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Psychologie

Mein Kind hat ADHS

Teil 2 der ADHS-Serie: Kinder mit ADHS überfordern ihre Familie, ihre Lehrer, ihre Ärzte: Die vierfache Mutter Nadja L.* erzählt, wie das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom zweier ihrer Kinder ihr Leben dominiert.
Mir war schon während der Schwangerschaft klar, was sich nach der Geburt schnell auch allen anderen offenbarte: Das zweite Kind, unser Sohn, war anders, weitaus lebhafter als das erste. Von Anfang an war für ihn Einschlafen schwierig und Durchschlafen bis ins Kindergartenalter unmöglich. Begegnete er im Krabbelalter einem Hindernis, schlug er mit der Stirn gegen den Boden oder die Wand. Trotz schnellem Eingreifen trug er blaue Flecken über die ganze Stirn.
Der Kinderarzt, dessen Quietsch-Ente unser einjähriger Sohn quer durch die Arztpraxis schmiss, notierte «autonomes Verhalten» ins Heft und zuckte ratlos mit den Schultern. Eigenwilliges, zappeliges und unangepasstes Verhalten blieb weiterhin das Markenzeichen unseres Sohnes.

Heute ist er sechzehn Jahre alt. Ich freue mich über seine positiven Eigenschaften, wie etwa sein charmantes, feinfühliges und sensibles Wesen, seine Hilfsbereitschaft und den ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Das Gleiche gilt für unser drittes Kind, eine Tochter, die ganz anders und eben doch ähnlich tickt wie ihr Bruder. Das impulsive, hoch emotionale und ungeduldige Agieren und Reagieren der Kinder fordert mich auch heute noch heraus. Während Jahren benötigten sie meine ständige Aufmerksamkeit, damit der Tag nicht mit Wutanfällen gepflastert oder auf der Notfallstation des Krankenhauses endete.
«Hyperaktive Kinder funktionieren wie Flipperkugeln»
Als Mutter von drei Vorschulkindern musste ich den Fokus darauf richten, alle (auch mich!) heil durch den Tag zu bringen. Ich versuchte meinen Kindern möglichst schnell die Devise «Durchdrehen darf immer nur einer» beizubringen, denn ich konnte mich zeitgleich jeweils nur um ein Kind kümmern.

Hyperaktive Kinder funktionieren wie Flipperkugeln: Bis sie etwa den Weg ins Bett schaffen, stossen sie noch an mindestens zehn verschiedenen Stationen an, manchmal beginnt das Spiel auf ein Neues. Die Vorstellung, das Abendessen als Moment des Austauschs zu geniessen, musste ich aufgeben. Wir konzentrierten uns darauf, unsere Kinder zum Sitzenbleiben und Essen anzuhalten.
«Welche Regeln sind so wichtig, dass man sie immer und immer wieder durchsetzt?»
Bald standen die Fragen im Raum: Wollen die Kinder nicht oder können sie es nicht? Welche Regeln des Zusammenlebens sind uns wichtig genug, um sie jahrelang, täglich, immer und immer wieder einzufordern und durchzusetzen? Ins Nachbarhaus spazieren und dort aus der Schublade Geschenkpapier ziehen, nachts aus dem Fenster klettern, um das Nachbarskind zu besuchen, beim Kinderarzt «Hilfe» schreien, weil er noch ein wenig im Wartezimmer mit dem Traktor spielen wollte, ich aber gehen musste – all das sind Anekdoten aus dem Leben meiner Kinder mit ihrer eigenen Sicht auf die Welt.

Konnte ich der ältesten Tochter früh Freiheiten erlauben und auch mal fünf gerade sein lassen, musste ich bei den zwei anderen eine konsequente und von klaren Strukturen geprägte Erziehung einführen, auch weil die «Flipperkugeln» die Ausnahme sofort zur neuen Regel erklärten.

