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Bewegung

Schnelle Zwillinge

Blond, zielstrebig, sportlich: Die elfjährigen Leuthold-Zwillinge gehören zu den besten Schweizer Nachwuchs-Leichtathletinnen. Lena und Lisa über Ehrgeiz, Konkurrenz und die Rolle ihrer Eltern.
Text: Sina Bauer
Fotos: Simon Habegger / 13 Photo
In der Dorfturnhalle im bernischen Schwarzenburg ist ganz schön was los. Laute Musik wummert aus dem Innern, zackige Anweisungen des Trainers wechseln sich ab mit dem typischen Quietschen von Hallenturnschuhen. Hier trainiert die Leichtathletikgruppe des Turnvereins Schwarzenburg, ein Dutzend Leichtathletinnen und Leichtathleten sind vor Ort – vom Knirps bis zum Teenie. Sie rennen, springen, schnauben. Es riecht nach Training und nach herumschwirrenden Glückshormonen.
Lena (l.) und Lisa zu Hause in Schwarzenburg BE.
Lena (l.) und Lisa zu Hause in Schwarzenburg BE.
Aus der Menge stechen zwei schlanke, blonde Wirbelwinde heraus, denen das Rampenlicht offenbar nicht ganz so geheuer ist. Sie bemerken zwar den Fotografen, schauen aber immer wieder verlegen in eine andere Richtung. Die eineiigen Zwillinge Lena und Lisa Leuthold, 11, wirken wie kleine, scheue Rehlein. Dabei haben sie sich in der Nachwuchsleichtathletik mit guten Leistungen schon einen ziemlichen Namen gemacht: Im Rahmen des UBS Kids Cup, an dem über 100 000 Kinder und Jugendliche aus der ganzen Schweiz teilnehmen, stehen sie seit vier Jahren regelmässig auf dem Podest.

Die talentierten Mädchen bewegen sich auffallend flink. Der Trainer gibt kurze, knappe Kommandos. Sie wirken konzentriert und ganz in ihrem Element: der Bewegung. Immer wieder suchen sie den Blick zu den Eltern, die auf der Zuschauertribüne stehen und diese typisch stoische Mischung aus elterlicher Routine und Stolz ausstrahlen.
Die Leutholds sind keine Drill-Eltern. Vielmehr wollen sie die Talente ihrer Mädchen massvoll fördern. «Die zwei rannten schon, bevor sie gehen konnten», erzählt Brigitte Leuthold. Bereits im Alter von sechs Jahren besuchten sie die Mädchenriege. «Für ein Meitschi ist das schon fast obligatorisch hier in Schwarzenburg.»

An ihrem allerersten UBS Kids Cup im Sommer vor vier Jahren traten die beiden unbekümmert an – und gewannen. Der Vater, Stefan Leuthold, erzählt: «Die guten Ergebnisse von Lisa und Lena haben uns total überrascht. Sie waren damals ja erst sieben!» Damit war rasch klar, dass diese Talente adäquat gefördert werden müssen. 2011 standen Lisa und Lena zum ersten Mal im Schweizer Finale des Kids Cup am Start. Lena gewann, und Lisa, am Vorabend noch fiebrig und krank, wurde fünfte. 2012 standen beide wieder auf dem Podest. Und die Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf. Heute gelten die Mädchen als verheissungsvollster Nachwuchs der Schweizer Leichtathletikszene.
«Wir wollen Lena und Lisa massvoll fördern. Sie müssen es gerne machen. Und sie sollen Kinder sein dürfen», sagt die Mutter.
Um halb elf ist das Training an diesem Samstag beendet. In der Wärme der ersten Frühlings-Sonnenstrahlen setzen sich Lisa und Lena draussen auf den Sportplatz: auf den Boden der Tartanbahn, ganz unkompliziert. In Alltagskleidern sehen sie aus wie ganz normale 11-Jährige. Die gerne Hitparade hören, mit Freundinnen abmachen und sich die Nägel bunt lackieren.

