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Psychologie

Was hilft gegen Nägelkauen?

Obsessives Nägelkauen ist unhygienisch und schmerzt – aber unter Kindern und Jugendlichen weit verbreitet. Die Gründe dafür sind vielfältig. Was empfinden Nägelkauer und mit welcher Strategie wird man die psychische Störung wieder los?
Text: Petra Seeburger und Evelin Hartmann
Der Impuls ist kaum zu kontrollieren: Wer an den Nägeln kaut, macht dies meist unbewusst. Mit den Zähnen knabbern, zerren und nagen Betroffene an jeder Unebenheit, bis das Nagelbett anschwillt, sich rötet oder gar blutet. Ob Stressbeisser oder Langeweileknabberer, Nägelkauen ist eine Art «Leerlaufhandlung», die beispielsweise beim Fernsehschauen, im Tram oder während des Mathetests ausgeführt wird und entspannend wirkt.

Dem amerikanischen Forscher Pierre Halteh zufolge sind 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung betroffen. Oft beginnt das Nägelkauen in der Kindheit und hört im Jugendalter von alleine wieder auf. Einer polnischen Forschergruppe zufolge kaut sogar fast jedes zweite Kind zwischen sechs und zwölf Jahren zeitweise an den Nägeln.

Zahlreiche Studien weisen auf eine genetische Komponente hin. So gibt es meist mehrere Nägelkauer in der Familie. Pierre Halteh: «Diagnose und Behandlung werden aber oft hinausgezögert, da Patienten sich schämen und selten Hilfe suchen.» Dabei kann Onychophagie (von griechisch ónyx = Nagel und phagein = fressen) Haltehs Forschungsresultaten zufolge «zu psychosozialen Problemen führen und sich negativ auf die Lebensqualität auswirken». 1934 erstmals in der medizinischen Literatur beschrieben, ist obsessives Nägelkauen seit Kurzem als psychische Störung klassifiziert. 
Perfektionisten empfinden schnell Langeweile oder Frust. Zur Kompensation kauen sie an ihren Nägeln.
Wer an den Nägeln kaut, empfindet sein Verhalten meist selbst als unangenehm. Medizinisch bedenklich wird Nagelkauen aber erst, wenn aus der Marotte ein «selbstverletzendes und aggressives» Beis­sen wird, das zu Schäden am Nagel oder der Haut führt. Dermatologe Pierre Halteh warnt gar vor Komplikationen: «Verletzte Stellen können sich entzünden oder zu Nagelwachstumsstörungen führen».

Wenn das ständige Nägelkauen die Nägel bleibend zerstört, reden Mediziner von Onychotillomania, der vom Patienten selbst herbeigeführten Zerstörung der Nägel und Nagelplatten. Die Ursachen hierfür können in einer psychischen Erkrankung liegen, zum Beispiel in einer Psychose.

Versteckte Ursachen

Die Gründe für das Nägelkauen sind vielfältig. Als eine Ursache gilt die orale Fixierung im Kindesalter. Bei Schulkindern können Leistungsdruck oder Mobbing mögliche Auslöser sein. Oft ist das Nägelkauen auch Ablenkung und Zeitvertreib. Landläufig mit Nervosität in Verbindung gebracht, beschreiben kanadische Forscher Nägelkauer weniger als nervös als vielmehr perfektionistisch veranlagt. Die Betroffenen empfinden schnell Langeweile, Frustration sowie Ungeduld und können diese Gefühle schlecht kompensieren. Das Nägelkauen dient dazu, Spannungszustände abzubauen

