Neurodermitis: «Kratz nicht!» hilft nicht
Arztbesuch
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Die meisten erkranken in den ersten fünf Lebensjahren

Dass jemand Neurodermitis hat, zeigt sich in 85 Prozent der Fälle in den ersten fünf Lebensjahren. Die Symptome können aber auch erst in der Schulzeit auftreten – oder irgendwann später. Bei einer leichten Erkrankung ist es möglich, dass die Symptome im Schulalter auch schon wieder abnehmen. Die Kinder behalten dann zwar eine sensible, trockene Haut, haben aber keine Ekzeme mehr. Dies trifft auf ungefähr die Hälfte der erkrankten Kinder zu. Die anderen leiden später noch an ständigen oder wiederkehrenden Hautveränderungen, die so typisch für atopische Dermatitis sind.

«Die Krankheit verläuft schubweise», erklärt Dagmar Simon. Im Team mit Ärztinnen, Psychologen und Pflegekräften führt sie regel­mässig Neurodermitisschulungen durch. Dort wird den teilnehmenden Kindern und deren Eltern ein Stufenplan an die Hand gegeben. «Die Patienten sollen lernen, ihr eigener Doktor zu sein. Sie können ja nicht bei jedem Schub eine Praxis auf­suchen.» Wichtig ist der Dermatologin, dass die Massnahmen, die man trifft, am Ende nicht belastender sind als die Erkrankung selber. Ihr Tipp: «Am besten pragmatisch rangehen und sich nicht vereinnahmen lassen von der Krankheit.»

Lotionen, Cremes und Ölbäder

Was kann man also tun? Eine gute Basispflege ist das A und O. Auf der ersten Stufe des empfohlenen Behandlungsplans genügt Rückfettung: Man cremt die trockene Haut nach dem (nicht zu heissen) Duschen mit Lotionen, Cremes oder Salben ein und lässt dem Kind auch mal ein rückfettendes Ölbad ein. Dafür eigneten sich sogar Produkte aus dem Supermarkt, sagt Dagmar Simon, «sie müssen aber frei von Duft- und Konservierungsstoffen sein.» Es ist gut, wenn sich schon die Jüngsten selber eincremen, weil sie dann ein Gefühl dafür bekommen, ob ihre Haut eher rau oder glatt und geschmeidig ist. «Sie sollen sich engagieren, mithelfen und nicht die Eltern als die Bösen mit der Salbentube ansehen.»

Die zweite Stufe des Behandlungsplans beginnt, wenn sich Haut rötet, schuppt und anfängt zu jucken. Hier werden in der Regel kortisonhaltige Salben und Cremes oder sogenannte Immunmodula­toren (Wirkstoffe: Pimecrolimus, Tacrolimus) empfohlen, damit der Juckreiz gar nicht erst so schlimm wird. Diese Produkte werden direkt auf die roten Stellen aufgetragen und wirken dort antientzündlich auf ­Zellen, die eine Entzündung in der Haut hervorrufen. 
Bei der Behandlung ist eine gute Basispflege das A und O. Das müssen schon die Jüngsten lernen.
Simon nennt Kortisonpräparate «das Mittel der ersten Wahl gegen Entzündung», weil sie schnell den Juckreiz stillen. Aus ihren Sprechstunden weiss sie aber auch um die Kortisonangst vieler Eltern. Bei zu hoher Kortisonstärke und zu langer Anwendung wird die Haut dünner oder bildet Streifen, wird verletz­licher und heilt schlechter. «Kortison muss richtig dosiert und mit Pausen eingesetzt werden, dann sind keine Nebenwirkungen zu erwarten», beruhigt die Hautärztin.

Auf der dritten Stufe, während eines akuten Schubs mit sehr starkem Juckreiz, verschreiben die Fachleute in der Regel Kortisonsalben in stärkerer Dosierung (Klasse 3) und/oder den Immunmodulator Tacrolimus. In besonders schweren Fällen muss in der Regel eine antientzündliche Systemtherapie mit Tabletten oder Spritzen zum Einsatz kommen. UV-Lichttherapien wie bei Erwachsenen sind bei Kindern keine Op­tion, um ein Hautkrebsrisiko zu vermeiden. «In den nächsten Jahren wird sich einiges tun bei der Therapie von Neurodermitis», sagt Dagmar Simon. Kürzlich sei ein neuer Antikörper zur Behandlung von betroffenen Jugendlichen ab zwölf Jahren und Erwachsenen zugelassen worden (Dupilumab, Handelsname: Dupixent), der aber noch für Kinder getestet werden müsse.. Es lohnt, sich regelmässig bei einer Hautarztpraxis auf den neuesten Stand bringen zu lassen.

Eine Auszeit nehmen

Manchmal hilft auch einfach eine Auszeit. Das muss nicht gleich eine lange Kur in der Hochgebirgsklinik oder an der Nordsee sein, wie sie bei sehr schlechter Haut verschrieben werden kann. Eine Woche im Kinderlager tut auch gut. Nadia Ram­seier organisiert für Kinder und Jugendliche ab 8 Jahren, die Einschränkungen wie Neurodermitis, Intoleranzen, Allergien oder Asthma mitbringen, Camps in Graubünden und im Berner Oberland. Sie arbeitet beim «aha! Allergiezentrum Schweiz», ist gelernte Praxisassistentin und studierte Ernährungsberaterin. Etwa ein Drittel der Kinder mit mittelschwerer oder schwerer atopischer Dermatitis leide zugleich an einer Nahrungsmittelallergie. «Unser Ziel ist es, dass die Kinder eine sorgenlose Ferienwoche genies­sen können, ohne sich fragen zu müssen: ‹Darf ich dieses Hörnli essen oder nicht?›» Diätköche und -köchinnen bereiten die Mahlzeiten zu, dreimal täglich ist Zeit zum ­Eincremen eingeplant. Die jungen Feriengäste haben ihre Cremes und Salben im Gepäck und führen ihr übliches Hautpflegeprogramm 
 einfach fort. Das sei sehr wertvoll für die Betroffenen, sagt Ramseier. «Sie sehen: ‹Ich bin nicht alleine damit, es gibt auch andere Kinder, die so eine mühsame Haut haben.› Das kann sie für zu Hause motivieren.» Denn dort geht das Cremen weiter.
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Julia Nolte ist freie Journalistin für Bildung und Wissen. Sie hat eine Tochter und einen Sohn im Primarschulalter und lebt in Hamburg.

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