Neurodermitis: «Kratz nicht!» hilft nicht
Arztbesuch

Neurodermitis: «Kratz nicht!» hilft nicht 

20 von 100 Kindern in der Schweiz sind von atopischer Dermatitis oder Neurodermitis betroffen. Der damit verbundene Juckreiz macht ihnen das Leben schwer. Doch die ­Hautkrankheit lässt sich im Zaum halten: mit guter Pflege.
Text: Julia Nolte
Bild: iStockphoto
Ein regnerischer Nachmittag, die Familie sitzt gemütlich vorm Fernseher – und eines der Kinder kratzt sich die Arme wund. «Kratz nicht!», sagen die Eltern genervt. Zu Unrecht, wie Experten betonen. «Ermahnungen helfen kein bisschen», sagt Dagmar Simon. «Dann kratzt das Kind erst recht.»
 
Dagmar Simon ist Leitende Ärztin in der Universitätsklinik für Derma­tologie in Bern und sagt, worunter Menschen mit Neurodermitis am stärksten leiden: «Juckreiz, Juckreiz, Juckreiz!» Gleich dreimal nennt sie das Wort. Ein oft unerträglicher Juckreiz ist das Hauptsymptom von atopischer Dermatitis, so der Fachbegriff. «Atopisch» kommt von «Atopie» und bezeichnet die Neigung zu allergischen Reaktionen. Allerdings spielen bei Neurodermitis nicht nur allergische, sondern noch viele andere Faktoren eine Rolle.

In der Schweiz sind ungefähr 20 Prozent der Kinder betroffen. Bei den Erwachsenen sind es rund vier bis fünf Prozent, wie aus einer Broschüre des Allergiezentrums aha! hervorgeht. Atopische Dermatitis kann die Lebensqualität mindern, die Schulleistungen beeinträchtigen und zu Schwierigkeiten im sozialen Umfeld führen: Wenn es juckt, schläft man schlecht und kann sich schwer auf Hausaufgaben konzen­trieren; mit Ausschlag im Gesicht kostet es Überwindung, auf andere zuzugehen.

Die genetische Veranlagung

Dass die ganze Familie betroffen ist, wenn ein Kind Neurodermitis hat, zeigt die Sofaszene zu Beginn dieses Textes. Juckende, gerötete, geschwollene, aufgeplatzte, womöglich entzündete Haut lässt sich nicht ignorieren. Und ohne Behandlung wird es nur noch schlimmer. Betroffene, die mit grossflächigen offenen Stellen zu Professorin Simon in die Ekzemsprechstunde kommen, stellen ihr meist zwei Fragen: Wo kommt es her? Was können wir dagegen tun?

Bei atopischer Dermatitis ist die Barrierefunktion der Haut defekt: Sie verliert leichter Feuchtigkeit und trocknet aus. Dadurch kann sie rot und rissig werden, nässen und sich entzünden – häufig in Kniekehlen und Armbeugen, im Gesicht, an Hals und Händen. An falscher Ernährung liegt das in den meisten Fällen nicht, und auch die seelische Verfassung ist nicht allein ausschlag­gebend, auch wenn diese Faktoren das Hautbild beeinflussen können. «Neurodermitiker sind nicht labil, sondern ganz normal», stellt Simon klar. Die Betroffenen haben auch keine Nervenkrankheit, wie man früher fälschlicherweise annahm und die Krankheit «Neurodermitis» benannte (abgeleitet vom griechischen Wort für «Nerv»). Vielmehr existiert eine genetische Veranlagung: Biochemische Untersuchungen sprechen dafür, dass die Haut­lipide und Strukturproteine bei Menschen mit atopischer Dermatitis anders zusammengesetzt sind als in gesunder Haut. Daher schützt ihre Haut sie weniger gut vor Umwelteinflüssen und entzündet sich leichter.
Eine Studie zeigt: Kinder, die auf dem Bauernhof gross werden, haben seltener eine atopische Dermatitis.
Verschiedene Studien legen allerdings nahe, dass auch die hygienischen Bedingungen einen Einfluss haben können. So ergab die KiGGS-Studie zur Kindergesundheit in Deutschland 2014, dass atopische Dermatitis bei Kindern und Jugendlichen mit hohem Sozialstatus stärker verbreitet ist als bei Gleichaltrigen mit niedrigem Sozialstatus. Ähnliches zeigte 2013 schon eine Studie für die Schweiz und andere zentraleuropäische Länder: Kinder, die auf dem Bauernhof gross werden, haben seltener Allergien oder Asthma – und seltener atopische Dermatitis. Viele Stadtkinder wachsen fast steril auf, ohne Kontakt zu Tieren, dafür die Feuchttücher immer griffbereit. «Lieber mal im Dreck spielen lassen!», rät Dagmar Simon und: «Das Beste wäre eine Kuh im Kinderzimmer.» Das Immunsystem muss frühzeitig trainiert werden, damit es Toleranz aufbauen kann und keine Allergien entwickelt.

Fünf Tipps für die Haut

Was bei Neurodermitis hilft: 

1. Richtig reinigen: Nicht zu heiss duschen und hinterher am ganzen Körper eincremen. Das gilt auch für Schwimmbadbesuche. Seifenfreie Duschgels verwenden, auch fürs Händewaschen. Duftstoffe vermeiden. Wer Weichspüler verwendet, gibt stattdessen besser einen Spritzer Essig ins letzte Spülwasser, damit keine Duftstoffe in der Wäsche ­verbleiben.

2. Gut anziehen: Irritationen der Haut vermeiden, indem man weiche, atmungsaktive Materialien wie gekämmte Baumwolle, Viskose, Lyocell trägt und keine kratzige Wolle. Luftige Schnitte sind besser als eng­anliegende Kleidung. Unterwäsche mit den Nähten nach aussen tragen. Es gibt spezielle Schlafanzüge aus Seide, und antimikrobielle Kleidung kann die Keime auf der Haut reduzieren.

3. Juckreiz lindern: Immer eine Pflegelotion im Kühlschrank haben und auf stark juckende Stellen auftragen. Was ebenfalls hilft, etwa im Schulunterricht: kneifen statt kratzen; Hände mit etwas anderem beschäftigen, zum Beispiel einem Spinner.

4. Sich informieren: Die Stiftung «aha! Allergiezentrum Schweiz» bietet Infobroschüren etwa über atopisches Ekzem oder Kortison zum kostenlosen Download an, www.aha.ch > Shop > Haut. Unter «Leben mit Allergien» finden sich Termine für Kinderlager, Jugendcamps und schweizweite Neurodermitisschulungen für Kinder und Eltern. Lesenswert: das Lehrbuch «Neurodermitis – Ein Leitfaden für Ärzte und Patienten» von Dagmar Simon (Uni-Med 2018, 96 Seiten, ca. 50 Fr.).

5. Rücksicht nehmen auf die Haut: Das gilt auch bei der Berufswahl. Mit empfindlicher Haut geht man besser nicht in Berufe, in denen man sich häufig die Hände waschen oder mit hautreizenden Stoffen umgehen muss, etwa als Coiffeur, Bäckerin, Florist oder Pflegekraft, im Metallhandwerk oder in der Zahntechnik. Sonst können sich Handekzeme verschlechtern oder neu auftreten.
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