Mit Kunstnägeln gegen das Kauen

Um den Teufelskreis zu durchbrechen und das Nägelkauen abzustellen, wurden schon viele Strategien erprobt: von bitter schmeckendem Nagellack, Cremes oder Tinkturen bis zum Versuch, einfach nicht daran zu denken. Paradoxerweise verstärkt Letzteres den Drang sogar zusätzlich. 
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Kosmetikerinnen empfehlen betroffenen Kundinnen und Kunden, sich die Nägel mit Gel-Lack überziehen zu lassen. Den Nägeln fehlen dann die Ecken und Kanten, an denen so gerne herumgeknabbert wird. Empfehlenswert sei diese Methode aber erst ab 16 Jahren.
Nagellack, Tinkturen, künstliche Nägel: Um das Kauen zu stoppen, gibt es viele Strategien. Nicht alle sind erfolgversprechend.
Doch Nägelkauen lässt sich in der Regel nicht allein mit Lack und Gel stoppen. Wichtig ist es Studien zufolge, die dahinterliegenden Probleme wahrzunehmen und anzugehen. Zuwendung und Aufmerksamkeit vonseiten der Eltern können helfen. In manchen Fällen bedarf es aber auch der Unterstützung einer Fachperson im Rahmen einer Psycho- oder Verhaltenstherapie.

Neuropsychologe Steffen Moritz vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hält ein schritt­weises Umgewöhnen für ratsam. Im Rahmen eines speziell entwickelten Therapieprogramms wird das Kauen dabei nach und nach durch eine neue Handlung ersetzt. Den Impuls haben die Betroffenen zwar weiterhin, sie können ihn allerdings umlenken – etwa indem sie die Finger statt zum Mund nun zum Ohr oder zur Nase führen.

Eine Arbeitsgruppe um Moritz teilte im Rahmen einer Studie 72 notorische Nägelkauer per Zufall auf zwei Gruppen auf. Die eine absolvierte ein Verhaltenstraining nach der Entkopplungsmethode, die andere einen Kurs in progressiver Muskelentspannung nach Jacobson. Wie die Nachbefragung der Teilnehmer ergab, reduzierte das vierwöchige Entkopplungstraining deren Tendenz, an den Nägeln zu kauen; die Entspannungsübungen hatten keinen Effekt. Entsprechend zeigten sich die Probanden der ersten Gruppe deutlich zufriedener mit dem äusseren Erscheinungsbild ihrer Hände.

Bild: fotolia.com

Tipps für Eltern

  • Nicht schimpfen! Seelischer Druck kann das Verhalten verstärken. 
  • Das Verhalten beobachten: Wann, wie oft und in welchen Situationen kaut ein Kind? 
  • Das Kind auf das Nägelkauen ansprechen und nach möglichen Ursachen fragen.
  • Hört das Nägelkauen im Jugendalter nicht von selbst auf, den Kinderarzt ansprechen.
Strategien zur Entwöhnung: 
  • Hände anderweitig beschäftigen, beispielsweise mit einem Anti-Stressball oder Fidget Spinner
  • Bittere Tinkturen oder spezielle Lacke auftragen. Wermutkraut ist eine Alternative.
  • Nägel kurz schneiden und Kanten feilen. Nagelpflege verringert das Kaubedürfnis.
  • Ziele setzen mit Belohnung.
  • Aufs Nägelkauen aufmerksam machen, aber keinen Druck aufbauen. 

Die Entkopplungsmethode – so funktionierts!  

  1. Möglichst genau beobachten und notieren, in welchen Situationen das Nägelkauen auftritt.
  2. Sobald die Finger Richtung Mund gehen, stattdessen versuchen, diese zum Ohrläppchen, zur Nase oder zu einem anderen Punkt umzulenken. Die neue Ziel­bewegung dabei möglichst abrupt ausführen. 
  3.  Ausprobieren, welche Bewegung einem am ehesten liegt, aber nicht mehr als zwischen zwei wählen. Das Nägelkauen lässt sich gut unterbrechen, wenn ein ähnlich automatisiertes Verhalten an seine Stelle tritt. 
  4. Vor und nach der «Umleitung» die Fingernägel am Handballen oder an anderen Fingern reiben. 
  5. Das Bewegungsmuster nach etwa zwei Wochen wechseln und eine andere Ersatzhandlung einüben. Nach einer Weile wieder zu der alten Umleitungsbewegung zurückkehren.

Quelle: Steffen Moritz et al.: A Randomized Controlled Trial of a Novel Self-Help Technique for Impulse Control Disorders: A Study on Nail-Biting. In: Behavior Modification 35, 2011

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Petra Seeburger
ist Intensivpflegefachfrau, Journalistin und Kommunikationsspezialistin. Sie arbeitet seit über 30 Jahren im Gesundheitswesen.

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