Faszination Waffen: Was tun, wenn Kinder nur schiessen und töten wollen
Psychologie
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Das Toastbrot wird zur Waffe 

Diese Erfahrung hat auch Allan Guggenbühl in seiner beruflichen Praxis immer wieder gemacht. «Die meisten Eltern wollen Kinder ohne Spielzeugwaffen aufziehen. Viele erleben jedoch, dass ihre Söhne derart von Waffen fasziniert sind, dass sie diese notfalls selber basteln. Eine Mutter erzählte mir, dass ihr Junge Toastbrot in Pistolen verwandelte.»

Wenn sich Kinder schon bewaffnen, dann hält der Psychologe solche Fantasiewaffen für eine gute Wahl. «Bei gekauften Spielzeugwaffen muss dagegen klar sein, dass es sich um eine symbolische Darstellung handelt. Sie dürfen keinesfalls echt wirken», sagt Allan Guggenbühl.

Das ist hierzulande auch rechtlich relevant. Denn Imitations-, Schreckschuss- und Soft-Air-Waffen, die mit echten Feuerwaffen verwechselt werden können, sind seit 2008 im revidierten schweizerischen Waffengesetz echten Waffen gleichgestellt. Der Grund: Sie wurden bei Delikten immer wieder als Drohmittel eingesetzt, wodurch gefährliche Situationen entstanden.
Spielwaffen dürfen echten Waffen nicht zum Verwechseln ähnlich sehen. 
Träumt das Kind dennoch weiterhin von der täuschend echten Waffenattrappe, hilft vielleicht diese Geschichte aus den USA zur Abschreckung: Dort ist ein bewaffneter Jugendlicher von einem Polizisten erschossen worden. Dass er nur eine täuschend echte Spielzeugwaffe trug, hat der Beamte zu spät erkannt.

Abgesehen vom Rat, auf allzu echt wirkende Waffen zu verzichten, haben die Experten kein Patentrezept parat, wie ein gesunder Umgang mit dem Thema Waffen in der Familie, im Kindergarten oder in der Primarschule aussehen soll. «Dazu sind die Gründe einfach zu verschieden, aus denen heraus Waffen für Kinder wichtig sind. Der eine will sich damit stärker machen, der Nächste einfach nur zur Gruppe dazugehören, der Dritte ist an der Technik dahinter interessiert», sagt Kindheitspsychologe Tim Rohrmann.

Die Gründe für die Faszination verstehen 

Zentrale Aufgabe der Eltern sei es, immer im Gespräch mit dem Kind zu bleiben, um zu erfahren, warum es sich für Waffen interessiert. Kann das Kind seine Faszination nicht in Worte fassen, dürfen Eltern auch ruhig mal mitspielen und die Gründe so selbst herausfinden, empfiehlt Tim Rohrmann.

Blockt ein Kind ein solches Interesse dagegen ab, sollten Eltern hellhörig werden. Gleiches gilt Tim Rohrmann zufolge, wenn Waffen für das Kind auch dann noch interessant sind, wenn die Freunde längst andere Interessen verfolgen oder wenn Waffen zum einzigen Hobby werden. Beobachten die Eltern, dass ihr Kind mittels Waffen starke Machtfantasien auslebt und Freude daran empfindet, bei anderen Angst zu erzeugen, oder gar Kinder oder Tiere mit den Waffen verletzt, müssen sie unbedingt das Gespräch mit dem Kind suchen – und sich notfalls auch Hilfe von aussen holen.

Virtuelles Töten

In engem Austausch mit dem Nachwuchs bleiben gilt insbesondere bei älteren Kindern, die das Holzschwert durch virtuelle Waffen in Computerspielen ersetzen. «Eltern können solche Ballerspiele komplett ablehnen, Kinder sind trotzdem oft von ihnen fasziniert», sagt Allan Guggenbühl.

Statt diese Kinder dann in der virtuellen Waffenwelt allein zu lassen, sollten sich die Eltern lieber mal mit an den Computer setzen. So finden sie heraus, was die Spielmotivation ihrer Kinder ist. «Meist geht es auch hier vor allem um Wettbewerb, ums Gewinnenwollen», sagt Psychologe Dietmar Heubrock.

Empfinden Eltern ein Ballerspiel dann doch als zu realitätsgetreu, zu brutal oder zu blutrünstig, können sie nach dem Mitspielen ein Verbot auch besser begründen. «Zumal man beim Zusammenspielen merkt, wie das Kind auf die Inhalte reagiert und wann ihm etwas zu viel wird», sagt Psychologe Tim Rohrmann.

Verena Frei hat kürzlich mit Luca einen Stapel Bücher gekauft. Ihr Sohn wollte wissen, wie sich die Technik von Waffen seit den Weltkriegen verändert hat und wo heute welche Waffen hergestellt werden. Jetzt blättern die beiden gemeinsam durch die neue Lektüre. Und sie diskutieren viel darüber, warum es nach wie vor so viele Kriege auf der Welt gibt und Konflikte nicht immer gewaltfrei gelöst werden. «Es ist schön, zu beobachten, dass sich Luca auch für diese Seite des Waffen­themas interessiert», findet seine Mutter.
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<div><strong>Sandra Markert</strong> ist Journalistin und Mutter von drei Kindern. Der Tochter reichen die Fäuste, um sich gegen ihre beiden jüngeren Brüder zur Wehr zu setzen. Und diese haben Waffen (noch) nicht für sich entdeckt.</div>
Sandra Markert ist Journalistin und Mutter von drei Kindern. Der Tochter reichen die Fäuste, um sich gegen ihre beiden jüngeren Brüder zur Wehr zu setzen. Und diese haben Waffen (noch) nicht für sich entdeckt.

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