Übergewicht bei Kindern
Ernährung

 Übergewicht bei Kindern

Jedes sechste Kind in der Schweiz ist übergewichtig. Mit weitreichenden Folgen für die ­Heranwachsenden: Die überflüssigen Kilos beeinflussen die Entwicklung und können zu ­Demütigungen sowie ernsthaften Krankheiten führen.
Text: Anja Lang
Bild: Abbie Trayler-Smith / thebigoproject.com
«Dampflock», «Rollmops» oder Schlimmeres – kaum ein Tag vergeht, an dem Juri nicht von seinen Klassenkameraden gehänselt wird. Denn der 11-jährige Primarschüler ist augenscheinlich zu dick. Schon das Treppensteigen zum Klassenzimmer im vierten Stock macht ihm deutlich zu schaffen: Oben angekommen stehen ihm regelmässig die Schweissperlen auf der Stirn und er atmet deutlich hörbar, um noch ausreichend Luft zu bekommen.
Die überflüssigen Kilos ­verwachsen sich nicht, ­sondern bleiben unbehandelt fast immer bis ins ­Erwachsenenalter bestehen.
«Rund 17 Prozent aller Schweizer Kinder und Jugendlichen sind übergewichtig, gut 4 Prozent sogar ­adipös», sagt Dagmar l’Allemand-Jander, Co-Präsidentin des Fachverbands Adipositas im Kindes- und Jugendalter AKJ und leitende Ärztin der pädiatrischen Endokrinologie/­Diabetologie am Ostschweizer Kinderspital. «Das sind alarmierende Zahlen, denn Übergewicht und Adipositas in Kindheit und Jugend belasten die Gesundheit der Heranwachsenden nachhaltig. Leider verwachsen sich die überflüssigen Kilos nicht, sondern bleiben unbehandelt fast immer bis ins Erwachsenenalter bestehen. Dort können sie dann zu einer Vielzahl an schweren Folgekrankheiten wie Diabetes, Arteriosklerose oder Bluthochdruck führen, die sonst bei deutlich älteren Menschen beobachtet werden.»

Wann gilt ein Kind als ­übergewichtig, wann als fettleibig?

«Von Übergewicht spricht der Arzt, wenn der Body-Mass-Index BMI, also das Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergrösse im Quadrat, über 25 liegt», erklärt l’Allemand-Jander. «Ein Wert über 30 gilt als Fettleibigkeit beziehungsweise Adipositas. Ab einem BMI über 40 liegt eine extreme oder krankhafte Adipositas vor.» Da Kinder noch im Wachstum sind, wird bei ihnen die Einordnung in der Regel über die Stellung auf der jeweils altersentsprechenden Perzentilenkurve vorgenommen. Eltern finden diese Kurve auf den letzten Seiten des Gesundheitsheftes. Sie zeigt das Gewicht des Kindes im Vergleich zu den Werten der Gleichaltrigen. «Eine Perzentile von über 90 bedeutet Übergewicht, bei 97 beginnt ­Adipositas, ab 99,5 liegt extreme Fettleibigkeit vor», sagt die Endokrinologin. Noch einfacher lässt sich Übergewicht bei Kindern über den Taillenumfang in Zentimetern ermitteln. «Dieser sollte weniger als die Hälfte der Körpergrösse betragen, sonst liegt Übergewicht vor», sagt l’Allemand-Jander. 

Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen wirkt sich in mehreren Bereichen negativ auf die Gesundheit aus. So belastet das deutlich zu hohe Körpergewicht auf Dauer die Gelenke. «Rund 75 Prozent der übergewichtigen und adipösen ­Kinder und Jugendlichen entwickeln deshalb Gelenkprobleme wie X-Beine, Platt- oder Knickfüsse und Rückenschmerzen», so l’Allemand-Jander. «Im Erwachsenenalter kommen dann häufig noch frühzeitiger Gelenkverschleiss und Bandscheibenvorfälle dazu.» 

Etwa 10 Prozent der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen leiden an Schlafapnoe, das sind ­kurze Atemaussetzer während des Schlafes. «Fettgewebe im Hals- und Brustraum schnürt dabei buchstäblich die Luft ab und behindert die Atmung», erklärt l’Allemand-Jander. «80 Prozent sind kurzatmig und haben asthmaartige Beschwerden.» 

