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Psychologie

Mein Lehrer, das Baby

Die kanadische Organisation «Roots of Empathy» möchte Primarschülern mehr Einfühlungsvermögen vermitteln und dadurch Aggressionen abbauen. 
Mit Erfolg, wie eine Schweizer Studie belegt. Doch einen Haken hat die Sache, 
sagt Studienleiter und Autor David Lätsch. 
Text: David Lätsch
Bilder: Christian Grund / 13 Photo
In Zusammenarbeit mit «Roots of Empathy»
Das Spiel geht in die zweite Runde. Es ist der entscheidende Moment: Wie verhalten sich die Kinder, fair oder egoistisch? Die Fünftklässler sind aufgeregt, reden durcheinander. Als Studienleiter haben wir unsere liebe Mühe, für Ruhe im Klassenzimmer zu sorgen. Ein Bub in der ersten Reihe schaut auf das Blatt seines Nachbarn, während hinten zwei Mädchen tuscheln. «Jeder für sich, bitte!», ruft meine Kollegin in die Klasse und stellt sich vor den Buben, der den Wink versteht: Er blickt geradeaus auf sein Pult, auf die Blätter, die vor ihm liegen. Es kehrt Ruhe ein.

Was hier gespielt wird, nennt sich «Trust Game», Vertrauensspiel. Es wurde von Ökonomen erfunden, überall auf der Welt hat man es eingesetzt, allerdings erst selten bei Kindern. Zunächst geht es darum, das Vertrauen der Mädchen und Buben in die Uneigennützigkeit ihrer Mitspieler zu testen. Dann erhalten alle Kinder 20 Taler. Jetzt steht ihre eigene Uneigennützigkeit auf dem Prüfstand: Behält ein Kind den Grossteil der Taler für sich oder teilt es die Taler zwischen seinem Mitspieler und sich selbst gerecht auf? Ihre Entscheidung teilen uns die Kinder anonym auf den ausgeteilten Blättern mit. Konzentriert machen sie ihre Kreuze.
Was ist Empathie überhaupt? Und wie lernt man sie? Das Programm von «Roots of Emapthy» und die Ergebnisse der Studie im Video. Quelle: Roots of Empathy

Empathie und Aggression hängen zusammen

Für diese Kreuze interessieren wir uns, weil wir die Wirkungen eines Programms evaluieren, das die Kinder im vergangenen Jahr durchlaufen haben. Das Programm heisst «Roots of Empathy» (auf Deutsch Wurzeln der Empathie, siehe Box am Schluss des Textes). Neunmal sind die Fünftklässler der Primarschule Stigeli in Affoltern am Albis im letzten Schuljahr von einer Mutter und/oder einem Vater mit deren oder dessen Baby besucht worden.

Es ging darum, dass die Kinder durch die Begegnung mit dem Baby lernen, ihr Einfühlungsvermögen zu schulen – und damit auch die eigenen Gefühle besser zu verstehen, einzuordnen und zu verarbeiten. Unterstützt wurden sie dabei von einer Trainerin, die von «Roots of Empathy» geschult wurde. «Roots of Empathy» nennt sich das Programm, weil es auf die Förderung des Einfühlungsvermögens zielt.
 
Aber es geht um mehr als das: Die Stärkung der Empathie soll indirekt auch zu einer Förderung des prosozialen Verhaltens führen, dazu, dass die Kinder einander häufiger helfen und mehr miteinander teilen. Auch sollen sie dadurch, dass sie empathischer werden, weniger aggressiv miteinander umgehen, einander weniger beschimpfen, herabsetzen, schikanieren, schlagen und ausschliessen.
 
Hinter den Zielen des Programms steckt die Annahme, dass Empathie und soziales Verhalten, insbesondere Empathie und Aggression, eng zusammenhängen: Je stärker wir uns in andere Menschen einfühlen können, je besser wir ihre Gefühle verstehen, desto mehr liegt uns daran, dass es den anderen gut geht. So helfen und teilen wir lieber, als dass wir Leid zufügen. So weit die Theorie, auf der «Roots of Empathy» aufbaut. Aber erzielt das Programm die Wirkungen, die sich die Erwachsenen davon versprechen? 

Wie hältst du es mit dem Teilen?

