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Arztbesuch

Wenn es in kleinen Köpfen hämmert 

Kinder und Jugendliche klagen immer häufiger über Kopfweh. Woher kommt der Schmerz? Und was können Eltern tun, um das Leiden zu linden?
Text: Frank Dittersdorf
Zeichnungen: Patienten des Kinderneurologen Tobias Iff
Der Schmerz kommt plötzlich, wie ein Blitz, der durch Sandra Högls* Kopf fährt. Dann möchte sich die 11-Jährige nur noch ins Bett legen, die Decke über den Kopf ziehen, schlafen. An Spielen oder gar Lernen ist nicht zu denken. «Fast jede Woche klagt sie über fürchterliche Kopfschmerzen», sagt ihre Mutter. Dann sei Sandra völlig apathisch, könne weder Licht noch laute Geräusche ertragen, wolle nichts essen. «Und in der Schule kommt sie kaum noch mit, weil sie so oft fehlt.»

Zu wenig Sport, Stress in der Schule, zu viele Stunden vor dem PC – immer mehr Kinder und Jugendliche leiden wie Sandra unter Kopfschmerzen. Experten gehen davon aus, dass in der Schweiz etwa 10 bis 15 Prozent der Jugendlichen von Migräneattacken betroffen sind und der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Spannungskopfschmerzen noch höher ist.
Kopfschmerzen haben zum Teil erheblichen Einfluss auf die schulischen Leistungen.
Und das nicht nur hierzulande. Aktuelle Studien der Ludwig-Maximilians-Universität München ergaben, dass 38 Prozent aller jüngeren Kinder in Deutschland unter Kopfschmerzen leiden, bei Jugendlichen sogar 84 Prozent. Davon klagen etwa 30 Prozent über Migräne und 50 Prozent über Spannungskopfschmerzen. Und die Kopfschmerzen werden mit zunehmendem Alter immer häufiger – mit zum Teil erheblichem Einfluss auf die schulischen Leistungen oder das soziale Leben. «Daher ist es entscheidend, Kopfschmerzen im Kindesalter früh zu erkennen und wirksam zu behandeln, damit sie nicht chronisch werden», weiss Andreas R. Gantenbein, Chefarzt Neurologie an der Reha-Clinic Bad Zurzach und Präsident der Schweizer Kopfwehgesellschaft SKG .

Fast täglich kommen verzweifelte Eltern mit ihrem kopfschmerzgeplagten Nachwuchs in die Zürcher Praxis von Tobias Iff. Der Kinderund Jugendmediziner mit Schwerpunkt Kinderneurologie gilt als einer der führenden Experten für kindliche Kopfschmerzen in der Schweiz. Er untersucht und befragt die kleinen Patienten eingehend, um zuallererst auszuschliessen, dass die Beschwerden das Symptom einer anderen Erkrankung sind. Mediziner nennen das sekundäre Kopfschmerzen. «Viele Eltern haben Angst, dass ihr Kind an einem Hirntumor erkrankt ist», weiss Tobias Iff. «Auch Fehlsichtigkeit kann solche sekundären Kopfschmerzen verursachen.»
In einem Selbstporträt zeigt eine Achtjährige mit Hilfe eines Tuchs auf ihrem Kopf ihre Spannungskopfschmerzen.
In einem Selbstporträt zeigt eine Achtjährige mit Hilfe eines Tuchs auf ihrem Kopf ihre Spannungskopfschmerzen.
Ist sicher, dass das Kind unter primären Kopfschmerzen leidet, also das Kopfweh selbst die Erkrankung ist, ermittelt der Arzt, um welche Kopfschmerzart es sich handelt. «Die Mehrzahl der Kinder hat entweder Migräne oder Spannungskopfschmerzen», so der Mediziner.
Symptome einer kindlichen Migräne sind etwa mittelschwere bis starke pulsierende oder pochende Schmerzen auf beiden Kopfseiten und der Stirn. Im Jugendalter verlagern sich die Schmerzen auf eine Kopfseite. Begleiterscheinungen sind Schwindelattacken, Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit. Kurz vor oder während einer Attacke kann es zu neurologischen Ausfällen kommen, die Betroffenen sehen ein Flimmern, Blitze vor den Augen, haben Gefühlsstörungen in Händen und Armen oder Sprachstörungen. Dass Kinder unter solchen Umständen aufhören zu spielen oder zu lernen, sich hinlegen, eine Schonhaltung einnehmen möchten, verwundert da nicht.

Anders als bei Migräne breiten sich Spannungskopfschmerzen von den beiden Stirnseiten häufig über den Nacken aus, sind ebenfalls dumpf-drückend, aber nicht pulsierend.
«Die wichtigsten Experten für die Kopfschmerzen sind jedoch die Eltern und das Kind selbst», sagt Tobias Iff. «Denn aus der konkreten Beschreibung der Schmerzen, ergänzt durch körperliche und neurologische Untersuchungen, kann der Kinder- oder Hausarzt die Diagnose stellen.»

Entscheidend dafür und für eine erfolgreiche Behandlung sei ein speziell für Kinder entwickelter Kopfwehkalender (siehe untenstehende Box), in dem über Wochen und Monate alle Informationen über Art, Stärke und Dauer des Kopfwehs notiert werden.
«Eltern sind bei der Gabe von Medikamenten leider oft zu zögerlich.»
Zudem fordert der Kinderarzt seine Patienten auf, ihr Kopfweh auf ein Blatt Papier zu malen. «Ein Hammer oder ein greller Blitz, der auf den Kopf einschlägt, sind typische Bilder für eine Migräne.» Ein Band um den Kopf oder ein drückender Helm seien typisch für Spannungskopfschmerzen.