Eingeschränkte Fruchtbarkeit

Als besonders gefährlich bei Übergewicht gilt ein hoher Anteil an Bauchfett. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Apfelform oder dem Apfeltyp, weil die Taille hier die breiteste Stelle des Rumpfes darstellt. Dieses sogenannte viszerale Fett ist sehr stoffwechsel­aktiv und wirkt sich auch hormonell aus. «Mädchen kommen dadurch früher in die Pubertät, bilden aber zu viele männliche Hormone, was die Eireifung und damit die Mens­truation stört, so dass die Frucht­barkeit sinkt», warnt l’Allemand-Jander. «Bei Jungen wird die Hodenfunktion unterdrückt, wodurch weniger Testosteron gebildet wird. Dadurch wird ebenfalls die Fruchtbarkeit eingeschränkt und es kann zu einer Vergrösserung der Brust kommen.» Ausserdem steigt insgesamt das Risiko für ernsthafte Krankheitsbilder wie Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Arteriosklerose, die bei Übergewichtigen oft schon in jungen Jahren auftreten.

Zu den körperlichen Beschwerden und Einschränkungen kommen heftige psychische Belastungen durch Stigmatisierung, Mobbing, Ausgrenzung und Spott. «Das geschieht durch verbale Attacken im Klassenzimmer, auf dem Schulhof oder in der Mensa, häufig auch durch blossstellende Bilder und ­Filme, die auf dem Handy gezeigt oder über soziale Medien verbreitet werden», weiss l’Allemand-Jander. «Die ständigen Demütigungen und Ausgrenzungen hinterlassen Spuren. Sie schaden dem Selbstwertgefühl und können bis zur Depression führen.»
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«Schlechte» Gene sind nur zu etwa 50 Prozent schuld

«Übergewichtige Kinder haben fast immer auch übergewichtige Eltern», erklärt die pädiatrische Endokrinologin. «Die Veranlagung gilt als wichtiger Faktor bei der Entstehung von kindlichem Übergewicht.» Sie macht allerdings nur etwa 50 Prozent der Ursachen aus. Die anderen 50 Prozent sind Umweltfaktoren. Dazu zählen vor allem der Lebensstil und das Essverhalten innerhalb der Familie. «Kinder lernen am Modell», betont l’Allemand-Jander. «Ungünstige Essmuster der Eltern mit zu vielen fetten, süssen und üppigen Mahlzeiten prägen ein ungesundes Essverhalten. Inaktivität und viele Stunden vor dem Fernseher, Tablet oder Computer tun ein Übriges.» Denn die Dauer der Mediennutzung steht in engem Zusammenhang mit der Gewichtszunahme. 
Es ist wichtig, kleine Schritte zu gehen, stets das Positive, die Erfolge und das Geleistete hervorzukehren und immer wieder Mut zu machen. 
Darüber hinaus fördern aber auch psychische Faktoren, wie Stress, Trauer, Einsamkeit, Langeweile oder Vernachlässigung unkontrollierte Essat­tacken, Trostessen und den Rückzug vor den Bildschirm. «Medikamente wie Kortison oder antiepileptische Arzneimittel spielen als Ursache dagegen eine eher untergeordnete Rolle», sagt die Adipositas-Expertin.

Mit einer Diät allein ist es nicht getan

Da Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen eine Vielzahl von Ursachen hat, helfen Diäten allein dauerhaft nicht ­weiter», weiss l’Allemand-Jander. «Wirkungsvoller sind ­multiprofessionelle Therapieprogramme, die aus einer Ernährungsberatung, einer Bewegungstherapie sowie einer medizinischen und psychologischen Betreuung bestehen», erklärt die Adipositas-Expertin. «Wichtig ist dabei vor allem, dass das komplette Familiensystem miteinbezogen wird.» 
Erster Ansprechpartner für betroffene Familien ist immer der Kinderarzt oder der Hausarzt. Er kann die Therapie zusammen mit einer Ernährungsberatung sowie einer Physiotherapie ambulant starten. «Führt diese Behandlung nach mehreren Monaten nicht wenigstens zu kleinen Erfolgen, stehen schweizweit spezialisierte Adipositaszentren zur Verfügung, die die komplette Familie mit einem interdisziplinären Team über mindestens ein Jahr hinweg betreuen – Ziel ist die langfristige Umstellung des Lebensstils», unterstreicht die Co-Präsidentin des AKJ.
Ausschlaggebend für den Erfolg der Adipositas-Therapie ist aber nicht nur ein umfassendes Angebot, sondern vor allem das Vertrauen der Betroffenen in den Sinn der Massnahmen und der Wille zur Umsetzung. «Dazu ist es wichtig, von Anfang an einen ‹guten Draht› zu den betroffenen Familien zu entwickeln und verständnisvolle Unterstützungsarbeit zu leisten», betont Anneco Dintheer-ter Velde, leitende Ernährungsberaterin am Ostschweizer Kinderspital. «Die Familien wissen alle, dass sie etwas tun müssen – sie wissen oft nur einfach nicht wie.» Deshalb ist es wichtig, kleine Schritte zu gehen, stets das Positive, die Erfolge und das Geleistete hervorzukehren und immer wieder Mut zu machen, die neu erlernten Ernährungs- und Verhaltensmuster langfristig einzuhalten. Dazu gehört laut Ernährungsberaterin Dintheer-ter Velde vor allem: 