Vor knapp zwei Jahren erschien im Schweizer Eltern-Magazin Fritz+Fränzi die erste Reportage über die Leuthold-Zwillinge. Damals schrieb der Reporter: «Lena gewinnt, Lisa wird Zweite.» Wie ist das heute? «Wir freuen uns an guten Leistungen und spornen uns gegenseitig an», sagt Lena. Es habe sich einfach so eingependelt, meistens sei sie «etwas besser, aber das könne auch mal ändern». Ausserdem sei jede von ihnen mittlerweile in ihrer eigenen Disziplin stärker geworden. Lisa zum Beispiel sei letzte Saison im Weitsprung besser gewesen, während sie selbst am liebsten sprintet. Beide haben Freude an der Wettkampfstimmung, und auch das regelmässige Training sei für beide «absolut unverzichtbar geworden», sagt Lisa. Und ja, Lena sei nach wie vor etwas ehrgeiziger als sie selbst. «Sie getraute sich früher als ich vom 10-Meter-Turm in der Badi zu springen.»

Auch wenn sie sich eng verbunden fühlen, hat jede ihren eigenen Kopf und eine gesunde Portion Egoismus. Keine der beiden würde den Leichtathletiksport aufgeben, nur weil die andere nicht mehr möchte. Danach sieht es im Moment aber auch nicht aus. Kürzlich sind die Leuthold-Zwillinge dem TV Längasse in Bern beigetreten, einem Verein, der sportlich bessere Möglichkeiten bietet. Dies bedeutet für Lena und Lisa, nebst dem wöchentlichen Training in der LAG und der Mädchenriege in Schwarzenburg, ein Zusatztraining pro Woche in der Stadt. «Es ist für uns alle sehr wichtig, dass die Mädchen die Freude an der Sache nicht verlieren», sagt Brigitte Leuthold. Für die gelernte Krankenschwester ist klar: «Sie müssen es gerne machen, und sie sollen Kinder sein dürfen.»
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Immer in Bewegung: Lena (l.) und Lisa trainieren dreimal pro Woche.
Immer in Bewegung: Lena (l.) und Lisa trainieren dreimal pro Woche.
Die Mädchen möchten schon ganz gerne etwas erreichen. Die vier Augen strahlen, wenn sie über den Wettkampf im Letzigrund in Zürich erzählen. Letztes Jahr besuchten sie zum ersten Mal als Zuschauer das Weltklasse-Meeting, und die Stimmung dort hat ihnen grossen Eindruck gemacht. Im Jahr bestreiten Lisa und Lena rund 15 Wettkämpfe, davon vier in der Halle während der Wintersaison, die Hauptsaison ist aber während des Sommers.

In den Schulferien verzichten sie auch gerne mal aufs Training. Dann treffen sie sich mit ihren Freundinnen. Sie lieben es, mit der Familie Ausflüge zu machen oder nach Italien in den Urlaub zu fahren. «Pizza und Meer sind schon toll», sagen die beiden, die noch zwei ältere Geschwister haben. Diese seien aber schon fast erwachsen.
Richtig erwachsen sein ist für die Mädchen noch ein abstrakter Begriff. Seit das Duo die Mutter Brigitte am Zukunftstag an ihren Arbeitsort im Spital begleiten durfte, ist Lena überzeugt: «Ich möchte auch Krankenschwester werden!» Lisa hingegen weiss es noch nicht so recht: «Für diese Entscheidung habe ich ja noch etwas Zeit.»

UBS Kids-Cup

Der UBS Kids Cup ist ein Leichtathletik-Dreikampf in den Disziplinen 60-m-Sprint, Weitsprung und Ballweitwurf. Den UBS Kids Cup gibt es in der heutigen Form seit 2011. Jährlich nehmen über 100 000 Kinder bis 15 Jahren teil. Die Saison des UBS Kids Cup beginnt im April. Bis im Juni liegt das Schwergewicht auf den lokalen Ausscheidungen in der ganzen Schweiz, welche vielerorts auch im Rahmen des Turnunterrichts an den Schulen stattfinden. Danach dürfen die Besten pro Jahrgang und Geschlecht in allen Kantonen an den Kantonalfinals teilnehmen. Von dort wiederum qualifizieren sich die Sieger für das grosse Schweizer Finale, welches zwei Tage nach dem Leichtathletik-Meeting Weltklasse Zürich im Stadion Letzigrund stattfindet.


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