Das «Trust Game», das die Schülerinnen und Schüler in der fünften Klasse spielen, ist eine von vielen Methoden, die wir einsetzen, um dies herauszufinden. Während die Kinder mit ihren Blättern beschäftigt sind, sitzt die Lehrerin Claudia Bachmann im Nebenzimmer und beantwortet unsere Fragen zu jedem einzelnen Schüler, zu jeder einzelnen Schülerin. Wie nimmt sie die Kinder im Alltag wahr? Fällt es ihnen leicht, mit andern zu teilen? In der vorangegangenen Stunde haben wir die Schülerinnen und Schüler selbst schriftlich befragt: Wie hältst du es mit dem Teilen? In welchen Situationen tust du das, in welchen nicht? In der nächsten Sequenz werden sich die Kinder gegenseitig einschätzen: Welche Mitschüler helfen den anderen besonders oft? Wer tut sich schwerer damit?

Am Ende des Morgens haben wir durch den Einsatz dieser und weiterer Methoden alles beieinander, um uns ein Bild davon zu machen, wie fair und prosozial sich die Kinder verhalten, aber auch, wie empathisch sie sind und wie häufig sie aggressiv miteinander umgehen. Dabei sind wir heute nicht zum ersten Mal in Claudia Bachmanns Klasse. Weil wir uns für die Veränderungen interessieren, die seit dem Programmstart eingetreten sind, waren wir zu Beginn des Schuljahres schon einmal hier. 

Zur Erweiterung des Datensatzes werden wir die Daten von vielen weiteren Klassen berücksichtigen, die an «Roots of Empathy» teilnehmen. Und: Wir werden die Programmklassen wiederum mit solchen vergleichen, die nicht am Programm teilgenommen haben. Denn nur so lässt sich wissenschaftlich überprüfen, ob die Veränderungen, die seit dem Programmstart eingetreten sind, tatsächlich auf «Roots of Empathy» zurückzuführen sind (siehe Box zur Studie).

Die Studie

Ein Forscherteam der Berner Fachhochschule (Departement Soziale Arbeit) hat das Programm «Roots of Empathy» wissenschaftlich evaluiert. Finanziert wurde die Studie vom Schweizerischen Fonds für Kinderschutz­projekte mit Geldern der UBS Optimus Foundation. An der Studie beteiligten sich rund 500 Kinder aus 23 Klassen aus dem Kanton Zürich, verteilt über die dritte bis zur sechsten Primarstufe. Die Klassen wurden experimentell in zwei Gruppen eingeteilt: Klassen, die an «Roots of Empathy» teilnahmen, und solche, die nicht teilnahmen. Bei der Zuteilung wurde darauf geachtet, dass die Merkmale der Kinder, der Lehrpersonen sowie der Schulgemeinden in beiden Gruppen gleich verteilt waren. Die Erhebungen wurden zu Beginn des Schuljahres vor Programmbeginn und am Ende des Schuljahres nach Abschluss des Programms durchgeführt. Ein Jahr nach Abschluss führten die Forschenden weitere Erhebungen durch, um die längerfristigen Wirkungen einzuschätzen.
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Das Programm wirkt

Ein paar Wochen nach dem Termin in Claudia Bachmanns Klasse sitzen meine Mitarbeitenden und ich in unserem Berner Büro und sichten unsere Daten, schliessen offensichtliche Messfehler aus. Dann machen wir uns an die statistische Auswertung, prüfen Hypothesen, berechnen Effektstärken und diskutieren im Team, wie die Ergebnisse zu interpretieren sind.

Unsere Analysen belegen, dass «Roots of Empathy» tatsächlich wirkt. Das lässt sich am einfachsten zeigen, indem die Befunde aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt und zu Indikatoren gebündelt werden. Diese geben an, wie empathisch, prosozial und aggressiv die Schülerinnen und Schüler gesamthaft sind. Die Auswertung dieser Indikatoren zeigt, dass sich die Kinder in den «Roots of Empathy»-Klassen in allen drei Bereichen besser entwickelt haben, als es die Kinder in den anderen Klassen taten. Die Mädchen profitierten in den Bereichen Empathie und Aggression etwas stärker als die Jungen. Gross waren die Geschlechterdifferenzen jedoch nicht.

Bei einer Teilstichprobe untersuchen wir, wie lange die beobachteten Effekte anhalten. Sind die Kinder am Ende des Schuljahres vielleicht nur deshalb empathischer, prosozialer und weniger aggressiv, weil sie das Baby und die Begegnungen mit ihm noch präsent haben? Verfliegen diese Effekte, wenn das neue Schuljahr mit seinen neuen Anforderungen, Reizen und Entwicklungsanstössen beginnt?
Dafür finden sich in unserer Studie keine Belege. Als wir ein Jahr nach Abschluss von «Roots of Empathy» erneut in die Klassen gehen, um unsere Befragungen, Tests und Beobachtungen durchzuführen, zeigt sich: Die Effekte des Programms halten sich auf stabilem Niveau. Das ist aussergewöhnlich. Denn die Forschung belegt leider, dass die Wirkung von Präventions­programmen oft von ernüchternd kurzer Dauer ist.

