Kontaktabbruch: Wenn Kinder ihre Eltern verlassen
Psychologie

Wenn Kinder ihre Eltern verlassen  

Brechen Kinder den Kontakt zu ihren Eltern ab, ist das für viele Eltern überraschend und sehr schmerzhaft. Die Gründe für einen Kontaktabbruch können vielfältig sein, fast immer aber ist es Ausdruck grosser innerer Not. Eine Wiederannäherung ist manchmal möglich – wenn beide Seiten bereit sind, die Perspektive des anderen zu verstehen.
Text: Christine Amrhein  
Bild: iStockphoto
Es endet mit einem kurzen Satz: «Mama, machs gut, das war es jetzt.» Mit einer Mail oder auch ohne Worte. Plötzlich werden Anrufe nicht mehr angenommen, Nachrichten nicht mehr gelesen, wird auf das Klingeln an der Haustür nicht mehr reagiert. Wenn ein Kind sich entschliesst, den Kontakt abzubrechen, kommt das für viele Eltern überraschend. Sie denken, dass sie alles für ihr Kind getan haben und im Grunde doch alles in Ordnung war. Viele Eltern leiden sehr unter dem Kontaktabbruch, sind verzweifelt, niedergeschlagen oder auch wütend. «Für die Eltern ist die plötzliche Funkstille ein Schock und löst oft starke Schuld- und Schamgefühle aus», sagt die Philosophin Barbara Bleisch, Autorin des Buches «Warum wir unseren Eltern nichts schulden». 
Der Abbruch signalisiert: Der Kontakt tut mir nicht gut, ich möchte mich vor weiteren Verletzungen schützen. 
Eltern, sagt Bleisch, stellten sich dann automatisch die Fragen «Warum?» und «Was habe ich falsch gemacht?». «Unsere Tochter ist jetzt 35 Jahre alt und hat vor drei Jahren den Kontakt zu uns abgebrochen», berichtet etwa Carmen (Name geändert), die mit ihrem Mann eine Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern in der Schweiz besucht. «Sie hat einen Mann kennengelernt und uns mit der Aussage verlassen: ‹Ich will jetzt ein neues Leben beginnen›. Mein Mann und ich haben sehr darunter gelitten und immer wieder versucht, Kontakt mit ihr aufzunehmen.» Beide hätten oft darüber diskutiert, könnten aber keine Gründe für den Kontaktabbruch erkennen.

Wie viele Kinder ihren Eltern den Rücken kehren, ist nicht bekannt. Soziologen schätzen, dass in Deutschland etwa 100 000 Familien betroffen sind. In der Schweiz dürfte der Anteil ähnlich hoch sein. «Möglicherweise betrifft das Thema jedoch deutlich mehr Familien», sagt Claudia Haarmann, Autorin des Buches «Kontaktabbruch in Familien » und Heilpraktikerin für Psychotherapie in Essen. Kontaktabbruch sei ein Tabuthema, über das selten offen gesprochen wird. Viele Eltern denken daher, sie würden ganz alleine dastehen, so die Autorin. Allerdings sei der Umgang damit inzwischen etwas offener geworden. So gibt es in der Schweiz mittlerweile sechs Selbsthilfegruppen für «verlassene Eltern»

Gravierende Vorfälle und subtile Verletzungen

Fragt man die Kinder, ist häufig sehr viel vorgefallen, bevor es zu diesem weitreichenden Schritt kam. «Die Eltern erleben den Abbruch häufig als abrupt. Aber es ist eher wie ein Fass, dass irgendwann überläuft», sagt Jochen Rögelein, systemischer Familientherapeut in München. «Der Auslöser ist häufig relativ banal – aber er hat oft mit dem Thema zu tun, welches das Kind schon lange beschäftigt.» Der Abbruch signalisiert: Der Kontakt tut mir nicht gut, ich möchte mich vor weiteren Verletzungen schützen. 