Direktive, kurz gehaltene Formulierungen wie etwa «Räum alle Bücher in die blaue Kiste» bringen bei den zwei Jüngeren bis ins Teenageralter mehr Erfolg als die Bitte, noch vor dem Abendessen das Zimmer aufzuräumen. Kreative Lösungen sind auch gefragt, um die unterschiedlichen Bedürfnisse der Geschwister ins Gleichgewicht zu bringen. So fand die Älteste, unsere Leseratte, erst Ruhe zum Lesen, als sie über einen eigenen Schlüssel zu ihrem Zimmer verfügte.

Mit der Einschulung entstanden neue Herausforderungen: Kinder, die über eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, wenig Ausdauer, Konzentration und Selbstorganisation verfügen, können den Anforderungen der Schule kaum genügen. Selbständig individuelle mathematische Lösungswege finden, mündliche Anweisungen befolgen, in Gruppen arbeiten oder langfristige Projekte erarbeiten – das überforderte meine Kinder.
«In der Schule sollten die Kinder funktionieren.»
Schnell lag der Fokus vieler Lehrpersonen auf ihren Defiziten. Wir wurden aufgefordert, dafür zu sorgen, dass sie die Hausaufgaben notieren, diese vollständig und sorgfältig erledigen und zuverlässig das dazu nötige Material einpacken – kurz: Die Kinder sollten funktionieren.
Dies war ja auch mein Wunsch, bloss funktionierten sie nicht wie die anderen. Nach mehreren vergeblichen Anläufen bei Kinderärzten und Schulpsychologen liessen wir die Kinder beim KJPD (Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst) abklären. Mittels einer Ausschlussdiagnose wurde beim Sohn ADHS, bei der Tochter ADS festgestellt.

Obwohl die Lehrpersonen die Diagnose kannten, musste ich in unzähligen Gesprächen fehlende «Znüni», vergessene Sportsachen oder die Schlafprobleme des Sohnes diskutieren, als mangle es mir an Erziehungsfähigkeit. Selten wurde ich als Expertin der Kinder wahrgenommen. Meine Wünsche nach schriftlichen Aufgabenstellungen und Lernzielen sowie von der Lehrperson kontrollierten, vollständigen Lerndossiers, um den Schulerfolg von zu Hause aus unterstützen zu können, wurden nur phasenweise erfüllt.

Dankbar war ich über Lehrpersonen, die solide unterrichteten, das Kind differenziert wahrnahmen, über Humor und grundsätzlich über starke Nerven verfügten. Dennoch: Nachteilsausgleich ist in den meisten Schulen nicht möglich, die Reaktionen der Lehrpersonen auf besondere Bedürfnisse des Kindes aufgrund fehlender Ressourcen sind meist ablehnend.
Für meinen Sohn hiess die Antwort irgendwann Privatschule. Die ehrgeizige Tochter hingegen erlebt eine (fast) normale Schulkarriere. Die Sorgen um die Schullaufbahn, um die Eingliederung in das Sozial- und Berufsleben sind meine ständigen Begleiter. Genauso zu schaffen macht mir aber der Rechtfertigungsdruck gegen aussen. Der Vorwurf, Kinder mit Medikation ruhigzustellen, sind für mich verletzende Aussagen. Die Grundsatzfrage nach der Existenz von AD(H)S ist aus meiner Sicht überflüssig.

Zudem scheinen sich mittlerweile alle eine Meinung zum Thema gemacht zu haben. So wurde ich ungefragt mit Tipps überhäuft: Schon zuckerfreie Diät, Schüssler-Salz, Globuli oder Stromstösse probiert? Wir, wie viele andere Eltern, setzen uns sehr differenziert mit unseren Kindern, Erziehungsfragen und allfälligen Behandlungsmöglichkeiten auseinander. Vom Umfeld wird ungeniert Druck aufgesetzt, in die eine oder andere Richtung zu gehen, je nach persönlicher Überzeugung bei diesem Thema.