Dass «Roots of Empathy» wirkt, ist eindeutig belegt. Nicht klar ist jedoch, wie das Programm wirkt. In unserer Studie setzen wir uns unter anderem mit zwei Hypothesen auseinander. Die erste besagt, dass die «Roots of Empathy»-Lektionen tatsächlich das Einfühlungsvermögen der Kinder fördern: Da das Baby sich noch nicht verbal mitteilen kann, muss es genau beobachtet werden, damit man seine Gefühle und Bedürfnisse benennen kann. So werden die Buben und Mädchen generell besser darin, sowohl die eigenen als auch die Gefühle anderer zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden. 

Die zweite Hypothese besagt, dass die Kinder nicht per se ihr Einfühlungsvermögen verbessern, sondern dazu angeregt werden, dieses häufiger zu nutzen, das heisst von ihrem Potenzial, sich empathisch zu verhalten, öfter Gebrauch zu machen. 

Zur Unterscheidung der beiden Hypothesen enthält unsere Studie einen Empathietest. Die Kinder sehen Videos von anderen Kindern und von Erwachsenen, die jeweils ein bestimmtes Gefühl zum Ausdruck bringen. Dann sollen sie unter verschiedenen Wörtern dasjenige auswählen, welches das gezeigte Gefühl am besten benennt.
 
In der Auswertung dieses Tests zeigte sich zu unserer Überraschung, dass die Schülerinnen und Schüler derjenigen Klassen, die nicht an «Roots of Empathy» teilgenommen haben, genauso gut darin sind, Gefühle zu erkennen und zu benennen, wenn sie das in einem Test tun müssen. Trotzdem verhalten sie sich im Durchschnitt weniger empathisch. Treffen diese Befunde zu, so erzielt «Roots of Empathy» seine Wirkung also dadurch, dass es Fähigkeiten weckt, die in den Kindern bereits schlummern – und nicht, indem es neue Fähigkeiten erzeugt.

Wird die Bedeutung der Empathie überschätzt?

«Roots-of-Empathy»-Gründerin Mary Gordon schrieb: «Empathie ist die beste Friedenspille, die wir besitzen». Und in den letzten Jahrzehnten sind Dutzende von Büchern erschienen, die sich von der Vermehrung des Einfühlungsvermögens nichts Geringeres versprechen als die Genesung der Welt.

Interessanterweise melden sich in den vergangenen Jahren aber vermehrt auch Kritiker zu Wort. Sie trauen der Fähigkeit, sich in andere hineinzufühlen, nicht ganz so viel zu. Und sie nennen Gründe für ihre Skepsis. 

Der Psychologe Steven Pinker zeigt in seinem Buch «Gewalt. Eine Geschichte der Menschheit», dass die Ausweitung der Empathie, wie sie in der Geschichte tatsächlich stattgefunden hat, vermutlich nur zu einem geringen Teil dafür verantwortlich ist, dass die Welt in den vergangenen zweitausend Jahren sehr viel friedlicher geworden ist. Sein Kollege Paul Bloom warnt in «Against Empathy» sogar vor erheblichen Risiken der Empathie. Beide argumentieren im Kern ähnlich: Empathie sei ein begrenztes Gut, wir könnten uns unmöglich in alle anderen einfühlen – und täten das deshalb bevorzugt bei denen, die uns ähnlich sind, mit denen uns etwas verbindet, so Bloom. 

Damit ebne die Empathie den Weg zur Parteilichkeit, zur ungerechten Bevorzugung der einen gegenüber den anderen. Besser sei es, wenn wir unsere Entscheidungen nicht daran messen, wie empathisch sie sind, sondern wie rational: wie gut sie sich objektiv begründen lassen.

