Psychologie

Wenn Mütter zuschlagen

Angriffe auf den Partner, Gewalt gegen die eigenen Kinder: Solche Taten werden auch von Frauen verübt – sind aber stark tabuisiert. Dabei würde eine vermehrte Thematisierung den Opfern helfen und wäre für die Prävention wichtig. Denn Müttergewalt hat oft andere Ursachen als Vätergewalt.
Text: Christine Amrhein
Bilder: Photocase
Da ist Rahel*, die ihren Mann würgte, bis er ins Krankenhaus musste. Theres*, die ihre Kinder schlug, wenn sie nicht still waren. Beatrice*, die so wütend war, dass sie Möbel und Gegenstände in der Wohnung zertrümmerte. Und Regine*, die ihren Mann und ihre Kinder anschrie und verbal bedrohte. Diesen Fällen ist eines gemeinsam: Die vier Frauen wollten alle nicht, dass es so weitergeht. Sie wollten etwas verändern – und haben sich Hilfe gesucht: Sie wendeten sich an eine spezialisierte Gewaltberatungsstelle. Gewalt im häuslichen Umfeld – Schläge, körperliche Übergriffe auf Partner oder Kinder, sexueller Missbrauch, sogar Morde – all das wird vor allem mit Männern in Verbindung gebracht. 
Bei Frauen konzentriert sich Gewalt auf das häusliche Umfeld, die Familie und enge soziale Beziehungen.
Dabei wird häufig übersehen, dass auch Frauen solche Taten begehen. «Gewalt von Frauen wird immer noch viel zu häufig totgeschwiegen oder nicht ernst genommen», schreiben Helene Gavin von der britischen Universität Huddersfield und Theresa Porter vom amerikanischen Connecticut Valley Hospital in ihrem Buch «Female Aggression». «Gewalt von Frauen ist jedoch ein bedeutsames gesellschaftliches Thema, das ernst genommen werden sollte.» Auch schwere Gewalt wird von Frauen verübt – wenn auch deutlich seltener als von Männern. So gibt es Frauen, die ihren Partner mit dem Messer umbringen, ihr Kind mit einem Kissen ersticken oder ihre Kinder sexuell missbrauchen. Oft haben diese Frauen jahrelang selbst Demütigungen und Misshandlungen erlebt oder sie fühlen sich mit ihrer Situation völlig überfordert. 

Jede dritte Gewalttat an Kindern wird von Frauen ausgeübt 

Einen Einblick, wie häufig solche Taten vorkommen, gibt die Statistik zu häuslicher Gewalt des Schweizer Bundesamtes für Statistik: So wird die überwiegende Zahl der Gewalttaten tatsächlich von Männern verübt, ein nicht geringer Anteil aber auch von Frauen: Im Jahr 2017 waren 76 Prozent der von der Polizei erfassten Beschuldigten häuslicher Gewalt Männer und 24 Prozent Frauen. Gewalt in bestehenden oder ehemaligen Partnerschaften ging dabei überwiegend von Männern aus, nur etwa ein Fünftel (22 bzw. 21 Prozent) der Tatverdächtigen waren Frauen. Anders bei Gewalt gegen Kinder: Diese wurde zu rund einem Drittel, nämlich 31 Prozent, von Frauen ausgeübt. Bei schwerer Gewalt ist der Frauenanteil etwas geringer. 

So zeigt die Kriminalstatistik der Jahre 2009 bis 2016, dass bei versuchten Tötungsdelikten in Partnerschaften 20 Prozent der Tatverdächtigen Frauen waren – bei vollendeten Tötungsdelikten waren es zu 11 Prozent Frauen. Bei versuchten und vollendeten Tötungsdelikten in der Familie lag der Frauenanteil höher: Hier waren 29 Prozent der Tatverdächtigen Frauen – bei vollendeten Tötungsdelikten waren es zu 33 Prozent Frauen. Leena Hässig, Psychologin, Psychotherapeutin und Gewaltberaterin bei der Fachstelle Gewalt Bern, erklärt: «Gewalttätige Frauen sind ein Riesentabu.» 
In vielen Fällen fängt die Gewalt harmlos an und steigert sich im Lauf der Zeit. 
Insgesamt hat die Gewalt von Frauen in den letzten 100 Jahren zwar nicht zugenommen. Aber die Ausführung ist brutaler geworden, insbesondere bei den jungen Frauen», sagt Leena Hässig. Zu verstehen, warum Frauen im häuslichen Umfeld gewalttätig werden, ist eine wichtige Voraussetzung, um Gewalt in Familien zu verhindern – und dafür zu sorgen, dass sie in Zukunft gar nicht erst auftritt.

Bisher weiss man, dass eine ganze Reihe von Ursachen bei der Entstehung von Gewalt eine Rolle spielt. Wer als Kind selbst Gewalt in der Familie erlebt hat, hat ein deutlich erhöhtes Risiko, als Erwachsener selbst Gewalt in Beziehungen zu erleben oder auszuüben. Das trifft auf Männer und auf Frauen zu. Weitere Risikofaktoren für häusliche Gewalt sind Stress und Überlastung, Beziehungskonflikte sowie ein Umfeld, das Gewalt toleriert oder als normal ansieht. 
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