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Psychologie

Wir haben uns mit der Gamesucht ins Aus gespielt ...

Benjamin Marbach und Gabriel Bernet* haben als Jugendliche gegamt, bis sie keine Freunde mehr hatten und nicht mehr aus dem Haus wollten. Heute sind sie erwachsen und machen eine Therapie in einer psychiatrischen Klinik in Basel. Mit uns haben sie über ihre Gamesucht gesprochen.
(*Namen geändert)
Text: Falco Meyer
Bilder: Christian Aeberhard / 13 Photo
«Es war Liebe auf den ers­ten Blick», sagt Benja­min Marbach und lacht. «Als ich das erste Mal einen Gameboy in die Hand genommen habe, war es um mich geschehen.» Mit der Zeit wurde der Gameboy abgelöst durch Nintendos, Playstations, später Computer, noch später das Smart­phone. Heute ist Benjamin Marbach Patient auf der neuen Station für Verhaltenssüchte der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel. Eines Tages hat er die Not­bremse gezogen. Er vebrachte jede wache Minute vor dem Bildschirm: kein Job, keine Zeit, nur spielen, über Monate hinweg. Heute ist Ben­jamin Marbach 34 Jahre alt.

Gabriel Bernetist 23 Jahre alt. Er ist seit fünf Jahren in Therapie. Auch bei ihm hat sich das Computerspielen zur Sucht entwickelt. Zu einer Sucht, die ihn völlig in Beschlag nimmt, wenn er ihr den Platz lässt. Seine Teenagerjahre hin­ durch ist Gabriel stundenlang vor dem Computer gesessen, tagtäglich. «Früher war ich auch noch oft mit Freunden unterwegs», erzählt er. «Das hat sich nach und nach geän­dert, bis ich die Freunde sogar ange­logen und Ausreden gesucht habe, wenn sie mich gefragt haben, ob ich rauskomme.»

«Gaming Disorder» – Ein junges Phänomen

Gabriel Bernet und Benjamin Mar­bach teilen sich auf der Station für Verhaltenssüchte an den UPK Basel ein Zimmer. Die beiden haben in ihrer Jugend etwas entwickelt, das für immer mehr Jugendliche zum Thema wird: Sie sind computerspiel­süchtig. Dass Games süchtig machen können, wissen Wissenschaftler noch nicht lange. Das Phänomen wurde in den vergangenen Jahren aber gründlich erforscht, und in die­sem Jahr fand eine neue Diagnose in das Diagnosemanual der Weltge­sundheitsorganisation WHO Ein­gang: «Gaming Disorder». Betroffen davon ist man, wenn man sein Spiel­ verhalten nicht mehr kontrollieren kann und das Gamen immer mehr Priorität im Leben einnimmt, bis es andere Aktivitäten ganz verdrängt.

Damit diese Diagnose gestellt werden kann, muss dieses Verhalten das gesellschaftliche Funktionieren des Betroffenen während mindestens einem Jahr stark beeinträchti­gen, im familiären Kontext, im Unterricht, im Beruf- oder im Sozial­leben. Bei Jugendlichen ist es oft die schulische Leistungsfähigkeit, die als Erstes merklich leidet.
Ein Fünftel von den 12-19 Jährigen gamen täglich.
Ergebnisse aus der JAMES-Studie
Da die Diagnose noch so jung ist, gibt es bisher keine genauen Zahlen dazu, wie viele Jugendliche in der Schweiz gamesüchtig sind. Doch die jüngst veröffentlichte JAMES-Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt auf, wie verbreitet Computerspiele sind: Von den 12- bis 19-Jährigen gamen rund ein Fünftel täglich und ein weiteres Fünftel mehrmals pro Woche. Der Geschlechterunterschied ist gross: Bei den Buben sind es zwei Drittel, die mehrmals in der Woche gamen, bei den Mädchen nur gut ein Zehntel.

Besonders suchtanfällig sind Jugendliche, die in einer Krise stecken oder die mit einer persönlichen Schwäche zu kämpfen haben. Die psychiatrischen Institutionen reagieren auf die neue Diagnose: In Basel wurde im Juli dieses Jahres die Station für Verhaltenssüchte ins Leben gerufen, die auch für Gamesüchte zuständig ist.

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