Erinnerungen: Momente, die bleiben
Psychologie
Seite 2

Digitale Verbundenheit ersetzt gemeinsame Erlebnisse nicht

Wenn wir uns bewusst machen, welche Momente in unserem Leben für einen positiven Ausschlag nach oben sorgen, merken wir, wie viel uns und unseren Kindern durch die Pandemie gestohlen wurde. Die meisten von uns fanden sich plötzlich in einem einengenden Trott aus Routine und Alltag wieder. Ein Achtjähriger brachte es im Februar auf den Punkt: «Es ist so langweilig. Nichts darf man. Sogar die Schule ist eine Abwechslung! Kannst du dir das vorstellen?»
Über Monate hinweg haben wir alles versucht, um ein Gefühl von Verbundenheit zu erhalten: Wir haben (Video-)telefoniert, um mit Grosseltern, Verwandten und Bekannten in Kontakt zu bleiben, und dabei gemerkt, dass wir zwar froh um diese Möglichkeiten sind, sie aber eine Umarmung und gemeinsame Erlebnisse nicht ersetzen können.

Für viele Jugendliche, die ihre Lehre oder die Matura abgeschlossen haben und nun ins Arbeitsleben oder Studium eingetreten sind, sind wichtige Übergangsrituale verloren gegangen. Der Abschluss, auf den man so lange hingearbeitet hat, konnte nicht in gebührendem Masse gefeiert werden. Junge Menschen haben ihr Studium fast ausschliesslich mit Heimunterricht begonnen – teilweise in einer fremden Stadt, in der sie noch niemanden kennen und noch gar nicht ankommen konnten, weil das Verbindende fehlt. 
Gibt es Kleinigkeiten, mit denen Sie die gewohnte Routine durchbrechen können? Welche Mini-Erfolge gibt es zu feiern?
Um Kindern und Jugendlichen diese Zeit zu vereinfachen, haben Eltern, Lehrpersonen, Erzieherinnen und Erzieher nicht nur das Nötige geleistet, sondern vielfach Zusatzaufgaben übernommen. Sie haben eigene Unsicherheiten ausgehalten, sich der Ängste der Kinder und Jugendlichen angenommen, versucht für etwas Normalität zu sorgen und neben der Arbeit nach Möglichkeit das Fehlende kompensiert. Aber: Nach und nach wurden die meisten von uns müde von dieser Zusatzanstrengung.

Mit dem Blick auf die Elemente, die besondere Momente ausmachen, wird uns klar, was wir so schmerzlich vermisst haben, warum viele von uns frustriert und ausgezehrt sind und warum wir uns wegen dieser Gefühle nicht auch noch Vorwürfe machen müssen, «weil wir es doch eigentlich so gut haben». 

Auf der anderen Seite können wir überlegen, wie wir zukünftig da und dort einzelne Tage mit einer Prise EPIC aufwerten können: Gibt es Kleinigkeiten, mit denen Sie die gewohnte Routine durchbrechen könnten? Welche Mini-Erfolge könnten Sie mit der Familie bewusster feiern? Welchem lieben Menschen wollen Sie oder die Kinder gleich morgen ein unerwartetes Zeichen der Zuneigung schenken? Was möchten Sie als Familie unbedingt nachholen oder nachfeiern, sobald dies wieder möglich ist?

Zur Autorin:

Stefanie Rietzler ist Psychologin und Autorin («Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden», «Erfolgreich lernen mit ADHS», «Clever lernen»). Gemeinsam mit Fabian Grolimund leitet sie die Akademie für Lerncoaching, ein Beratungs- und Weiterbildungsinstitut mit Sitz in Zürich: www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com. Stefanie Rietzler lebt mit ihrem Mann in Zürich.

Mehr lesen von Stefanie Rietzler:

  • Wenn Kinder in alten Wunden wühlen
    Eltern wollen freundlich sein, den Kindern stets zugewandt, sie liebevoll führen. Nicht schimpfen. Nicht drohen. Nie laut werden. Nur: Warum gelingt uns das im Alltag oft nicht? Einer der Gründe geht weit in unsere eigene Kindheit zurück.

  • Stress, lass nach!
    Wie wir uns in Krisensituationen verhalten, ist sehr unterschiedlich. Manche lesen alles, was sie zu dem Thema finden können, während andere Informationen regelrecht von sich fernhalten. Das kann in Familien zu Konflikten führen.

    Wie reagiert Ihr Kind auf Lob?
    Kann Ihr Kind schlecht mit Lob umgehen? Wie sieht das denn bei Ihnen aus? Wer seine eigenen Reaktionen auf Komplimente versteht, kann auch das Verhalten seiner Kinder besser einordnen.
Anzeige

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.