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Arztbesuch

Zahnkiller Karies

Schweizer Kinder und Jugendliche sind Weltmeister im Zähneputzen: Nirgends wird täglich ähnlich häufig geputzt. Doch es heisst dranbleiben: Ohne regelmässiges Putzen droht Karies – mit schuld daran ist unsere Lust auf Süsses. 
Text: Petra Seeburger 
Als Patentante eines Zahnarztkindes wird man bald einmal vor kariesauslösenden Geschenken gewarnt. Spätestens wenn der erste Zahn durchbricht. Und so war denn das 1-Kilo-Glas Nutella das erste und das letzte – auch wenn es den Kleinen noch so beglückte. Denn Zucker schadet den Zähnen. «Bakterien bilden aus bestimmten Kohlenhydraten eine Säure, die den Zahnschmelz angreift», sagt Florian Wegehaupt, Leiter der Kariologie am Zürcher Zentrum für Zahnmedizin. Kommen die vier Faktoren Zähne, Zucker, Zeit und Bakterien (vor allem Streptokokken und Laktobazillen, die zur normalen Mundflora gehören) zusammen, entsteht Karies, die auch Zahnfäule genannt wird. Für den Leiter des schulzahnärztlichen Dienstes der Stadt Zürich, Hubertus van Waes, sind verschiedene Altersgruppen kariesgefährdet: An erster Stelle stehen Kindergärtler und Erstklässler, weil in diesem Alter die ersten bleibenden Mahlzähne durchbrechen. «Ihre Form und Position im Gebiss macht es schwer, sie richtig zu putzen», sagt er. Risiken haben aber auch Kleinkinder unter vier Jahren, weil zahnprophylaktische Programme erst mit dem Kindergarten starten. Weitere Risikogruppen sind Pubertierende, die manchmal die Körperpflege vernachlässigen, und auch junge Erwachsene, die nach der Schulentlassung plötzlich für sich selbst verantwortlich sind und aufgrund von Lehre, Studium oder ihrem Sozialleben andere Prioritäten haben. 
Je höher das Bildungsniveau der Familien ist, desto weniger haben Kinder Karies.
Die Schweiz gilt als Pionier der Zahnprophylaxe. Hier wurden in den sechziger Jahren die ersten Vorsorgeprogramme lanciert. Und sie hatten grossen Erfolg: Fand man 1964 bei Erhebungen bei Zwölfjährigen in Zürich durchschnittlich acht kariöse Zähne, war 2009 nur noch knapp ein Zahn pro Kind betroffen. Laut Giorgio Menghini, Experte für orale Epidemiologie am Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich, sind heute rund 60 Prozent der 12-Jährigen kariesfrei. Generell kann man sagen: Je höher das Bildungsniveau der Familien ist, desto weniger haben Kinder Karies. Das sei weltweit in allen Ländern zu beobachten, bestätigen Wegehaupt und van Waes, dem alle Zürcher Schulzahnkliniken unterstellt sind. Während in vielen Ländern die Präventionsmassnahmen in Sachen Mundhygiene Wirkung zeigten, seien in der heutigen Zeit Süssgetränke ein grosses Problem, sagt Wegehaupt. Häufig erkranken bereits Kleinkinder an Milchzahnkaries, weil sie mit der Schoppenflasche rund um die Uhr gesüsste Tees, Fruchtsäfte oder andere Softdrinks trinken. Im schlimmsten Fall zerstört Karies bereits die Milchzähne. 

