Wenn Eltern wütend werden
Psychologie
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Glaubenssätze aus der Kindheit

Bei näherer Betrachtung wird klar, dass sich diese Glaubenssätze schon früh eingebrannt haben. Glaubenssätze sind tief in uns wurzelnde Überzeugungen über uns selbst, die Welt und unsere Beziehungen, die wir im Laufe unserer Kindheit aufbauen. Wenn unseren Grundbedürfnissen nach Bindung, Sicherheit, Anerkennung und Wertschätzung, nach Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit sowie nach unbeschwerten Momenten in der Kindheit ausreichend Beachtung geschenkt wird, bilden wir eher positive Glaubenssätze aus, beispielsweise «Ich darf so sein, wie ich bin», «Ich bin willkommen », «Ich bin gut genug». Werden Grundbedürfnisse hingegen verletzt, setzen sich eher negative Glaubenssätze in uns fest, wie «Ich bin eine Belastung», «Keiner nimmt mich ernst», «Niemand sieht mich», «Ich komme zu kurz». 
Oft tut es Menschen weh, wenn sie erkennen, wie sie für die eigenen Eltern sein mussten, um akzeptiert zu werden.
Diese Überzeugungen haften uns unbewusst bis ins Erwachsenenleben an – sie steuern unser Denken, Empfinden und Handeln mit. Die Mutter im obigen Beispiel erkannte, dass sie in ihrer eigenen Kindheit zwar einen recht guten Draht zu ihren Eltern hatte, diese aber beruflich enorm eingespannt waren. Im Alltag mit ihren vier Geschwistern wurde sie wenig gesehen und häufig übergangen. Nachts habe sie im grossen Haus oft Angst gehabt und nach ihren Eltern gerufen, aber niemand sei gekommen. Und wenn sie heute als Erwachsene den Eindruck hat, nicht beachtet zu werden, sind all die alten Gefühle mit voller Wucht wieder da: die Einsamkeit, die Trauer, die Angst, die Scham. Das geht ihr nicht nur mit den Kindern so, sondern auch in beruflichen Sitzungen. 

Bei einem Vater ist es die Unzufriedenheit der Kinder, die ihn triggert: «Da nehme ich mir am Wochenende extra Zeit, plane einen Ausflug und will, dass alle Spass haben. Und morgens kommen die Kinder nicht in die Gänge, ziehen im Auto eine Schnute, die Kleine nölt herum.» Dann packt ihn der Zorn. Er wird laut, wirft den Kindern vor, undankbar zu sein, und erwartet, dass sie sich zusammenreissen. Wenn die Kleinen nicht sofort einlenken, fühlt er sich ohnmächtig und würde sie am liebsten an Ort und Stelle stehen lassen. 

Was uns die Spurensuche bringt

Der Rückblick in seine eigene Biografie offenbart, dass er als Kind immer den Eindruck hatte, zu kurz zu kommen. Die eigenen Eltern erlebte er als fordernd, streng und distanziert. Oft fühlte er sich gegenüber den Klassenkameraden minderwertig, weil sich die Familie nur wenig leisten konnte. Noch immer hallen bei ihm die mahnenden Worte seiner Eltern nach: «Im Leben wird dir nichts geschenkt!» oder «Sei gefälligst dankbar für das, was du hast. Anderen geht es viel schlechter!». Nun bietet er seinen Kindern so vieles, was er selbst vermissen musste, und trotzdem scheint er sie nicht «zufriedenstellen zu können», damals wie heute «genügt er scheinbar nicht». 

Oft tut es Menschen weh, wenn sie erkennen, wie sie für die eigenen Eltern sein mussten, um akzeptiert zu werden, welche eigenen Bedürfnisse verletzt oder missachtet wurden und welche Glaubenssätze sich eingebrannt haben. Dies kann uns aber auch auf einen produktiven Pfad führen: Wir können uns bewusst machen, dass wir häufig auf unsere bisherige Lebensgeschichte reagieren – und nicht auf das momentane Aussen. Und wir können mehr Mitgefühl mit uns und Fürsorge für uns selbst entwickeln für die Momente, die uns tiefer treffen als andere. Manchmal reicht dazu ein Buch, zum Beispiel Stefanie Stahls «Das Kind in dir muss Heimat finden» oder eben Gitta Jacobs «Raus aus Schema F». Manchmal braucht es dazu die Begleitung einer Fachperson. 

Zur Autorin:

Stefanie Rietzler ist Psychologin und Autorin («Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden», «Erfolgreich lernen mit ADHS», «Clever lernen»). Gemeinsam mit Fabian Grolimund leitet sie die Akademie für Lerncoaching, ein Beratungs- und Weiterbildungsinstitut mit Sitz in Zürich: www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com. Stefanie Rietzler lebt mit ihrem Mann in Zürich. 
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  • «Du gehst jetzt raus, bis du dich wieder beruhigt hast»
    Oft sind Kinder so gefangen in ihrer Wut, dass sie andere mit ihren Ausrastern ängstigen. Viele Eltern und Lehrpersonen verordnen dem tobenden Kind dann eine «Auszeit». Dabei wäre es förderlicher, sich in das Kind hineinzufühlen und ihm zu helfen, seine Wut in Worte zu fassen.

  • Wie reagiert Ihr Kind auf Lob?
    Kann Ihr Kind schlecht mit Lob umgehen? Wie sieht das denn bei Ihnen aus? Wer seine eigenen Reaktionen auf Komplimente versteht, kann auch das Verhalten seiner Kinder besser einordnen.


1 Kommentar

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Von Katja am 08.02.2021 20:04

Ich habe tolle Erfahrungen gemacht mit Glaubenssätzen aus der Kindheit zu lösen mittels Energie Behandlung. Ich war bei Jutta Braams https://www.aura-yoga.ch/

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