Die wichtigsten Erkenntnisse der Studie

  • «Roots of Empathy» wirkt: Im Durchschnitt wurden Kinder, die am Programm teilnahmen, dadurch einfühlsamer, halfen und teilten mehr und waren im Zusammenleben seltener aggressiv.
  • Diese Wirkungen dauerten auch ein Jahr nach Abschluss des Programms noch an.
  • «Roots of Empathy» verbessert vermutlich nicht das Einfühlungsvermögen der Kinder, sondern regt sie dazu an, dieses häufiger zu nutzen.
  • Unklar ist, ob die beobachteten Wirkungen auf die eigene Klasse begrenzt bleiben: In einem Spiel mit fremden Kindern verhielten sich «Roots of Empathy»-Kinder nicht sozialer als Kinder der Vergleichsgruppe.
  • Für Lehrpersonen stellt das Programm eine interessante Möglichkeit dar, soziale und emotionale Kompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler zu fördern.
  • Eltern könnten sich durch die Methode inspirieren lassen: Die angeleitete Auseinandersetzung mit der Entwicklung und den Gefühlen eines Babys beeinflusst die Empathie und das Sozialverhalten von Kindern positiv.

Wir gehen den Einwänden nach

In unserer Studie gehen wir diesen Einwänden nach. Wir tun das, indem wir eine Abwandlung in das «Trust Game» einbauen. Nachdem die Kinder aus Claudia Bachmanns Klasse ihre Kreuze gemacht haben, sind sie kaum mehr auf den Stühlen zu halten. Die meisten möchten sofort wissen, wie viele Taler sie gewonnen haben, wie gross der Zustupf zum Taschengeld ist, den sie von uns bekommen. Doch wir vertrösten sie, erklären, dass nun noch eine letzte Runde des Spiels folgt. 

Diesmal spielen die Schülerinnen und Schüler nicht mit Kindern aus ihrer eigenen Klasse, sondern mit solchen aus einem anderen Schulhaus, Kindern, die sie nicht kennen. Wir tun das, um die Grenzen der Empathie auszuloten: Verhalten sich jene Kinder, die an «Roots of Empathy» teilnahmen, auch gegenüber fremden Kindern fairer als diejenigen, die nicht in ihrer Empathie gefördert wurden? Der Test soll das Argument der Empathieskeptiker Pinker und Bloom überprüfen.

Unsere Ergebnisse stützen die Skeptiker. Im Spiel mit den fremden Kindern verhalten sich die Kinder aus den «Roots of Empathy»-Klassen nicht fairer als ihre Altersgenossen. In der Tendenz treffen sie jetzt sogar etwas öfter als die Altersgenossen eine egoistische Wahl. Es ist, als würden sich die Fünftklässler jene Taler, die sie durch ihre Fairness gegenüber den Klassenkameraden verloren haben, im Spiel mit den fremden Kindern zurückholen wollen.
Im Spiel mit fremden Kindern verhalten sich die Empathie-Geförderten gar eher 
egoistischer als die anderen.
Trotz dieser Befunde schneidet «Roots of Empathy» in unserer Studie insgesamt beachtlich ab. Denn die Effekte zur Empathie, zum prosozialen Verhalten und zur Aggression innerhalb der Klasse sind eindeutig, während diejenigen zur Benachteiligung von fremden Kindern lediglich Tendenzen sind.

Unser Test zeigt aber etwas Wichtiges auf: Wenn die Welt wirklich an der Empathie genesen soll, dann darf das Einfühlungsvermögen nicht an den Grenzen der eigenen Gruppe stehen bleiben. Sein Einfluss muss darüber hinauswachsen.

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David Lätsch ist Psychologe und erforscht, welche Faktoren die soziale Entwicklung von Kindern prägen. Er leitete die Studie der Berner Fachhochschule.

Das Programm Roots of Empathy

«Roots of Empathy» ist eine preisgekrönte kanadische Organisation, die aktuell in zwölf Ländern tätig ist und fast eine Million Kinder erreicht hat. Die Organisation bietet zwei Programme an: «Roots of Empathy» für Primarschulkinder und «Seeds of Empathy» für Kinder in Kinder­tagesstätten. Die Programme zielen auf die Förderung von sozialer und emotionaler Kompetenz, Selbst­regulation und exekutiven Funktionen – Fähigkeiten, die wichtig für eine gelingende Entwicklung sind. Kinder, die an «Roots of Empathy» teilnehmen, lernen, indem sie sich intensiv mit der Entwicklung eines Babys auseinandersetzen, das die Schulklasse im Verlauf eines Jahres mit seiner Mutter und/oder seinem Vater und einem speziell ausgebildeten Trainer besucht. Die Trainerinnen und Trainer leiten die Schüler an, die Entwicklung des Babys zu beobachten und seine Gefühle zu benennen. Davon ausgehend reflektieren sie auch ihre eigenen Gefühle und die Gefühle anderer. Bei dieser Art des Lernens wird also das Baby zum «Lehrer».

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