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Psychologie

«Ich fühlte mich wie in einer Blase»

Für Sandra, 17, Praktikantin Behindertenbetreuung, liegt der schlimmste Druck darin, so sein zu müssen wie alle anderen. Das habe sie an den Rand ihrer Kräfte gebracht, ihr die Lebensfreude und den Schlaf geraubt.
Aufgezeichnet von: Virgina Nolan
Bild: Daniel Auf der Mauer / 13 Photo
«Gegen Ende der Primarschule war ich plötzlich zur Zielscheibe geworden: Ich wurde fertiggemacht. Vielleicht war mein Gewicht der Grund dafür oder meine ruhige Art. Ich weiss es nicht. Jedenfalls gab man mir täglich zu verstehen, dass ich komisch sei, nicht so wie die anderen, ein Nichts. So ging das zwei Jahre lang. Ich reagierte mit Rückzug. Mir fehlte die Kraft, mit meinen Eltern zu sprechen, ich reagierte gereizt, wenn sie es versuchten. Ich konnte nicht schlafen, war nervös und müde. Ich fühlte mich wie in einer Blase, umhüllt von Traurigkeit. Selbstmordgedanken begleiteten mich jeden Tag. Meine Eltern drängten mich, Hilfe zu suchen. Die Jugendseelsorge war ein Glücksfall. In der Oberstufe wendete sich mein Leben zum Guten. Auf einer Privatschule fand ich meine beste Freundin. Sie hat mich gelehrt, für mich einzustehen. Ich war glücklich, bis es um die Berufswahl ging. Mit 16 eine solche Entscheidung treffen zu müssen, hat mich überfordert. Wer die Sek B besucht, muss sich ständig anhören, dass es auf diesem Niveau sowieso gelaufen sei mit der Zukunft. Ich hoffe, das stimmt nicht. 
«Wer die Sek B besucht, muss sich ständig anhören, dass es auf diesem Niveau sowieso gelaufen sei mit der Zukunft.»
Ich habe bis heute keine Lehrstelle gefunden, trotz hundert Bewerbungen. Nach der Sek begann ich ein Praktikum im Behindertenwohnheim. Ich wurde ins kalte Wasser geworfen. Mein Chef erwartete, dass ich mit anpacke wie alle anderen. Ich war aber langsamer, weil die Arbeit körperlich anstrengend war. An mir nagte das Gefühl, nicht zu genügen. Die Traurigkeit und die Nervosität kamen zurück, ich hatte Angst, dass sich der Teufelskreis wiederholt. Der Chef stellte mir einen Ausbildungsplatz in Aussicht. Ich klammerte mich an diese Hoffnung, die sich aber zerschlug: Kurz vor Ablauf meines Praktikums erfuhr ich, dass es für mich keine Anschlusslösung gibt. Dank der Hilfe meiner Mutter konnte ich in einem anderen Wohnheim ein Praktikum beginnen. Hier blühe ich auf. Ich muss nicht nur funktionieren, sondern werde auch angeleitet. Die Arbeit macht mir Freude, geblieben ist die Sorge, dass ich als Sek-B-Absolventin mit schwachem Leistungsausweis nirgendwo unterkomme. Manchmal breche ich aus dem Nichts in Tränen aus. Ich will unbedingt Fachfrau Behindertenbetreuung lernen. Dafür bewerbe ich mich, wenns sein muss, wieder hundert Mal – aber nicht mehr in diesem Jahr. Nach dem Praktikum will ich erst einmal nach Australien, Englisch lernen.»

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