«Man sollte sich klarmachen, dass kein Kind seine Eltern verlassen will», betont Rögelein. «Oft ist es ein Signal des Kindes, dass es die Situation so nicht mehr akzeptiert. Es zeigt aber auch, dass ein Kind in Not ist.» Die Gründe für einen radikalen Bruch mit den Eltern können sehr unterschiedlich sein. Einige Kinder haben in ihrer Familie über Jahre gravierende Dinge erlebt: körperliche Misshandlungen, Vernachlässigung, das Alkoholproblem des Vaters, die ständigen Stimmungsschwankungen der psychisch kranken Mutter. schaffen es nicht, Konflikte gemeinsam durch Gespräche zu klären. 
Häufig hatten betroffene Eltern selbst ein problematisches Verhältnis zu ihren Müttern und Vätern.
Andere Faktoren können Lieblosigkeit und Kälte in der Familie, ständige Vorwürfe und Kränkungen oder eine strenge, unnachgiebige Erziehung sein. «Ich habe nacheinander den Kontakt zu beiden Eltern abgebrochen », berichtet eine 35-jährige Frau aus Deutschland. «Mein Vater war nie für mich da. Er hat mir früher oft gesagt, ich sei ein schlechter Mensch, und wir haben uns oft gestritten. Meine Mutter war häufig krank und hatte psychische Probleme. Sie hat ständig anderen die Schuld gegeben, dass es ihr nicht gut geht. Den Kontakt abzubrechen, war für mich wie eine Befreiung.»

Doch die negativen Erfahrungen können auch subtiler sein. «In vielen Fällen konnte das Kind keine sichere Bindung zu seinen Eltern aufbauen», sagt Rögelein, der in seiner Praxis mit betroffenen Müttern und Vätern und auch mit Kindern, die den Kontakt abgebrochen haben, arbeitet. «Oft wurde das Kind in irgendetwas emotional enttäuscht: Es hat sich nicht geliebt, nicht anerkannt oder mit seinen Wünschen und Bedürfnissen nicht wahrgenommen gefühlt.» Gleichzeitig steckt hinter dem Abbruch auch eine Störung der Kommunikation: Beide Seiten 
Anzeige

3 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Von Mara am 11.10.2020 17:49

Es hat Zeit der Reflexion und Auseinandersetzung mit eigenen Themen gebraucht, um zu erkennen und v.a. annehmen zu können, dass ich in einer Atmosphäre von seelischem Missbrauch, Verletzungen und Manipulation aufgewachsen bin. Ich konnte zwar sehen, dass auch meine Eltern vorgeschädigt sind und ihr Verhalten aus der eigenen seelischen Biografie resultiert, musste mich aber letztendlich entscheiden, ob ich mich diesem Klima weiterhin aussetze oder - wenigstens eine Zeit lang- den Kontakt abbreche.
Seitdem ich mein Leben ohne sie fortsetze fühlt es sich deutlich leichter an.

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Hannah am 17.06.2020 20:31

Ich habe lange Zeit gar nicht bemerkt wie toxische die Beziehung zu meiner Mutter war. Erst als ich meine eigene Familie gegründet habe, und dabei gesehen habe wie sie mit meinem Kind und mir als Mutter umging. Ich hinterfrage dann immer mehr und als ich auf offene Gespräche nicht zu der Kompromiss bereiten Einigung kam, habe ich den Kontakt abgebrochen.
Zwar schrieb sie mir seither zwei mal aber auch nur weil sie mitbekam das ich ernsthaft krank geworden bin.
Ich habe mich über Jahre vorher schon damit beschäftigt den Kontakt abzubrechen. Und jetzt wo ich schon einige Jahre Ruhe habe, gehts mir deutlich besser.
Mir gab „Kinder Schulden ihren Eltern nichts“ wirklich Kraft.

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Philippina am 17.05.2020 22:31

Absolut wahr
Ich hätte nie eine Beziehung zu meine Mutter.
Sie hat uns als Kind immer wieder verlassen, als Teenager immer kritisiert, misgehandelt geschlagen, psychologisch böse Sachen gesagt.
Ich bin mit 19 Ausgewandern, seit ,27 Jahre selten Kontakt und seit 7 Jahre Kontakt abgebrochen weil sie mir sogar damals mit 40 schlagen wollte .
Die Frau habe ich verzeihen für alles , durch meine spirituellen Weg
ich brauche sie nicht .

Es tat mir so gut , ihre zu sagen macht's gut ! Lebt wohl .
Ich habe meine Ruhe .
Und bin befreit von ihre Energie und toxisches Art .

> Auf diesen Kommentar antworten

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.