Gleichzeitig handelten manche Fachpersonen, die ich aufsuchte, erschreckend unprofessionell: Kinderärzte konnten scheinbar bereits aufgrund des kindlichen Verhaltens im Wartezimmer eine Hyperaktivität ausschliessen und ein Erziehungsproblem meinerseits feststellen. Schulpsychologen verneinten die Hyperaktivität ohne weitere Abklärungen. In der Schule wurde uns dann vorgeworfen, das Kind nicht abgeklärt zu haben, (keine) Medikamente oder falsche Medikamente zu geben.

Trotz diesem äusseren Druck müssen wir Eltern unbeirrt das Wohlergehen des Kindes in den Mittelpunkt stellen: Wie geht es unserem Sohn? Was will die Tochter? Wie oft wollen sie abgeklärt und wie intensiv therapiert werden? Wie lange sollen sie, mit welcher Zielsetzung, Medikamente zu sich nehmen? Fühlen sie sich durch die Medikamente wirklich besser, oder funktionieren sie bloss besser? Haben sie einen Anspruch darauf, anders zu sein – und um welchen Preis?
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«Ich lernte zu akzeptieren, dass wir nur bedingt kompatibel sind.»
Die familieninterne Auseinandersetzung über Therapie- und Medikationswege zwischen uns Eltern einerseits und mit jedem Kind andererseits führten wir, ohne zu wissen, wie sich die Kinder auf dem einen oder anderen Weg entwickeln könnten. Keine Fachperson konnte uns diese Entscheide abnehmen.

Vier Jahre nahmen unsere Kinder Medikamente ein. Für mich war es ein unglaubliches Erlebnis, wie mein Sohn auf einen Schlag mit mir kommunizieren konnte. Seine Sozialkompetenzen entwickelten sich positiv. Schulisch hat ihm die Medikation nicht geholfen. Trotz nachgewiesener durchschnittlicher Intelligenz erhielt er bald besondere Lernziele, die ihn für die Förderklasse qualifizierten. Mit dreizehn Jahren begann er die Medikation mit differenzierten Argumenten zu verweigern. Unsere Tochter schloss sich ihm an. Nach langen Diskussionen respektierten wir ihren Wunsch.

Zuletzt bleibt die Frage, wie wir Eltern als Paar und als Einzelpersonen die belastenden Schuljahre und die (noch) anstrengenderen Teenagerjahre heil überstehen. Ich lernte zu akzeptieren, dass unsere Kinder, wie auch wir als Familie, nur begrenzt mit anderen kompatibel oder vergleichbar sind. Die soziale Ausgegrenztheit der Kinder schweisste uns als Familie enger zusammen. Weiter waren Informationen zu AD(H)S eine wichtige Grundlage, um Entscheidungen treffen zu können. Elpos, der Verein für Eltern und Bezugspersonen von Kindern sowie Erwachsenen mit POS/AD(H)S, vermittelt mit ihrer Zeitschrift und regional verankerten Veranstaltungen nicht nur Informationen, sondern ermöglicht den wichtigen Austausch unter Betroffenen.

Und zuletzt: Bewusste Auszeiten für jeden Einzelnen in der Familie sind wichtig. Sie schaffen eine Distanz zum anstrengenden Familienleben, damit immer wieder Dankbarkeit und Freude aufkommen kann, unseren spannenden Kindern beim Aufwachsen zuzusehen und sie in ihren Erfahrungen unterstützen zu dürfen.

* Name ist der Redaktion bekannt.

ADHS

Für manche ist es die Modediagnose unserer Zeit, für andere die häufigste psychische Störung im Kindes- und Jugendalter: ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) bzw. ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom). Betroffen sind rund 5 bis 6 Prozent aller Kinder. Jungen deutlich öfter als Mädchen. Diagnostiziert wird die Krankheit aber weitaus häufiger.
Diese zehnteilige Serie entsteht in Zusammenarbeit mit dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg unter der Leitung von Dr. Sandra Hotz. Die Juristin leitet zusammen mit Amrei Wittwer vom Collegium Helveticum das Projekt «Kinder fördern. Eine interdisziplinäre Studie», an dem auch die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW beteiligt ist. Das Projekt wird von der Mercator Stiftung Schweiz unterstützt.

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