Löcher behandeln

In einfachen Kariesfällen wird ein Fluoridlack aufgetragen. Bei Löchern, die Schmerzen verursachen, bohrt der Zahnarzt und setzt Füllungen ein. Im schlimmsten Fall muss ein kariöser Zahn gezogen werden. Bleibt eine Karies unbehandelt, nehmen die Problemkeime zu, was die Zahnfäule noch fördert. Deshalb werden auch Milchzähne behandelt. Zum Zahnarzt sollten Kinder bereits nach dem Durchbruch des ersten Zahns, sagt Florian Wegehaupt. «Die Eltern können die Kleinkinder zu ihrem Zahnarzttermin einfach einmal mitbringen.» Und auch das Zähneputzen nach jeder Mahlzeit beginne dann. Wegehaupt verweist auf die Richtlinien der Schweizer Zahnärztegesellschaft (SSO) und empfiehlt spezielle Kinderzahn-
pasta, die dem Alter entsprechend Fluoride enthalte. Das schütze den Zahnschmelz. Sobald dann der erste bleibende Zahn draussen sei, könne normale Zahnpasta verwendet werden. Ab dem 6. Altersjahr wird – besonders bei Kindern mit erhöhtem Kariesrisiko – empfohlen, einmal wöchentlich ein Fluoridgelee anzuwenden oder täglich den Mund mit einer Fluoridlösung zu spülen. Ratsam ist auch der tägliche Gebrauch von fluoridiertem Speisesalz. Laut Wegehaupt wird in der Kariesbehandlung auf mehreren Ebenen geforscht: zur Langlebigkeit der Füllungen, zu einer möglichen Impfung gegen Karies, Behandlungsansätzen ohne Bohren oder im Bereich der Zahnschmelzschädigung durch Säuren, die nicht durch Bakterien produziert werden und in Lebensmitteln vorkommen. Die neuen Ansätze seien vielversprechend, steckten aber noch in den Kinderschuhen. 

Zähne putzen und schützen

 «Das A und O ist und bleibt die Prävention – also Zähneputzen und Fluoride», sagt Dr. van Waes. «Die Schulzahnkliniken bieten Präventionsprogramme bereits für Kleinkinder an, bei denen vor allem die Eltern aufgeklärt werden.» Ab dem Kindergarten kommen Schulzahnpflegeinstruktorinnen zum Einsatz, die alle Klassen mehrmals jährlich besuchen. In den Schweizer Schulzahnkliniken werden Kinder einmal jährlich untersucht, wobei auch die richtige Zahnputztechnik nochmals geübt wird. «In Zürich arbeiten Schulzahnärzte und Schulärzte zusammen und haben gemeinsame Empfehlungen für gesunde Ernährung veröffentlicht», ergänzt van Waes. Hier gehe es vor allem um die allgegenwärtigen Süssgetränke, die auch wegen ihres Säuregehaltes für die Zähne schädlich seien. Zuckerfreie Alternativen seien zwar für die Zähne besser, aber noch lange nicht gesund. Zurzeit hätten Schweizer Kinder wenig Karies. Das bleibe aber nur so, wenn man bei der Prophylaxe nicht nachlasse, sagt van Waes und warnt: «Karies wird einfach auch unterschätzt.» Deshalb gilt nach wie vor: putzen, Fluorid anwenden und zuckerarm essen. Sonst schlägt der Zahnkiller Karies wieder zu.

Bild: Fotolia
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Wie entsteht Karies?


Werden Zähne nicht genügend geputzt, bildet sich ein Belag aus Bakterien, die sich unter anderem von Zucker ernähren. Die Bakterien vergären die niedermolekularen Kohlenhydrate zu Säuren. Diese dringen in den Zahnschmelz ein und entkalken ihn. Die Stellen werden brüchig und kreidig weiss. Bricht nun die Oberfläche ein, spricht man von einem kariösen «Loch». Karies beginnt an den Kontaktpunkten zweier Nachbarzähne oder in den Grübchen der Kauflächen. 

3 Tipps für kariesfreie Zähne


  • Zähne nach jeder Mahlzeit putzen, um Zahnbelag zu verhindern
    Gründliche, aber schonende Zahn- und Zahnzwischenraumreinigung, so dass das Zahnfleisch nicht leidet, fluoridiertes Speisesalz altersgerechte Fluoridanwendung
     
  • Gesunde Ernährung mit wenig Süssgetränken
    Zähne nicht dauernd Säuren und Zucker aussetzen
     
  • Regelmässige Kontrolle beim Zahnarzt 
    Karies beginnt meist an nicht sichtbaren Stellen, deshalb braucht es für die Diagnosestellung oft ein Röntgenbild.

Weiterführende Informationen und Quellen 

Zur Autorin:


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Petra Seeburger ist Intensivpflege-fachfrau, Journalistin und Kommunikationsspezialistin. Sie arbeitet seit 30 Jahren im Gesundheitswesen.

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