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Arztbesuch
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Warum fehlt das Wissen über MIH?

Weil diejenigen, die vor fünf oder zehn Jahren ihren Abschluss in Zahnmedizin gemacht haben, in ihrem Studium nie etwas von der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation gehört haben, fehlt es auch heute noch in vielen Zahnarztpraxen an Wissen über diese Strukturstörung. «Das ändert sich allerdings gerade sehr, das Bewusstsein für MIH wächst und wir machen sehr viele Weiterbildungen zum Thema», sagt Krämer.

Dies ist auch deshalb wichtig, weil die MIH-Flecken nicht nur kariösen Stellen ähneln. Vor allem bei betroffenen Schneidezähnen ist eine Differenzialdiagnose wichtig, hier müssen die Eltern genau befragt werden. Denn hatte ein Milchzahn vorne einmal ein Trauma, ist gestos­sen oder abgebrochen worden, kann er den verbleibenden Zahn, der noch im Kiefer steckt, verletzen. Die so entstehenden Schäden können genau gleich aussehen wie die Flecken, die MIH ­verursacht. 

Bislang stehen die Zahnärzte ohnmächtig vor der MIH. Es zeigen sich keine Regelmässigkeiten: Mal sind nur die ersten bleibenden Backenzähne betroffen, die im Alter von etwa sechs Jahren durchbrechen, mal auch die späteren und die Schneidezähne. Mal sind die ­Flecken weiss-gelb, mal gelb-braun. Mal ist nur ein Höcker eines Backenzahnes bröselig, mal die ganze Krone. Mal sieht man bereits am Milchzahn erste Hinweise auf MIH, mal folgen auf ein makelloses Milchgebiss zwei völlig kaputte Molaren. Die Ärzte sind ratlos: «Da wir die Ursache der MIH nicht kennen, haben wir keine Chance auf eine Primärprävention», sagt der Weinfelder Zahnarzt Richard Steffen.

Wie kann man MIH vorbeugen?

Umso wichtiger sei die Sekundärprävention, um die betroffenen Zähne vor weiteren Schäden zu bewahren. Dazu zählen eine umfassende Aufklärung der Eltern, engmaschige Kontrolluntersuchungen und der Versuch, die Zähne mit einer verstärkten Mineralisierung wenigstens etwas mehr zu schützen. «Die Anwendung einer Paste, die Tricalciumphosphat enthält, ist ein recht vielversprechender Ansatz», sagt Steffen. Doch selbst wenn MIH-Zähne ein wenig nachreifen und sich bei einem grösseren Mineralienangebot etwas besser mineralisieren können: Sie brauchen für einen solchen Prozess vier- bis fünfmal so lang wie ein gesunder Zahn. In dieser verletzlichen Phase ist es besonders wichtig, sorgsam mit den Zähnen umzugehen. 

«Penible Mundhygiene, vernünftige Ernährung und generell Achtsamkeit mit den Zähnen sind von enormer Bedeutung in so einem Fall, das erkläre ich den Eltern immer sehr ausführlich», sagt Steffen. «Kleine Sünden, die für Kinder mit gesunden Zähnen ab und an drin sind, können sich Kinder mit MIH-Zähnen noch viel weniger erlauben.» Die Fragen der schockierten Eltern zur Ursache der Zahnschmelzveränderung können die Ärzte nicht beantworten. 

Die schwierige Suche ­­nach dem Täter

Jan Kühnisch, Zahnmediziner an der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie an der Universität München, beschäftigt sich seit Jahren mit der MIH und will vor allem der Ursache auf die Schliche kommen. Die müsse man, so viel steht aufgrund des Störungsbildes fest, irgendwann in der Schwangerschaft oder in den ersten Lebensmonaten und -jahren suchen.
 
«Derzeit gibt es zwei Haupttheorien», sagt Kühnisch. Das eine sind Umwelttoxine, das andere Antibiotika.» Er selbst hält derzeit Antibiotika für eine plausible Erklärung. Mit seinem Team hat er zwar keinen ursächlichen Zusammenhang von Antibiotika und MIH zeigen können, allerdings sei auffällig, dass bei Kindern, die unter Atemwegserkrankungen litten – und deshalb vermutlich mehr Antibiotika erhalten haben –, das Auftreten von MIH deutlich erhöht gewesen sei. Für die Antibiotikathese spricht Kühnisch zufolge auch, dass das Phänomen MIH zehn Jahre nachdem Antibiotika verstärkt in der Medizin und vor allem der Pädiatrie eingesetzt worden sind, zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben wird. Gegen die Antibiotikathese spricht, dass es auch hier keine Regelmässigkeiten gibt: Die Forscher haben Kinder gesehen, die viel Antibiotika erhalten haben und keinerlei Spuren von MIH aufweisen, und ebenso solche, die nie Antibiotika bekommen, aber starke Schmelzstörungen haben. 
«Ich denke, dass es sich hier um ein systemisches und multifaktorielles Geschehen handelt», sagt Kühnisch, «vor allem, weil die Schmelzentwicklung in unterschiedlichen Phasen stattfindet.» Vielleicht, so Kühnischs Vermutung, sind die für den Zahnschmelz zuständigen Zellen in verschiedenen Phasen unterschiedlich sensibel: «Das kann sich wochenweise ändern.» Entscheidend wäre dann, wann der schädigende Faktor zum Tragen kommt. Heisst übersetzt: Vielleicht gibt es ein Zeitfenster, in dem die Einnahme von Antibiotika die Schmelzentwicklung überhaupt nicht beeinträchtigt, und eines, in dem sie gravierende Schäden auslöst. 
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