Desktop jugendliche ritzen verletzen hl
Psychologie

Jung,verletzt – und lebensmüde?

Fast jeder fünfte Jugendliche hat sich schon einmal absichtlich selbst Verletzungen zugefügt, etwa mit Rasierklingen oder Zigaretten. Sind diese Buben und Mädchen suizidgefährdet? In den meisten Fällen nicht, sagt unsere Autorin. Psychologische Hilfe sollten sie trotzdem in Anspruch nehmen. 
Text: Joana Straub
Bilder: Getty Images
Vergangenen Monat rief mich eine Lehrerin an. Sie wusste nicht mehr, was sie tun soll: Sie habe eine Schülerin, die sich seit gut eineinhalb Jahren regelmässig am Unterarm mit einer Rasierklinge ritze. Lange habe die 15-jährige Pia* die Verletzungen geheim halten, indem sie immer lange Ärmel trug. Doch eines Tages entdeckte eine Schul­kameradin in der Umkleidekabine vor dem Sportunterricht die Wunden und wandte sich besorgt an die Lehrerin mit der Bitte, Pia zu helfen. 
Die Lehrerin suchte umgehend das Gespräch mit dem Mädchen, liess sich die Verletzungen zeigen und fragte nach dem Grund. Pia erklärte: «Indem ich mir selber wehtue, kann ich besser mit negativen Gefühlen und inneren Anspannungen umgehen.» Mehr wollte sie nicht erzählen. Die Lehrerin befürchtete, Pia könnte sich so tief schneiden, dass sie dabei ums Leben kommt.
Es handelt sich in vielerlei Hinsicht um eine typische Situation. Laut internationalen Erhebungen fühlt sich ein Grossteil der Pädagoginnen und Schulsozialarbeiter unsicher im Umgang mit Jugendlichen, die sich selbst verletzen. Meist reagieren sie mit Erschrecken, oft mit Mitgefühl und Anteilnahme, mitunter aber auch mit Abneigung, Ekel und Unverständnis. 
Viele fragen sich, ob die Selbstverletzungen ein Indiz für einen drohenden Suizid darstellen. Oft wissen sie nach eigenen Angaben nicht, wie sie mit den Jugendlichen am besten ins Gespräch kommen und sie unterstützen können. Nur in den seltensten Fällen haben Angehörige der genannten Berufsgruppen eine konkrete Schulung für den Umgang mit solchen Kindern erhalten. Dabei kommen fast alle irgendwann einmal mit Betroffenen in Berührung.
Anzeige
Selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter ist ein recht häufiges Phänomen. Weltweit berichten 18  Prozent der unter 19-Jährigen, also fast jeder Fünfte, sich im vergangenen Jahr zumindest einmal selbst bewusst körperlichen Schaden zugefügt zu haben. Regelmässig tun dies wesentlich weniger. In Deutschland gaben rund vier Prozent der Jugendlichen an, sich in den vergangenen zwölf Monaten wiederholt selbst verletzt zu haben (zur Situation in der Schweiz siehe Interview mit Marc Schmid). Sie benutzen dazu etwa Rasierklingen oder Zigaretten oder besprühen die Haut aus ­nächster Nähe mit einem Deospray, was zu Kälteverbrennungen führen kann. Einige Buben erzählen zudem, dass sie mit der Hand gegen eine Wand schlagen, bis sie blutet, und sie dann Erleichterung verspüren. Allerdings steht hinter all diesen Verhaltensweisen nicht die Absicht, sich das Leben zu nehmen – der Fachbegriff lautet daher: nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten, kurz NSSV.

Suizidgedanken kommen häufig vor

Die Befürchtung der Vertrauens­lehrerin, Pia könnte Suizid begehen, ist dennoch nicht leichtfertig abzutun: Jugendliche beschäftigen sich weit mehr mit dem Gedanken daran, als man vielleicht annehmen würde. So gab bei einer Vergleichsstudie in 17 europäischen Ländern aus dem Jahr 2012 in Deutschland jeder dritte Schüler an, bereits mindestens einmal über einen Suizid nachgedacht zu haben. Rund ein Drittel dieser Gruppe wiederum erzählt von konkreten Plänen, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Davon versuchen zirka zwei Drittel, das auch in die Tat umzusetzen. 
Buben berichten, dass sie mit der Hand gegen eine Wand schlagen, bis sie blutet – und dann Erleichterung verspüren.
Tatsächlich stellt Suizid die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen dar, wobei viermal mehr Buben als Mädchen sich das Leben nehmen. Wie aber hängen selbstverletzendes Verhalten und Suizid zusammen? Laut Studien ist die Mehrheit derjenigen, die sich selbst verletzen, nicht suizidal. Zwar stellt NSSV, wenn es wiederholt vorkommt, ein Risikofaktor für Suizidver­suche dar. Aber Fachleute sehen es vorrangig als eine Bewältigungsstrategie, die es ermöglicht, besser mit negativen Emotionen wie Stress und innerer Anspannung umzugehen. Nur ein Teil der Betroffenen gibt an, dass es ihnen dabei hilft, sich von Suizidgedanken abzulenken. Verletzt sich ein Schüler jedoch häufig tiefer sowie an eher ungewöhnlichen Stellen (etwa am Rumpf), scheint das Suizidrisiko grösser. Durch die ständigen Verletzungen erhöht sich mit der Zeit die Schmerzschwelle und somit die Gefahr lebensgefährlicher Selbstschädigung.

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren