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Arztbesuch

Müde Teenager – faule Teenager?

Abends spät ins Bett, morgens kaum zu wecken: Viele Jugendliche stehen im Verdacht, faul und feierwütig zu sein. Doch damit tut man den Heranwachsenden Unrecht: Für die Tagesschläfrigkeit im Teenageralter gibt es biologische Gründe
Text: Anja Lang
Bilder: Ted Catanzaro / Plainpicture und iStock
Der 15-jährige Leon hängt apathisch im Stuhl. Die Lider sind schwer, nur mühsam kann er die Augen offen halten. Die Stimme des Lehrers dringt wie durch Nebel an seine Ohren. «Leon! Aufwachen! Schlafen kannst du zu Hause!» Doch Leon ist einfach noch hundemüde, kann sich kaum konzentrieren und fühlt sich schlapp.

So wie Leon geht es vielen Jugendlichen – Eltern und Lehrer können ein Liedchen davon singen. Denn mit Einsetzen der Pubertät werden aus den ehemals frühmorgens schon putzmunteren Primarschulkindern plötzlich schläfrige, mies gelaunte Teenager, die vor 10 Uhr vormittags nicht freiwillig das Bett verlassen. Dafür aber allein die veränderten Freizeitaktivitäten oder gar wachsende Faulheit als Usrache zu sehen, wäre den Jugendlichen gegenüber ungerecht. Denn tatsächlich sind es nachweislich vor allem biologische Faktoren, welche die Teenager später einschlafen lassen. Mitunter können sogar Krankheiten, die genau in diesem Alter ihren Anfang nehmen, hinter der Tagesschläfrigkeit stecken.

Die innere Uhr tickt anders

Als Hauptursache für die vermehrte Tagesschläfrigkeit bei Jugendlichen gilt ein veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus. Der Schlaf-Wach-Rhythmus, auch innere Uhr genannt, bestimmt, wann wir wach sind und wann wir schlafen. Die Steuerung erfolgt – neben äusseren Faktoren wie Tageslicht, Dunkelheit, körperliche Aktivität und Ruhe – vor allem über die körpereigene Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin. Erst wenn der Melatoninspiegel im Blut eine bestimmte Konzentration erreicht hat, steigt der sogenannte Schlafdruck auf ein Niveau, das uns problemlos einschlafen lässt.

«In der Pubertät verschiebt sich die Melatoninausschüttung aber aus bisher nicht geklärten Gründen kontinuierlich und zeitlich signifikant nach hinten», erklärt Prof. Johannes Mathis, Neurologe und leitender Schlafmediziner des universitären Schlaf-Wach-Zentrums am Inselspital in Bern. Das führt dazu, dass Heranwachsende von etwa zehn Jahren bis zum Erwachsenenalter jedes Jahr um etwa eine Viertelstunde später einschlafen. «In einer amerikanischen Studie wurde bei Kindern von der fünften bis zur elften Klasse eine Verschiebung der Bettgehzeit um fast eine Stunde von 23.00 Uhr auf 23.54 Uhr gemessen», erklärt der Schlafmediziner. «Bis zum 18. Lebensjahr kann die Einschlafzeit sogar um bis zu zwei Stunden weiter hinten liegen.»
Wenn Teenager übermüdet sind, liegt es nicht immer an der Party vom Vorabend.
Wenn Teenager übermüdet sind, liegt es nicht immer an der Party vom Vorabend.

Das Handy als Schlafräuber?

Verstärkt wird dieser Mechanismus noch durch eine Reihe von sozialen Faktoren, die in dieser Zeit eine wichtige Rolle spielen, wie vermehte Freizeitaktivitäten am Abend und in der Nacht, Genuss von Kaffee, Energy-Drinks und Alkohol sowie das allgemein schlechte Image des frühen Schlafengehens in dieser Phase.

«Aber auch die vermehrte Nutzung von elektronischen Medien wie PC, Handy und Tablet, die mit hellem Licht im blauen Spektrum zusätzlich wachhalten, kann für späte Einschlafzeiten sorgen», ergänzt Mathis.

Problematisch wird das spätere Einschlafen vor allem deshalb, weil die Aufstehzeiten mit einem konstanten Schulbeginn von 8 Uhr oder gar 7.30 Uhr morgens weiterhin gleich bleiben, sodass es zwangsläufig zu einem chronischen Schlafmangel kommt.
«Ausschlafzeiten am Wochenende bringen den Schlaf-Wach-Rhythmus zusätzlich durcheinander.»
Prof. Johannes Mathis, Neurologe und leitender Schlafmediziner des universitären Schlaf-Wach-Zentrums am Inselspital in Bern. 
«Jugendliche brauchen etwa neun Stunden Schlaf, um sich frisch und ausgeruht zu fühlen», erklärt Mathis. Im Schnitt schlafen sie unter der Woche aber weniger als sieben Stunden, wie Wissenschaftler der Universität Marburg und des Dilleburger Instituts für Gesundheitsförderung und -forschung 2012 in einer gross angelegten Studie mit über 8000 Jugendlichen herausfanden. «Zwar neigen Jugendliche dazu, den unter der Woche versäumten Schlaf am Wochenende mit langen Ausschlafzeiten bis in den Nachmittag hinein auszugleichen», sagt der Berner Schlafmediziner. «Allerdings bringen diese ungewohnten Schlafzeiten den Schlaf-Wach-Rhythmus zusätzlich durcheinander, sodass es am Sonntagabend noch schwerer wird, frühzeitig ins Bett zu finden.»

Optimal wäre deshalb, den Schulbeginn ab der Mittelstufe um eine Stunde nach hinten zu verlegen. Bislang wird diese Lösung in der Schweiz aber noch nicht praktiziert. Dabei zeigt der chronische Schlafmangel von Jugendlichen weitreichende Folgen. «Viele Jugendliche klagen über Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Schlappheit, Kopfschmerzen sowie ungenügende Schulleistungen», erklärt Mathis. «Bei vorpubertären Kindern kann es auch zu Hyperaktivität und Anzeichen von ADHS kommen.»

Zudem steigt bei Tagesmüdigkeit die Unfallgefahr, insbesondere im Strassenverkehr. Auch können vermehrt psychische Störungen bis hin zu Depressionen auftreten oder sich verschlimmern. «Ein andauerndes Schlafmanko wirkt sich ausserdem negativ auf den Stoffwechsel aus, sodass es als indirekte Folge zu Gewichtszunahme mit vermehrtem Auftreten von Übergewicht kommen kann», erklärt der Schlaf­experte.
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