen des Kindes zu gewinnen und ihm zu zeigen, dass es nicht alleine ist mit seiner Innenwelt. Bis das Kind schliesslich einen Traum erzählt, kann viel Zeit vergehen.

Dieter Bürgin ist emeritierter Professor der Universität Basel und arbeitet heute in eigener Praxis. Er trägt seine Taschenuhr an einem Kettchen. Der Blick darauf erübrigt sich. Aus einem Nebenzimmer erklingt dumpf der Klang einer Pendeluhr. Soeben schlägt sie die volle Stunde. An einer Wand steht die Couch, dahinter ein dunkler Sessel. In einem davon sitzt der Analytiker.

Eine Praxis wie jede andere?

Nichts in seiner Praxis erinnert daran, dass hier Kinder ein- und ausgehen, kein Spielzeug, keine Zeichnungen. Und doch wirkt der Raum einladend. Vielleicht liegt es an Dieter Bürgin selbst. Ein bisschen erinnert er an den Buchhändler Karl Koreander aus Michael Endes Märchen «Die unendliche Geschichte». Nachdem der elfährige Bastian im Antiquariat seinen Buchdiebstahl gesteht, will Karl Koreander nichts davon wissen: «Du hast mir dieses Buch nicht gestohlen», sagt er. Im Gegenteil. Er bedankt sich und wünscht ab und zu gemeinsam Erfahrungen über Phantásien auszutauschen.
Dieter Bürgin versucht jeweils gemeinsam mit dem Kind die Traumbedeutung herauszufinden.
Dieter Bürgin versucht jeweils gemeinsam mit dem Kind die Traumbedeutung herauszufinden.

«Der Traum ist ein Geschenk!»

«Ein Kind prüft genau, wem es einen Traum erzählt und was der Empfänger damit macht», sagt Dieter Bürgin. «Der Traum ist ein Geschenk. Drücke ich einen Stempel drauf, mache ich das Geschenk kaputt.» Ein Stempel kann sein, dem Kind die eigene Interpretation des Traumes überzustülpen. «Das ist eine Unart», sagt Dieter Bürgin. «Ein Traum kann Symbole enthalten, aber deren Bedeutung lässt sich nicht verallgemeinern. Ich versuche, sie gemeinsam mit dem Kind zu erschliessen.»

Dieter Bürgin hört zu, beobachtet, denkt sich in die Fantasien des Kindes hinein: Welche Elemente hebt es hervor? Welche Einfälle hat es dazu? Welche Gefühle und welches Verhalten begleiten die Erzählung und die Beziehung zwischen dem Kind und dem Psychoanalytiker? Stück für Stück erarbeiten sich die beiden für einzelne Teile des Traumes eine Bedeutung, die für das Kind in diesem Moment relevant ist.

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