Desktop mit der gamesucht ins aus l
Psychologie
Seite 3

Der Einstieg ins Berufsleben gestaltet sich schwierig

Gabriel Bernet hat keine Arbeit. Er möchte sich um einen geschützten Arbeitsplatz bewerben. Denn, so sagt er: «Im richtigen Berufsleben ist es mir zu stressig, das halte ich nicht aus.» Benjamin Marbach hat sein Hobby zum Beruf gemacht – und ist dann an seinem Hobby gescheitert. Er hat Gamedesign studiert. «Aber das Programmieren, das ist ja dann Arbeit», sagt er, «das wollte ich doch nicht. Da habe ich lieber gespielt.»

Die Station für Verhaltenssüchte ist zwar für Erwachsene eingerichtet, aber auch Jugendliche finden hier einen Ansprechpartner. «Wir arbeiten eng mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie zusammen», sagt Renanto Poespodihardjo. «Wenn wir gemeinsam zum Schluss kommen, dass die Onlinesucht im Vordergrund steht, kann ein Patient auch schon mit 17 oder auch mal mit 16 zu uns wechseln.»

Manchmal entwickelt das Verhalten erst in späteren Jahren einen akuten Leidensdruck bei Patienten. Erst wenn es an die Jobsuche und ans Überleben als junger Erwachsener geht, wird die Gamesucht zum echten Stolperstein. Die Vorläufer davon entstehen jedoch meistens schon in der frühen Jugend.
«Plötzliche Defizite im schulischen Bereich können Anzeichen für eine mögliche Gamesucht sein.»
Renato Poespodihardjo, psychologischer Leiter der neuen Station für Verhaltenssüchte in der UPK Basel
«Ich empfehle Eltern, immer dann genau hinzuschauen, wenn es bei den Schülern Defizite im schulischen Bereich gibt, obwohl sie eigentlich leistungsfähig sind. Das sind oft Anzeichen dafür, dass jemand zu viel Zeit mit Computerspielen verbringt.»

Andere Anzeichen sind etwa, wenn Jugendliche anfangen, ihre Eltern über ihren Gamekonsum anzulügen. Oder wenn sie die abgemachten Computerzeiten nicht einhalten können und beispielsweise anfangen, die halbe Nacht durchzuspielen. Immer läuft es darauf hinaus, dass das Gamen mehr und mehr zum Lebensmittelpunkt des Teenagers wird.

Das Glücksgefühl führt in den Teufelskreis...

«Dass es jetzt eine Diagnose für Gaming Disorder gibt, führt zur Situation, dass nun jeder Arzt und jeder Psychologe bei einem Patienten eine Online- oder Gamesucht diagnostizieren kann», sagt Renanto Poespodihardjo. Forscher gehen davon aus, dass die Gamesucht ganz ähnliche Mechanismen aufweist wie andere Verhaltenssüchte, etwa eine Glücksspielsucht, aber auch wie Substanzsüchte.

Das Gehirn schüttet bei einer positiven Erfahrung – im Falle der Gamesucht beispielsweise beim Erreichen eines höheren Levels – den Botenstoff Dopamin aus. Dopamin ist ein Lernsignal, welches das Verhalten positiv verstärkt, der Spieler erlebt ein Glücksgefühl, das er mit dem Gamen verbindet und das er wieder erleben möchte.

Gleichzeitig kann das Spielen auch zur Strategie werden, um negative Gefühle besser auszuhalten oder soziale Beziehungen im geschützten Rahmen der virtuellen Welt zu erleben. Daraus kann ein Teufelskreis entstehen: Jedes Mal, wenn sich der Süchtige vor den Computer setzt und positive Erfahrungen macht, wird die Sucht verstärkt.

