Adoptivkinder: Der Bruch in der Kindheit
Psychologie

Serie: Wie Familie gelingt – Teil 6

Adoptivkinder: Der Bruch in der Kindheit

Bei Adoptivkindern ist das Selbstverständnis der Zugehörigkeit und der Herkunft nicht so klar wie für die meisten anderen. Wie wichtig ist das Wissen um die eigene Abstammung für die Identitätsentwicklung? 
Text: Annette Cina und Giselda Kilde
Foto: Getty Images/Kirsten Lewis
Im Normalfall werden Kinder in eine Familie hineingeboren und wachsen dort geliebt, unterstützt und gebunden auf. Kinder lieben es, zu wissen, woher sie kommen und wohin sie gehören. Doch nicht alle Kinder machen diese Erfahrungen. Bei Adoptivkindern besteht ein Bruch in ihrem Lebenslauf: Irgendwann wird ihnen bewusst, dass die Frage nach der eigenen Identität nicht so einfach zu beantworten ist. 

Die eigene Identität zu entwickeln heisst, ein übereinstimmendes Bild über sich zu erschaffen. Ein Bild davon, eine eigenständige Person zu sein, mit bestimmten Eigenschaften und Positionen in der Welt, einer eigenen kongruenten Geschichte, eigenen Gefühlen und Beurteilungen sich selbst gegenüber. So möchten wir auch von den anderen wahrgenommen werden. Das Gefühl der Ich-Identität ist eine Art Übereinstimmung des eigenen wahrgenommenen und gefühlten Ichs mit demjenigen in den Augen anderer. 

Während Kinder die eigene Identität dadurch bilden, dass sie ihre Bindungspersonen nachahmen und nach Übereinstimmungen suchen, beginnt im Teenageralter die Ablösung von den Bindungspersonen hin zu einem eigenständigen Ich. Fragen wie «Was macht mich aus?» und «Wie unterscheide ich mich von anderen?» erhalten insbesondere im Teenageralter eine grosse Bedeutung. Es ist eine typische Entwicklungsauf­gabe, die wir alle meistern müssen. 

Die Ablösung als Balanceakt

Die eigene Identität zu bilden heisst auch, sich von gewissen Menschen und Gruppen abzugrenzen und sich anderen, denen man sich zugehörig fühlt, anzuschliessen. Im familiären Kontext heisst dies nicht selten, sich von Eltern abzugrenzen und Zugehörigkeit bei Peers zu suchen.

Die Loslösung von den Eltern kann von jungen Menschen einerseits als eine Befreiung, andererseits auch als ein Verlust an Orientierung erlebt werden. Auf beiden Seiten, bei Eltern und auch Teenagern, kann dies Unsicherheit und Angst auslösen. Zwischen Eltern und Jugendlichen kann dieser Ablösungsprozess zu schmerzlichen und heftigen Diskussionen darüber führen, wie ein neues Miteinander aufgebaut werden kann. Den Teenager seinen Weg gehen zu lassen und trotzdem da zu sein, wenn dieser es braucht, ist daher oftmals ein Balanceakt.

Wenn ein Teil der eigenen Geschichte fehlt

Wenn eine Person die Erfahrung macht, dass sie so sein darf, wie sie ist, ihre Geschichte einmalig und besonders ist, und sie – trotz Unterschieden – einer Gruppe angehört, kann eine stabile Persönlichkeit entwickelt werden. Im Idealfall ist dies eine eigenständige Persönlichkeit, die sich ihres Andersseins bewusst und doch in sich stimmig ist.

Bei den meisten Adoptivkindern tritt neben der Frage «Wer bin ich?» früher oder später zusätzlich die Frage auf: «Woher stamme ich?»

Diese Fragen sind zur Bildung einer eigenen Identität wichtig. Insbesondere Teenagern, die adoptiert wurden, wird zunehmend bewusst, dass ihr Lebenslauf anders aussieht als derjenige ihrer Kollegen und Freunde. Nicht zu wissen, woher man eigentlich stammt, warum die leiblichen Eltern einen nicht betreuen konnten oder wollten, woher bestimmte Eigenschaften stammen und wo man dazugehört, kann grosse Krisen auslösen.

Ein Teil des eigenen Ursprungs ist unbekannt: Wohin soll ich mich orientieren, wenn ich Übereinstimmungen nicht finde? Zur Identifikation mit den sozialen Eltern kommt die Identifikation mit den biologischen Eltern hinzu, die jedoch nicht bekannt sind. Ein Teil der eigenen Geschichte fehlt. 
Wie Familie gelingt:  Die Familie ist ein System aus Menschen mit besonderen Rollen, Normen und Anforderungen. In ihr suchen wir Liebe und Abgrenzung, Nähe und Distanz, sie gibt und nimmt Kraft. Wie beeinflusst das Familienleben die Entwicklung ihrer Mitglieder? Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen prägen das Familienleben und wie bestimmen institutionelle Strukturen das Leben in Familien mit? Diesen Fragen gehen wir in einer zehnteiligen Serie nach. Die Texte entstanden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg unter der Leitung von Dr. Gisela Kilde und Dr. Annette Cina. 
Wie Familie gelingt:
Die Familie ist ein System aus Menschen mit besonderen Rollen, Normen und Anforderungen. In ihr suchen wir Liebe und Abgrenzung, Nähe und Distanz, sie gibt und nimmt Kraft. Wie beeinflusst das Familienleben die Entwicklung ihrer Mitglieder? Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen prägen das Familienleben und wie bestimmen institutionelle Strukturen das Leben in Familien mit? Diesen Fragen gehen wir in einer zehnteiligen Serie nach. Die Texte entstanden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg unter der Leitung von Dr. Gisela Kilde und Dr. Annette Cina. 
Eine Prüfung und eigene Beurteilung der Realität ist nicht möglich. Als Reaktion können die biologischen Eltern verherrlicht, jedoch ebenso die biologischen wie auch die sozialen Eltern abgelehnt werden. Die Unsicherheiten werden zusätzlich verstärkt, wenn der Teenager diese Fragen zu seiner Herkunft nicht offen stellen kann, beispielsweise um seine betreuenden Eltern nicht zu verletzen.

Mehrere Studien belegen, dass Klarheit über die eigene Geschichte, auch wenn sie noch so hart ist, die Identitätsbildung und das Finden eines Platzes in der Gesellschaft erleichtert.
Die Gründe und Ursachen der Freigabe zur Adoption zu kennen, kann auch ­versöhnend wirken und das Selbstwertgefühl stärken. In diesem Sinn ist die Kenntnis der Abstammung an sich ein Menschenrecht, welches eine Person wahrnehmen kann oder nicht. 
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