Wenn Genuss nicht mehr auf dem Speiseplan steht
Ernährung

Wenn Genuss nicht mehr auf dem Speiseplan steht

Sich bewusst zu ernähren, ist gesund – aber nur bis zu einem gewissen Mass. Wird die Ernährung zur Fixierung, spricht man von einer Orthorexie.
Text: Vera Kessens
Bild: DEEPOL/Plainpicture
In Zusammenarbeit mit Betty Bossi

Sara steht am Buffet in der Mensa. Das Tagesmenü – panierter Fisch mit Salzkartoffeln und Spinat – kommt nicht in Frage für sie. Die Panade am Fisch und die von Butter glänzenden Kartoffeln sind ihr zu fett. Bleibt nur noch das Salatbuffet. Nach langem Hin und Her entscheidet sich der Teenager schlussendlich für viel grünen Salat mit etwas Randen, Sprossen, Kernen und wenig Öl und Essig. Dazu ein Vollkornbrötli und ein Wasser.
 
Sara leidet an Orthorexie, einem Störungsbild, bei dem sich die Betroffenen praktisch rund um die Uhr mit der gesunden Ernährung befassen und wenn immer möglich auf ungesunde Lebensmittel verzichten. Die eigenen Regeln werden dabei meist immer strenger. Jegliche Produkte, die irgendwann einmal mit «ungesund» in Verbindung gebracht worden sind, werden nicht mehr konsumiert. Da fast alle Lebensmittel in bestimmten Mengen oder Variationen als ungesund wahrgenommen werden können, wird die Auswahl an in Frage kommenden Nahrungsmitteln immer kleiner. Doch nicht nur die einseitige Ernährung wird zum Problem, sondern auch die ununterbrochene Beschäftigung mit dem Essen. Betroffene können soziale Kontakte weniger pflegen, Restaurantbesuche werden abgesagt oder im Vorfeld minutiös geplant, ohne jegliche Flexibilität.
 
Die Orthorexie gehört offiziell nicht zu den Essstörungen, sie ist auch sehr unterschiedlich stark ausgeprägt und es ist schwierig, zu sagen, ab wann ein Verhalten als nicht mehr normal gilt. In einer Schweizer Studie fanden Wissenschaftler heraus, dass sich fast ein Drittel der Befragten übermässig mit gesundem Essen beschäftigt. Die Schweizer Bevölkerung ist stark sensibilisiert für dieses Thema. Die Präsenz von vermeintlich gesunden Nahrungsmitteln in den Medien, beim Einkaufen oder in Restaurants ist sehr hoch. Das Problem: Eine Orthorexie kann eine Essstörung begünstigen. So führen ständiger Verzicht und Verbote unter Umständen zu Heisshunger-Attacken, in der Fachsprache als Bing-Eating-Störung bezeichnet, oder zu einer Bulimie. 

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