«Natürlich ist die Behandlung der Gamesucht ganz und gar nicht dieselbe wie bei anderen Verhaltenssüchten», sagt Poespodihardjo. «Es braucht eine Spezialisierung der Therapeuten, damit sie verstehen, was alles dahinterstecken kann.» Denn Gamesüchtige sind nicht alle gleich. Es gibt Computerspiele, bei denen sich die Spieler online organisieren wie in einem Verein. Und andere, bei denen sie alleine gegen die ganze Welt kämpfen.
Beim Einstieg ins Berufsleben steht die Sucht immer im Weg.
Beim Einstieg ins Berufsleben steht die Sucht immer im Weg.

Wie ein Alkoholiker in der Beiz ...

Benjamin Marbach kämpft immer noch, aber heute gegen seine Sucht. So richtig eingesetzt hat sie bei ihm mit Mitte 20: Schluss gemacht mit der Freundin, Studium beendet, nichts zu tun. Seither lebt er von seinem Ersparten. Den Schritt ins Berufsleben hat er nicht geschafft – die Sucht stand immer im Weg. «Ich dachte immer, ich müsse erst mit allen anderen psychischen Problemen aufräumen, dann geht das übermässige Gamen irgendwann weg. Aber ich habe gemerkt: An erster Stelle steht immer diese Sucht.»

Es ist wie eine Überlebensstrategie, die sich verselbständigt hat: Statt Freude und Aufgabe bedeutet das Gamen heute nur noch einen Ausweg aus der Verantwortung. Benjamin leidet darunter. «Und gleichzeitig würde ich natürlich gerne spielen. Das werde ich immer wollen.» Deshalb ist es ja auch so schwierig. Denn er darf nicht mehr. Sonst ist er wieder mittendrin in der Sucht. «Wenn ich hier wieder rauskomme, bin ich wie ein Alkoholiker in der Beiz: Jedes Mal, wenn ich am Computer sitze, habe ich die Möglichkeit, zu spielen

Gabriel Bernet sagt, er wolle nicht ganz auf das Spielen verzichten. Auch wenn er wisse: «Die Sucht, die geht nie mehr weg.» 
Anzeige

Hier finden Betroffene Hilfe


  • Safezone.ch:  bietet hilfesuchenden Eltern und Jugendlichen einen leichten Einstieg in eine Beratung: per Mail, in Foren oder einer Sprechstunde. Zudem gibt es auf der Plattform Selbsttests, die dabei helfen können, die Lage besser einzuschätzen. Es gibt auch viele Informationen zu verschiedenen Suchtformen, unter anderem zur Game- oder Onlinesucht.

  • Kantonale Suchtberatungsstellen: Fast jeder Kanton bietet mindestens eine Suchtberatungsstelle an. Das kann für betroffene Familien die erste Anlaufstelle sein. Hier arbeiten geschulte Suchtberaterinnen und -berater, die auch weitere Anlaufstellen aufzeigen können. Eine Übersicht über die Beratungsstellen gibt es hier: www.safezone.ch/suchtindex.htmlwww.sos-spielsucht.ch/de/kantone

  • suchtschweiz.ch: Dieses Portal bietet eine sehr umfassende Informations- und Anlaufstelle für Eltern: Auf suchtschweiz.ch gibt es viele Informationen zur aktuellen Forschungslage, weiterführende Informationen zu Hilfsstellen und Selbsttests zu Online- und Gamesucht.

  • feel-ok.ch: Feel-ok informiert Eltern und Jugendliche über eine ganze Reihe von Themen, darunter Game- und Onlinesucht. Unter anderem findet man eine Checkliste von Warnsignalen für die Entwicklung einer Sucht.

  • spielsucht-radix.ch: Das Zentrum für Spielsüchte und andere Verhaltenssüchte bietet Beratung für betroffene Jugendliche und deren Eltern an.

  • Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel: Das neu gegründete Zentrum für Verhaltenssüchte bietet intensive stationäre Behandlung für Patienten mit einer Game- oder Onlinesucht, bei denen eine ambulante Behandlung nicht ausreicht.

Zum Autor:

Thumbnail falco meyer
Falco Meyer ist freier Journalist, Psychologe und Vater einer kleinen Tochter. Er hat in seiner Jugend auch gerne Computer gespielt – das tut er manchmal heute noch.

Weiterlesen:



0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren