Psychologie
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Die meisten sind Opfertäterinnen 

«Ein grosses Problem dabei ist, dass fast die gesamte Forschung zu Tätern und zur Gewaltdynamik in Beziehungen mit Männern gemacht wurde», sagt Leena Hässig. «Hier ist jedoch eine Unterscheidung zwischen Männern und Frauen sehr wichtig.» Darüber, was weibliche von männlicher Gewalt unterscheidet, weiss man bisher wenig.

Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Männern stärker Persönlichkeitsaspekte eine Rolle spielen, während Frauen eher aus der Situation heraus zu Gewalt greifen. Während bei Männern oft Macht- und Dominanzstreben eine Rolle spielen, ist das bei Frauen weniger der Fall. Männer üben Gewalt in vielen Bereichen aus, etwa in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz oder in der Familie. Bei Frauen konzentriert sich die Gewalt dagegen auf das häusliche Umfeld, auf die Familie und enge soziale Beziehungen. 
Oft halten die Frauen dies lange Zeit aus – um dann in einem Befreiungsschlag zu Gewalt zu greifen», sagt Psychologin Leena Hässig.
Oft halten die Frauen dies lange Zeit aus – um dann in einem Befreiungsschlag zu Gewalt zu greifen», sagt Psychologin Leena Hässig.
Meist geht es dabei um Opfertäterinnen, die so lange gedemütigt werden, bis sie zurückschlagen. Nebst den Opfertäterinnen gibt es die Vorteilstäterinnen. Diese töten, bildlich ausgedrückt, die Ehefrau des Liebhabers. Schläge oder Angriffe auf andere sind oft der Versuch einer Frau, den emotionalen Kontakt zu ihrem Gegenüber wiederherzustellen. «Eine Frau ist häufig frustriert, weil ihr Partner nicht aufmerksam ist oder nicht genug auf ihre Bedürfnisse eingeht», sagt der deutsche Sozialwissenschaftler Bastian Schwithal.

Weiter haben Menschen, die zu Gewalt greifen, oft keine günstigeren Handlungsmöglichkeiten erlernt, um ihre Bedürfnisse auszudrücken oder Konflikte in Beziehungen zu bewältigen. «Ein häufiger Grund, warum Frauen zu Gewalt greifen, sind Demütigungen, Misshandlungen oder sexuelle Gewalt durch den Partner. Oft halten die Frauen dies lange Zeit aus – um dann in einem Befreiungsschlag zu Gewalt zu greifen», sagt Psychologin Leena Hässig. 
Gewaltprävention beginnt dort, wo Verhaltensmuster gelernt werden: in der Kindheit und Jugend.
Wird Gewalt an Kindern verübt, sind vor allem Überforderung, Hilflosigkeit und starke Belastungen die Ursache. «Oft haben diese Frauen hohe Ansprüche an sich. Sie wollen zeigen, dass sie eine gute Mutter sind und alles im Griff haben», erläutert die Rechtspsychologin. «Wenn das nicht gelingt, rasten sie irgendwann aus.» Hinterher tut es den Frauen oft leid – und ihnen ist auch bewusst, das Gewalt keine Lösung ist. In vielen Fällen fängt die Gewalt harmlos an und steigert sich im Lauf der Zeit. Häufig kommt es in Phasen zu Gewalthandlungen, in  denen sich die Lebensumstände stark verändern: etwa, wenn ein Paar zusammenzieht, bei Schwangerschaft oder der Geburt eines Kindes und insbesondere bei Trennungen. 
Dabei spielt auch das Verhalten des Partners eine Rolle. «Männer trauen sich oft nicht, deutlich ‹Stopp! Hier ist eine Grenze erreicht!› zu sagen, weil das nicht dem Rollenbild entspricht», sagt Bastian Schwithal. So entsteht oft eine Gewaltspirale, aus der die Konfliktpartner keinen Ausweg mehr finden. 
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Hemmschwelle bei Frauen höher 

Wenn Frauen töten oder sexuelle Gewalt gegen die eigenen Kinder ausüben, ist das besonders schockierend. Kommt es zu einem Mord, sind die Opfer ebenfalls häufig Familienangehörige. Die Tat kann dabei im Affekt geschehen, aber auch geplant sein. «Solchen extremen Formen der Gewalt geht oft eine lange Leidensgeschichte voraus», erklärt Barbara Krahé, Psychologin an der Abteilung Sozialpsychologie der Universität Potsdam. «Die Hemmschwelle für körperliche Gewalt ist bei Frauen höher als bei Männern. Daher muss bei solchen Taten schon eine Reihe auslösender Faktoren zusammenkommen.» In seltenen Fällen gibt es aber auch Frauen, die kaltblütig einen Mord begehen. «Das kann zum Beispiel sein, wenn sie die Geliebte oder die Ehefrau eines Mannes töten, um ihn ganz für sich alleine zu haben», so Hässig. Doch die häufigsten Todesopfer von Frauen sind deren Kinder. Oft treiben Not und Verzweiflung die Mütter zu solchen Taten – viele geschehen kurz nach der Geburt der Kinder oder im ersten Lebensjahr. 
Die häufigsten Todesopfer von Frauen sind die eigenen Kinder, oft in deren erstem Lebensjahr. 
«Der Hauptgrund scheint zu sein, dass diese Frauen kein Kind gewollt haben oder sich mit der Verantwortung für ein Baby überfordert fühlen», erläutern Gavin und Porter in ihrer Studie. Aber auch die Vereinsamung könne laut Leena Hässig zu unheilvollen Taten führen. Was sexuelle Gewalt angeht, hat Hässig Frauen erlebt, die ihre Kinder für die Herstellung von Pornografie zur Verfügung gestellt haben.

«Hier spielt oft eine grosse Abhängigkeit der Frauen von ihrem Mann oder ihrem Umfeld eine Rolle», berichtet Hässig. Ausserdem sind der Psychologin Fälle bekannt, bei denen alleinlebende Frauen ein «sehr enges» Verhältnis zu ihren Söhnen hatten – das könne von emotionalem bis hin zu sexuellem Missbrauch reichen. Hier handle es sich häufig um Frauen, die die Grenze verloren hätten, was bei körperlicher Nähe akzeptabel sei und was nicht. 
«Wie häufig solche Fälle sexuellen Missbrauchs sind, ist nicht bekannt», sagt Hässig. «Das ist auch schwer zu erfassen, da es im Verborgenen geschieht.» Gewalt in Paarbeziehungen und Familien kann sich  mit der Zeit steigern. Deshalb ist frühzeitige Hilfe wichtig. In der Schweiz gibt es zahlreiche Gewaltberatungsstellen, die Unterstützung bei häuslicher Gewalt anbieten. Allerdings sind viele nicht explizit auf weibliche Gewalt spezialisiert. Eine solche gezielte Beratung bietet die Fachstelle Gewaltberatung Bern an: 12 bis 25 Frauen aus der Region wenden sich jährlich dorthin. 

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