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Psychologie
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Ab wann wird das Hobby zur Gefahr?

Für Benjamin Marbach ist das Gamen in seinen Teenagerjahren das Beste überhaupt, neben seiner Leidenschaft fürs Inlineskaten. Allerdings verschwindet dieses Hobby nach und nach. Seine Mutter ist alleinerziehend, sagt damals schon immer wieder: «Das tut dir nicht gut, dieses Spielen die ganze Zeit.» Heute sagt Benjamin Marbach: «Ich denke, sie war mit der Situation überfordert und mein Spielen war für sie auch eine Erleichterung – sie musste sich dann nicht um mich kümmern.» Bis aus dem Hobby eine Gefahr wurde.

«Spielen verbraucht einfach unglaublich viel Zeit», sagt er. «Und in dieser Zeit verpasst man Dinge, die man eigentlich als Jugendlicher lernen müsste. Die kann man dann nicht.» Dafür müsse man die Eltern sensibilisieren, meint er. «Sie müssen wissen, dass Jugendliche eine richtige Sucht entwickeln können. Eine Sucht genau wie beim Alkohol. Mit der muss man ein Leben lang umgehen.»

Für Gabriel Bernet wird es mit 17 so richtig schlimm. Er ist Schüler an der Berufsmaturitätsschule und interessiert sich für ein Mädchen, ein Schulkollege auch. Der Rivale macht Gabriel Angst, er droht ihm. Gabriel geht nicht mehr zur Schule, er hat zu viel Angst. Nach zwei Wochen unentschuldigter Absenz fliegt er von der Schule.

Gabriel bleibt zu Hause und spielt Computer, vom Aufstehen bis zum Einschlafen. «27 Stunden am Tag», sagt Gabriel und lacht. Natürlich haben seine Eltern mit ihm gesprochen. «Geh mehr raus», sagten sie ihm, «deine Augen gehen doch kaputt.» Nur: Draussen kann er genauso gut gamen, auf dem Handy.

Als sein Vater ihm vorschlägt, eine Therapie zu machen, willigt er ein. Dort lernt er viel darüber, wie die Sucht funktioniert. Und wie er anders damit umgehen könnte, wenn das Spielen ihn wieder zu vereinnahmen droht. «Wenn mir mein Vater damals nicht geholfen hätte, wäre ich wohl heute noch vor dem Bildschirm verloren», sagt er.

«League of Legends» heisst das Spiel, das ihn damals hauptsächlich beschäftigte. Noch heute bekommt er per Mail jede Veränderung am Spiel mit: Wenn ein Held «gebufft» wird, also bessere Skills bekommt, oder wenn neue Items, sprich Gegenstände, ins Spiel kommen. Gabriel sagt: «Das finde ich immer noch sehr spannend. Es fällt mir schwer, das abzustellen.» Aber das ist sein Ziel, deshalb ist er auf der Station für Verhaltenssüchte der UPK. Schon seit zwei Monaten, Vollzeit, weil er einen Rückfall hatte. «Da habe ich meiner Therapeutin gesagt: Das muss sich ändern. Nun bin ich hier.»

Wie funktioniert die Therapie in der UPK?

Renanto Poespodihardjo geht mit grossen Schritten durch den Park, der das Herzstück der UPK Basel bildet: Diesen wunderbaren Ort, der in seiner grünen Kleinteiligkeit eine Sicherheit vermittelt, die nicht nur Patienten spüren, sondern auch Besucher. Poespodihardjo ist der psychologische Leiter der neuen Station für Verhaltenssüchte, Gebäude U, zweiter Stock. Hier absolvieren die Patienten ein sehr volles Therapieprogramm: Sie lernen viel über ihre Sucht, über den Wandel im Gehirn, den sie auslöst. Und noch mehr über Strategien, damit umzugehen. Und diese Strategien werden geübt, zum Beispiel solche, die helfen, das Computerspielen selbständig abzubrechen.
Gamesüchtige können am Bildschirm unglaublich komplexe strategische Aufgaben lösen, scheitern aber dabei, eine Bewerbung zu schreiben. 
Gamesüchtige können am Bildschirm unglaublich komplexe strategische Aufgaben lösen, scheitern aber dabei, eine Bewerbung zu schreiben
«Mit der Erkenntnis darüber, was schiefläuft, ist es noch nicht getan», sagt Poespodihardjo. «Danach muss man neue Strategien üben und erlernen. Sie müssen sich vorstellen: Diese Patienten haben in ihrer Jugend und im jungen Erwachsenenalter viele grundlegende Lebensaufgaben schlicht nicht bewältigt – weil sie diese Zeit mit Computerspielen verbracht haben.» Sie könnten zwar am Bildschirm stundenlang unglaublich komplexe strategische Aufgaben lösen, sagt er, würden aber beim Versuch scheitern, eine Bewerbung zu schreiben. Oder sich am Morgen zu duschen. «Sie kennen oft einfachste Elemente der nonverbalen Kommunikation nicht, sie wissen nicht, wie man sich in einem sozialen Kontext Sicherheit verschafft – indem man sich wäscht, frische Kleider anzieht, nicht stinkt

Die Patienten verbringen rund zwei oder drei Monate auf der Station. Nach dieser Zeit ist die Arbeit aber noch nicht erledigt. «Das ist in der Regel eher ein Boost, um mit der Arbeit anzufangen. Danach empfehlen wir den Patienten, ein Anschlussangebot wahrzunehmen», sagt Renanto Poespodihardjo. Dies könne zum Beispiel eine ambulante Therapie ausserhalb der Station für Verhaltenssüchte sein, die auch neben der Arbeit stattfinden kann.

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