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Psychologie

Wer sind eigentlich diese Leute in meinem Haus?

Wer aufhört, sich gegenseitig kennenzulernen, wird sich fremd – das gilt auch für unsere engsten Beziehungen
Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Zu Beginn einer Beziehung können wir einander gar nicht genug erzählen. Wir wollen die Gedanken, Träume und Ängste des Partners oder der Partnerin kennenlernen, die letzten Winkel seiner respektive ihrer Persönlichkeit ausloten. Alles ist neu und interessant, und wir befinden uns auf einer Entdeckungsreise. Mit den Jahren holt uns der Alltag ein. 
Die Beziehung läuft gut, doch man redet weniger miteinander. Die Gespräche werden flacher, und sobald Kinder dazukommen, geht es bald vorwiegend um Organisatorisches: Wer ist wann zu Hause? Wer fährt die Kinder wann wohin? Routine breitet sich aus. Gefangen im Alltag kann es uns passieren, dass wir Veränderungen nicht mehr mitbekommen, unser Bild des Gegenübers nicht mehr aktualisieren, die gemeinsame Entwicklung ins Stocken gerät – bis wir eines Tages feststellen, dass wir uns auseinandergelebt haben. Dabei kann uns gerade unsere gemeinsame Geschichte zum Verhängnis werden.

Gemeinsame Geschichte kann uns verbinden, aber auch entfremden

Wenn uns mit einem Menschen viele Jahre und eine gemeinsame Ge­schichte verbinden, gehen wir davon aus, dass wir ihn dadurch umso besser kennen. Wir wissen, woher er kam, was er erlebt und was ihn ge­prägt hat. Wir können auf gemeinsame Erfahrungen und viele Gespräche zurückblicken. Das ist etwas Wertvolles und Wunderbares, das uns verbinden kann.
Manchmal ist es gerade die enge Beziehung zum Kind, die es uns schwer macht, bestimmte Dinge zu sehen oder an uns heranzulassen. 
Es kann jedoch auch verhindern, dass wir die andere Person so sehen, wie sie ist. Wir haben uns ein Bild dieses Menschen gemacht, und es fällt uns entsprechend schwerer, zu sehen, was an ihm neu und anders ist. Wir können blind werden für Entwicklungen, die für Aussenstehende offensichtlich sind. Besonders eindrücklich beschreibt dies der Schriftsteller Daniel Pennac in seinem Buch «Schulkummer». Inzwischen einer der bekanntesten Autoren Frankreichs, war er in seiner Schulzeit ein schlechter Schüler, um den sich seine Mutter zeitlebens Sorgen machte. 

Pennac schildert im Epilog eine Szene, in der er mit seinem Bruder und seiner Mutter im Wohnzimmer sitzt und sich einen Film über sein schriftstellerisches Werk anschaut: «Mama schaut sich also diesen Film an, neben ihr mein Bruder Bernard, der ihn für sie aufgenommen hat. Sie schaut sich den Film an, von der ersten bis zur letzten Minute, mit un­­verwandtem Blick, reglos in ihrem Sessel, mucksmäuschenstill, während es draussen Abend wird. Ende des Films. Abspann. Stille. Dann, während sie sich langsam zu Bernard hindreht: ‹Glaubst du, dass er es eines Tages schafft?›»
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Vielleicht haben Sie mit Ihren Eltern weniger drastische, aber ähnliche Erfahrungen gemacht und hätten bei Besuchen im Erwachsenenalter manchmal am liebsten gesagt: «Du behandelst mich, als wäre ich noch immer sechzehn!» 

Phasen, die intensiv waren und in denen wir viel Zeit miteinander verbracht haben, prägen unsere Wahrnehmung. Vielleicht hilft uns dieser Gedanke dabei, bei Besuchen nachsichtiger mit unseren Eltern zu sein. Das Bewusstsein um die Macht der Erinnerungen kann uns aber auch dabei helfen, uns selbst mehr zu öffnen und uns immer wieder vorzunehmen, genau hinzuschauen und hinzuhören, damit wir wichtige Entwicklungen bei anderen mitbekommen.
Erinnerungen sind aber nicht die einzige Hürde, wenn es darum geht, uns auf Nahestehende einzulassen.

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