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Psychologie

Gibt es den idealen Zeitpunkt zum Kinderkriegen?

Das Gebäralter der Mutter kann wesentliche Folgen für die physische Gesundheit ihres Kindes haben. Das ist allgemein bekannt. Doch immer mehr Forschungsergebnisse belegen, dass das Alter der Eltern zudem auch das Verhalten des Kindes beeinflussen kann.
Text: Jessica Tearne
In Industrieländern liegt das Alter, in dem Männer und Frauen eine ernsthafte Beziehung eingehen und Kinder bekommen, zunehmend höher. 30,6 Jahre beträgt in der Schweiz das Durchschnittsalter, in dem eine verheiratete Frau ihr erstes Kind bekommt. Mehr Frauen als je zuvor gebären im Alter von über 35 – sie sind laut Mediziner sogenannte «Spätgebärende». Auch die Väter werden immer älter. Jeder fünfte Vater in der Schweiz ist bei der Geburt seines Kindes 40 Jahre oder älter. Was bedeutet dieser massive gesellschaftliche Wandel für die Kinder und deren Entwicklung?
Ältere Eltern haben mehr Ressourcen für die Versorgung ihrer Kinder.
Derzeit wird insbesondere zu der Frage geforscht, wie sich das gestiegene Lebensalter von Eltern langfristig auf das Verhalten und die Psychologie & Gesellschaft psychische Gesundheit der Kinder auswirkt. Einerseits ist bekannt, dass das Kinderkriegen im höheren Alter einige Risiken für Mutter und Kind birgt wie zum Beispiel Schwangerschaftskomplikationen und genetische Anomalien wie das Down- Syndrom. Andererseits haben ältere Eltern zumeist ein höheres Einkommen und einen besseren Bildungsstand, so dass ihnen mehr Ressourcen für die Versorgung ihrer Kinder zur Verfügung stehen.

Die Forschung, die wir hier im Telethon Kids Institute in Westaustralien mit einem Team von Spezialisten für Kinder- und Jugendgesundheit durchführen, beschäftigt sich damit, wie das Alter von Müttern und Vätern zum Zeitpunkt der Geburt ihres Kindes dessen Verhalten in der Kindheit und Jugend beeinflusst.

Wir haben eine breite Palette von Verhaltensproblemen untersucht, die bei vielen Kindern irgendwann im Leben auftreten können. Dabei unterscheiden wir zwei Kategorien: internalisierende Verhaltensmuster wie Traurigkeit, Ängste und somatische Symptome und externalisierende Verhaltens. Ältere Eltern haben mehr Ressourcen für die Versorgung ihrer Kinder.muster wie starke Impulsivität, Aggressivität und Aufmerksamkeitsstörungen.
Kinder älterer Mütter weisen weniger Verhaltensprobleme auf.
Wir haben das Glück, mit einer umfangreichen Längsschnittstudie arbeiten zu können, die über 2000 Kinder und ihre Familien von der Schwangerschaft über die Kindheit bis ins Jugendalter begleitet hat. Wir haben herausgefunden, dass das Alter der Mutter – selbst unter Berücksichtigung anderer Variablen wie soziale und wirtschaftliche Verhältnisse, Bildung der Eltern, Rauchen und Alkoholkonsum in der Schwangerschaft – ein wichtiger Indikator für das spätere Verhalten des Kindes ist. Unsere Forschung hat gezeigt, dass mit zunehmendem Alter der Mutter das Risiko, dass Kinder internalisierende und externalisierende Verhaltensprobleme entwickeln, abnimmt. Im Alter von 2 bis 17 Jahren wiesen die Kinder älterer Mütter weniger Verhaltensprobleme wie Angst, Depression oder Aggression auf. Dies sind ermutigende Neuigkeiten für ältere Mütter.

Noch gilt es zahlreiche Fragen zu beantworten. Von einigen Studien, an denen wir arbeiten, erwarten wir weitere Aufschlüsse: Beispielsweise untersuchen wir Verhaltensprobleme im frühen Erwachsenenalter darauf, ob das Alter der Mutter bei der Geburt ein Indikator für das spätere Verhalten des Kindes mit Anfang 20 ist. Eine weitere Studie beschäftigt sich mit den Erfahrungen von Müttern, die ihr erstes Kind im Alter von 35 oder später gebären. Hier fragen wir die Mütter nach den Gründen, warum sie ihr Kind zu diesem Lebenszeitpunkt bekommen und welche Erfahrungen sie dabei machen. Es wäre fantastisch, herauszufinden, wie Mütter im höheren Lebensalter am besten zu unterstützen sind und warum das Alter der Mutter das Verhalten des Kindes zu beeinflussen scheint. Mit diesen Erkenntnissen könnten wir Kindern helfen, bei denen eventuell das Risiko besteht, Verhaltensprobleme zu entwickeln.

Gibt es also so etwas wie den idealen Zeitpunkt zum Kinderkriegen? Die Antwort lautet höchstwahrscheinlich: Ja – dann, wenn Sie dazu bereit sind. Die Geburt eines Kindes bringt in jedem Lebensalter Vor- und Nachteile mit sich. Zwar sind unsere Forschungsergebnisse für ältere Mütter beruhigend, doch gibt es auch viele positive Aspekte, in jüngeren Jahren ein Baby zu bekommen. Der perfekte Zeitpunkt lässt sich nicht immer planen.

Bild: Pexels

ZUR AUTORIN

Jessica Tearne ist als klinische Psychologin in einem Krankenhaus und als Forschungsreferentin am Telethon Kids Institute im westaustralischen Perth tätig. Sie untersucht, wie frühkindliche Erfahrungen ab dem Zeitpunkt der Zeugung das Verhalten und die psychische Gesundheit eines Kindes beeinflussen.
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JACOBS FOUNDATION

Als eine der weltweit führenden gemeinnützigen Stiftungen verpflichtet sich die Jacobs Foundation seit 25 Jahren der Forschungsförderung im Bereich der Kinder- und Jugendentwicklung. Die Stiftung möchte künftige Generationen durch die Verbesserung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten nachhaltig unterstützen.

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