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Psychologie

Kein Blackout dank stressreduziertem Lernen

Prüfungen setzen viele Schüler unter Druck. Der Lernforscher Josef Meier hat die Methode stressreduziertes Lernen (SRL) entwickelt, die Schülern hilft, Nervosität abzubauen. Sie erzielt vielversprechende Resultate.
Text: Virginia Nolan
Das kennt wohl jeder: Man hat sich tagelang auf eine Prüfung vorbereit, und im entscheidenden Moment ist das Gelernte weg. Für Stress in der Schule gibt es viele Gründe, Prüfungsangst ist einer der häufigsten, weiss Josef Meier, der als Englischlehrer an verschiedenen Schulstufen unterrichtete und heute an der Universität Augsburg zu innovativen Lern- und Mentaltechniken forscht. Aus seiner Erfahrung als Lehrer weiss er zu gut, wie Nervosität den Lernerfolg beeinträchtigt: «Immer wieder berichteten Eltern, wie ihre Kinder viel für Prüfungen gelernt und dann aus Stress versagt hätten.» Für die Kinder führe der Frust auf Dauer zu Motivationsproblemen.

Meier wollte helfen. Aus dem Sport mit Mentaltechniken vertraut, fing er an, Entspannungsmethoden, Atemtechniken, Visualisierungen und Konzentrationsübungen in der Schule anzuwenden. Er entwickelte seine eigene Methode, das stressreduzierte Lernen (SRL). Über ein Jahr lang testete er sie an Schulen. Mit Erfolg: «Die Kinder waren entspannter und konnten sich besser konzentrieren.» Meier begann, Kollegen in seiner Methode anzuweisen, stellte Lernmaterial zusammen, hielt Vorträge.

Heute wird SRL in 17 Ländern Europas sowie in Südafrika unterrichtet. Die Ausbildung wird im Fernstudium absolviert. In der Schweiz gibt es bisher zwei Multiplikatoren, Pädagogen aus der Erwachsenenbildung. In der Volksschule ist SRL noch nicht angekommen.

In der Entspannung dreht das Gehirn auf

Wünschenswert wäre es, denn Forschungsresultate sprechen für die Methode. Um deren Wirksamkeit zu prüfen, hat Meier eine Untersuchung durchgeführt, an der sich 70 deutsche Schulklassen beteiligten. Durch das internationale Lehrernetzwerk LTE konnte er seine Studie auf 15 weitere europäische Länder ausweiten. Fast 10.000 Schüler haben teilgenommen. 

Erste Resultate der noch unveröffentlichten Analyse geben Meier recht: In Deutschland etwa sagten 56 Prozent der Schüler, sie seien vor jedem Test nervös. Nach dem Unterricht mit SRL gab mehr als ein Drittel dieser Betroffenen an, sich vor Prüfungen viel entspannter zu fühlen. In Spanien war es sogar mehr als jeder zweite Schüler. 
Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Alphazustand, wie er in Tagträumen oder vor dem Einschlafen eintritt.
Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Alphazustand, einem Bewusstseinszustand, wie er in Tagträumen, vor dem Einschlafen oder beim Übergang zum Wachwerden eintritt. Dabei bewegen sich die Gehirnwellen mit etwa 7 bis 14 Hertz. «Dann lernen wir am effizientesten», sagt Meier. «Nicht umsonst fällt uns die Lösung für ein Problem oft beim Aufwachen ein.» 

Im Alphazustand wird der Balken, welcher linke und rechte Gehirnhälfte verbindet, durchlässiger für Informationen. Die linke Gehirnhälfte ist laut Wissenschaft eher zuständig für die logischen, sich wiederholenden Prozesse und beherrscht die Konzentration aufs Detail, die rechte hat eine überschauende Funktion. Der Alphazustand lässt uns von den spezifischen Arbeitsweisen beider Gehirnhälften profitieren. Stressreduziertes Lernen soll Schülern helfen, sich in diesen Zustand zu versetzen.

«Die meisten Schüler atmen falsch»

Zum Beispiel mit Entspannungsmusik. Dabei legen die Schüler den Kopf auf den Tisch, die Lehrerin gibt Anweisungen zur Atmung, nimmt die Klasse mit auf eine Fantasiereise, erzählt vom Meeresrauschen am Strand. Diese Übung sei vor Prüfungen sinnvoll, sagt Meier, aber es empfehle sich auch, in der Schule den Tag damit zu beginnen. Selbst die Quirligsten kämen so zur Ruhe.

«Die meisten Schüler atmen falsch», weiss er auch. Verbreitet sei der Irrglaube, tiefes Einatmen trage zur Entspannung bei. «Das Gegenteil ist der Fall», sagt Meier, beim Herunterfahren gehe es um tiefes Ausatmen. Das will gelernt sein. Meier plädiert dafür, Entspannungstechniken in den Alltag einzubauen, denn sie gelingen nur durch Üben.

Etwa innerliches Rückwärtszählen: Neulinge fangen bei 30 an, Geübte bei 15, um sich zu beruhigen. Mit dem Daumen in der Luft eine Acht nachzeichnen, von links nach rechts, dann umgekehrt – auch das ist eine von Meiers Kurzübungen, welche die Konzentration auf eine einzige Sache und so die Entspannung fördern. 
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Sinnvoll vor Prüfungen: Fantasiereisen untermalt mit Entspannungsmusik 
Meier habe seine Schüler stets ermutigt, sich beim Test ein paar Minuten für Entspannungstechniken zu nehmen. «Das ist keine verlorene Zeit, es zahlt sich zehnfach aus, wenn man so gar nicht erst ins Haspeln gerät.» SRL vermittelt auch Techniken, Gelerntes besser abrufen zu können; etwa mithilfe von Visualisierungen.

Ein Beispiel: Lehrpersonen lassen Schüler zu Prüfungsthemen Mindmaps erstellen und fordern sie am Prüfungstag auf, sich diese in Erinnerung zu rufen. So holen die Schüler gedanklich wieder hervor, was sie sich bereits einmal notiert haben. Das sei ein wirksamer Trick, um Blackouts vorzubeugen, sagt Meier. 

Eine weitere Baustelle im Kampf gegen Stress und Nervosität ist die emotionale Negativspirale, in die Schüler vor einem Test oft geraten. «Erwachsene kennen das auch», sagt Meier, «wir malen uns am Morgen aus, wie schlecht das Gespräch mit dem Vorgesetzten laufen wird, und stellen am Abend erleichtert fest, dass alles halb so wild war. Diese Erkenntnis sollten wir verinnerlichen – und beim nächsten Mal als Wegweiser abrufen.»

Erfolg lässt sich durch positives Denken programmieren

Wer sich das Versagen einrede, müsse damit rechnen, dass es auch eintrete. «Umgekehrt», sagt Meier, «lässt sich Erfolg durch positives Denken ein Stück weit programmieren.» Der Lernforscher arbeitet dafür mit Affirmationen, positiven Bildern und Glaubenssätzen, die Schülern helfen, mit mehr Zuversicht an die Prüfungssituation heranzutreten.

Diese Art mentales Training sei im Leistungssport gang und gäbe, sagt Meier. So spielten etwa Skispringer ihren Absprung zunächst in Gedanken durch, und Messgeräte hätten ergeben, dass diese Visualisierungen körperlich spürbar seien: Die Muskeln führten exakt die Bewegungen aus, die sie später beim Absprung vollzögen. «Was im Sport üblich ist», findet Meier, «sollte endlich auch in der Schule ankommen.»

 Mehr Infos auf: www.e-f-l.net

Bild: fotolia.com

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