Jung,verletzt – und lebensmüde: Was tun bei Jugendlichen, die sich selbst ritzen und verletzen?
Psychologie
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«Eltern dürfen nicht wegschauen» 

Selbstverletzendes Verhalten hat immer eine Ursache und sollte angesprochen werden, sagt Marc Schmid, leitender Psychologe der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Forschungsabteilung der UPK Basel.
Interview: Evelin Hartmann 

Herr Schmid, wie viele Jugendliche in der Schweiz zeigen selbstverletzendes 
Verhalten?

Wir haben das in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Forschungsabteilung des UPK Basel untersucht. Es gibt viele Jugendliche bei uns, die angeben, sich bereits einmal selbst verletzt zu haben. Etwa 4,5 Prozent taten das mindestens viermal in den letzten sechs Monaten. In kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken sind es sogar 50 Prozent und bei Jugendlichen, die in sozialpädagogischen Wohngruppen leben, 38 Prozent.

Welche Funktion  hat dieses Verhalten?

Die häufigste Ursache für Selbstverletzungen ist die Beendigung von heftigen Spannungszuständen, unangenehmen Gefühlen oder das Kreisen um negative, belastende Gedanken. Heftige Spannungszustände gehen bei den Betroffenen auch mit einem Verlust des Körpergefühls einher. Mit Hilfe der Selbstverletzung spüren sich die Betroffenen wieder und beruhigen sich.

Man weiss, dass Mädchen häufiger betroffen sind als Buben. Welche Altersgruppe ist besonders gefährdet? 

Selbstverletzungen beginnen in der Regel nach der Pubertät und meistens erst nach der ersten Menstruation. In dieser Lebensphase treten oft Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation auf, das Körpergefühl und das eigene Körperschema verändern sich. Zudem ist der Selbstwert in dieser Entwicklungsphase labiler und es kommt häufiger zu kritischen Selbstwertungsprozessen. Der Kontakt zu Gleichaltrigen ist in diesem Alter sehr wichtig. Das Gefühl der Zurückweisung durch andere Personen ist in mehreren Studien als ein Auslöser für Selbstverletzungen identifiziert worden. Zudem sind Jugendliche und junge Erwachsene viel anfälliger für Gruppendynamiken. 

Das heisst, manche lernen selbst­verletzendes Verhalten von anderen? 

Sozusagen. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass kein Jugendlicher sich einfach selbst verletzt, weil das andere tun, sondern dass dahinter sehr zentrale Bedürfnisse wie dazuzugehören stehen. Für die Über­windung des selbstverletzenden Verhaltens ist es viel besser, diese Bedürfnisse herauszuarbeiten und zu versorgen. 
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Welche Faktoren führen vermehrt zu Selbstverletzungen?  

Risikofaktoren sind Belastungen in der Familie, belastende Lebenserfahrungen, wenig soziale Kontakte in der Klasse. Faktoren, die hingegen vor selbstverletzendem Verhalten schützen, sind eine gute soziale Integration, positive Freizeitaktivitäten, insbesondere auch Einbindung in Sportvereinen oder Musikgruppen. Dies alles scheinen protektive Faktoren zu sein. Ein guter Selbstwert und eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung, sprich der Glaube daran, Probleme lösen zu können, gehen ebenfalls mit einem geringeren Risiko für Selbstverletzungen einher.

Woran erkenne ich als Mutter oder Vater, ob mein Kind gefährdet ist? 

Eltern sollten sich sorgen, wenn sich ihr Kind sehr viel zurückzieht, oft bedrückt und gereizt wirkt, sein Interesse an Hobbys verliert, sich von Freundinnen zurückzieht und den Eltern aus dem Weg geht. Man sollte genau hinhören, wenn es sich wiederholt selbst abwertet und negativ äussert. Sehr auffällig ist natürlich auch, wenn Jugend­liche im Hochsommer nur langärmelige Sachen tragen und vermeiden, dass man Beine und Arme sieht, indem sie zum Beispiel nicht mehr schwimmen gehen. 

Wie sollten Eltern reagieren, wenn sie dieses Verhalten beobachten oder sogar Verletzungen bei Ihrem Kind entdecken?

Es ist sehr wichtig, nicht wegzuschauen und keinesfalls so zu tun, als bemerke man nichts. Wichtig ist es auch, dem Kind keine Vorwürfe zu machen, sondern seine Sorge auszudrücken, dranzubleiben, ein Beziehungsangebot zu machen und aufrechtzu­erhalten, auch wenn es die oder der Betroffene nicht sofort annehmen kann. 

Gefährliche Gegenstände wie Messer oder Scheren wegzu­räumen, ist hingegen wenig erfolgversprechend. Betroffene Jugendliche finden immer etwas, mit dem sie sich selbst verletzen können, wenn sie es wirklich wollen. Es ist viel besser, mit dem oder der Betroffenen verbindliche Absprachen zu treffen, was man machen kann, wenn die Anspannung und der Ritzdruck ansteigt, und Hilfe anzubieten.  

Wann sollte ich als Mutter oder Vater ­professionelle Hilfe hinzuziehen? Wie könnte diese aussehen? 

Es ist sicher gut, Jugendliche, die sich mehr als einmal selbst verletzt haben, dazu zu motivieren, professionelle Hilfe anzunehmen. Sinnvoll ist es, in diesem Gespräch zu betonen, dass man besorgt ist und möchte, dass er oder sie Hilfe bekommt und die Suche nach Hilfe auch als Eltern mit der nötigen Präsenz begleitet. Alle erfolgreichen Therapien, egal welcher therapeutischen Schulrichtung, haben gemeinsam, dass sie an der Selbstwahrnehmung von Gefühlen und Interaktionsmustern ansetzen und den Heranwachsenden dabei helfen, ihre Gefühle und Bedürfnisse besser wahrzunehmen und sich auch in schwierigen sozialen Interaktionen besser auszudrücken.

<div><strong>Marc Schmid</strong> ist leitender Psychologe und Bereichsleiter der Kinder- und Jugend­psychiatrischen Forschungsabteilung der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.</div>
Marc Schmid ist leitender Psychologe und Bereichsleiter der Kinder- und Jugend­psychiatrischen Forschungsabteilung der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.

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