Über die eigentlichen Ursachen der Kopfschmerzen und die Prozesse, die bei einer Attacke im Gehirn ablaufen, weiss die Medizin bisher nur wenig. «Sicher ist aber, dass bei Migräne die Vererbung eine wichtige Rolle spielt. Beim Spannungskopfschmerz auch, aber geringer», so der Experte. Migräne sei zu 80 bis 90 Prozent vererbt, schätzt er. Hinzu kämen Umweltfaktoren wie etwa koffeinhaltige Energy-Drinks oder übermässiger Medienkonsum (PC, Smartphone, TV). Tobias Iff: «Beim Typ Spannungskopfschmerz muss man sich besonders die auslösenden Faktoren ansehen. Das sind vor allem familiäre und schulische Probleme, etwa eine Trennungssituation der Eltern oder Überforderung in der Schule.» In solchen Fällen sei auch eine Psychotherapie hilfreich. Stress sei ein Auslösefaktor sowohl für Migräne als auch für Spannungskopfschmerz, für Migräne sogar der wichtigste.
Bei der Therapie von kindlichen Kopfschmerzen setzt die Medizin generell auf die nichtmedikamentöse Behandlung. «Dauert eine Migräneattacke unter 45 Minuten, empfehle ich Schonhaltung, Schlaf und etwas Kühlendes auf die Stirn», sagt Tobias Iff. Daure der Anfall länger, komme man um Schmerzmittel wie Paracetamol, Ibuprofen oder stärkere Mittel nicht herum – aber nur in Absprache mit dem Arzt.

«Eltern sind bei der Gabe von Medikamenten leider oft zu zögerlich», weiss Tobias Iff aus Erfahrung. Ausserdem rät er zu verschiedenen, den Kopfschmerzen vorbeugenden Massnahmen wie einem geregelten Tagesablauf, ausreichend Schlaf und vor allem Sport. «Denn zwei- bis dreimal pro Woche Ausdauersport helfen genauso gut wie Schmerz-medikamente», weiss der Kinderneurologe. «Zur Vorbeugung helfen auch hochdosiertes Magnesium und Vitamin B2.» Ziel einer Behandlung sei stets, die Lebensqualität des betroffenen Kindes zu verbessern. Tobias Iff: «Migräne ist nicht heilbar. Wir können nur dafür sorgen, dass die kleinen Patienten mit ihrer Erkrankung leben können.»
Die kombinierte Therapie mit Schmerzmitteln und den vorbeugenden Massnahmen hat auch Migränepatientin Sandra Högl geholfen. Zwei Monate nach Beginn der Behandlung hat sie die Attacken schon viel besser im Griff. «Sandra bekommt höchstens noch ein Mal im Monat Kopfweh», berichtet ihre Mutter. Und die Schmerzen seien nicht mehr so intensiv. «Damit kann Sandra umgehen. Nun hat sie endlich wieder Spass am Leben.»

* Name von der Redaktion geändert.
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Mein Kind hat Kopfweh - die besten Tipps für Eltern

  • Bei gelegentlichen, leichten Kopfschmerzen hilft meist, wenn das Kind Zuwendung und Ruhe bekommt. Es reicht, das Kind zu beobachten.
  • Ein Arztbesuch ist nötig, wenn das Kind regelmässig oder immer wieder Kopfweh hat; wenn einfache Massnahmen (Ruhe, Schlaf, kühles Tuch auf der Stirn) keine Linderung bringen, die Schmerzen länger als ein bis zwei Stunden andauern.
  • Schmerzmedikamente, auch frei verkäufliche, sollten dem Kind nur nach Absprache mit dem Arzt gegeben werden.
  • Kopfschmerzen können auch Symptome anderer Erkrankungen sein wie Erkältung, Kopfverletzung, Fehlsichtigkeit oder Kieferfehlstellung.
  • Lebensbedrohende Ursachen sind zwar selten, wenn ihr Kind jedoch folgende Symptome zeigt, sollten Sie sofort mit ihm zum Arzt:
    • der Schmerz setzt plötzlich und heftig ein;
    • der Schmerz nimmt trotz Therapie zu;
    • dazu hohes Fieber;
    • kann den Kopf nicht beugen (Nackensteife);
    • es erwacht nachts wegen Kopfweh, muss sich erbrechen und zeigt starke Benommenheit.

Rat und Hilfe

Die Schweizerische Kopfschmerzgesellschaft SKG mit Sitz in Basel ist ein Zusammenschluss von rund 150 Medizinern, Spezialisten und Wissenschaftlern, die sich mit dem Thema Kopfschmerzen befassen. Sie hat zum Ziel, Forschung, Diagnose und Therapie von Kopfschmerzen zu fördern und den neuesten Wissensstand an Ärzte, Wissenschaftler und Patienten weiterzugeben.
Auf deren Website www.headache.ch findet man viele Infos und Tipps zum Thema Kopfschmerz, auch Kinderkopfschmerzen, und ein Kinderkopfschmerz-Tagebuch zum Downloaden oder Ausdrucken. Betroffene finden hier ausserdem Kontaktadressen von Schweizer Kopfwehspezialisten in ihrer Nähe.

Zum Autor:

Frank Dittersdorf, Journalist und Autor, beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Themen Medizin und Kindergesundheit. Bei der Recherche zu diesem Bericht haben ihn die eindrücklichen Zeichnungen der jungen Kopfschmerzpatienten am meisten bewegt.


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