  • Die Mahlzeiten zu festen Zeiten am Tisch einnehmen und auch frühstücken.
  • Den Teller möglichst bunt gestalten, so dass pro Mahlzeit immer auch Gemüse, Obst, Salat enthalten sind.
  • Fleisch, Zucker, Kohlenhydrate und stark verarbeitete Lebensmittel meiden.
  • Wenigstens zwei bis drei Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten einhalten.
  • Nur ungesüsste Getränke trinken.
  • Die Essensportionen nach dem Handmodell berechnen (eine Kinderhand fasst weniger als eine Erwachsenenhand).
  • Nur einmal schöpfen.
  • Langsam essen, um die Sättigung besser zu spüren.
  • Gute Stimmung am Tisch genies­sen und nicht übers Essen oder andere Probleme diskutieren. 

Neben der Ernährung spielen aber auch regelmässige Bewegung und Sport eine wichtige Rolle, um dem Übergewicht wirksam zu begegnen. In den spezialisierten Zentren finden dazu normalerweise Einzel- und Gruppentherapien statt, ausserdem bieten Sport- und Turnvereine Kindern und Jugendlichen wohnortnah viele Bewegungsmöglichkeiten an. 

Hier finden Betroffene Hilfe:


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Anja Lang ist freie Medizinjournalistin und lebt mit ihrer Familie in München. 

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2 Kommentare

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Von Rahel am 08.07.2021 08:15

Was sie hier verbreiten, ist wissenschaftlich nicht untermauert. Die meisten Kinder, die Diabetes als Kind bekommen, sind nicht übergewichtig, weil Typ1 Diabetes eine Autoimmunerkrankung ist. 99% der übergewichtigen Kinder bekommen Diabetes Typ2 ( Alterszucker) erst jenseits der Teeniejahre. Bitte unterscheiden Sie das.
Kleine Typ1 Diabetiker müssen nämlich oft von anderen hören, sie hätten zu viel Süßes gegessen, und seien deswegen erkrankt, was ja faktisch gar nicht stimmt, sondern nur durch solche Artikel verbreitet werden.Dies ist lediglich ein Vorurteil und wenn man die Zahlen wirklich anschaut in den Kinderspitälern, sieht man, dass weniger als 1% der unter 18jährigen unter Typ2 Diabetes leiden.

Von Fritz+Fränzi Redaktion am 13.07.2021 09:02

Sehr geehrte Frau Buess,

vielen Dank für Ihre Anmerkungen, auf die ich nachfolgend gerne eingehe. Ich gebe Ihnen Recht, dass eine Diabetes Typ-1-Erkrankung bei Kindern nichts mit Übergewicht zu tun hat. Das steht auch so nicht im Artikel! Denn Diabetes-Typ-1 ist, wie Sie richtig erwähnen, eine Autoimmunerkrankung, für die betroffene Kinder nichts können.

Im Artikel steht, dass aus übergewichtigen Kindern leider oft übergewichtige Erwachsene werden, bei denen es zu bestimmten Erkrankungen bereits in der Kindheit kommt und „insgesamt das Risiko für ernsthafte Krankheitsbilder wie Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Arteriosklerose (steigt), die bei Übergewichtigen oft schon in jungen Jahren auftreten.“

Hier habe ich ganz bewusst keine Angaben zum Alter gemacht. Da das Risiko für die oben genannten Erkrankungen, die normalerweise erst bei deutlich älteren Menschen auftreten, individuell unterschiedlich ansteigt. So können die genannten Folgeerkrankungen – ohne Intervention - beim einen schon mit 20 Jahren, beim anderen mit 30 oder 35 Jahren auftreten. Also in jungen Jahren und damit deutlich früher, als das beim Durchschnitt der Bevölkerung der Fall ist.

Ich hoffe, es ist damit nochmal klarer geworden.

Mit besten Grüssen, Anja Lang

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