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Arztbesuch

Muss man an Homöopathie glauben, damit sie wirkt?

…und neun weitere Fragen an den Arzt und Homöopathie-Spezialisten Hanspeter Seiler.
Text: Hanspeter Seiler
1. Was ist Homöopathie und wie wirkt sie?
Der Begriff«Homöopathie» setzt sich aus den griechischen Wörtern «homoion» (= ähnlich) und «pathos» (= Krankheit) zusammen und bedeutet die Kunst, eine Krankheit durch etwas ihr Ähnliches zu heilen. Ein einfaches Beispiel hierfür ist die uns allen bekannte Impfung: Hier geschieht nichts anderes, als dass zum Beispiel bei der Pockenimpfung ein dem lebensgefährlichen Pockenvirus ähnliches Virus in die Haut eingeritzt wird. Hierauf entsteht meist eine kurze, in der Regel harmlose lokale Impfreaktion. Dies ist die den echten Pocken ähnliche, als vorbeugende Behandlung absichtlich im Patienten erregte Impfkrankheit. Der Körper lernt durch diese Krankheit, Abwehrstoffe gegen die Gruppe der Pockenviren zu bilden, wodurch dann eine allfällige spätere Pockeninfektion durch das spezifisch trainierte Abwehrsystem besser überwunden werden kann. Impfungen sind jedoch keineswegs der einzige Bereich, wo das Ähnlichkeitsprinzip auf materieller Ebene auch in der Schulmedizin angewandt wird. Die eigene Abwehr homöopathisch stimulierende Immuntherapeutika spielen heute auch in der direkten Behandlung akuter und chronischer Krankheiten eine zunehmende Rolle.

2. Wer hat homöopathische Behandlungsmethoden als Erstes angewendet?
Der deutsche Arzt Samuel Hahnemann (1755–1843) war der Erste, der dieses auf Ähnlichkeit beruhende Stimulationsprinzip in umfassenderer Weise anzuwenden begann: Bei einem Selbstversuch mit dem Malaria-Mittel Chinin fiel ihm auf, dass das Medikament bei ihm als Gesundem ähnliche Symptome her-vorrief, wie es beim Kranken zu heilen vermochte. Darauf überprüfte er bei zahlreichen weiteren Arzneien die Wirkung auf gesunde Versuchspersonen und versuchte dann, an ähnlichen Symptomen leidende Kranke damit zu behandeln. Tatsächlich bewährte sich sein neues Heilprinzip dann aufs Beste, indem sich etwa die sonst giftige Belladonna in kleinen Dosen als wirksames Mittel gegen Scharlach erwies, nachdem bei deren Prüfung am Gesunden neben anderen typischen Symptomen der Krankheit auch ein scharlachähnlicher Ausschlag aufgefallen war.

3. Was versteht man unter «Potenzierung» und «Hochpotenzen»?
Für Hahnemann stellte sich die Frage, wie klein die Dosis eines homöopathischen Heilmittels gewählt werden darf, damit sie noch eine therapeutische Wirkung hat. Systematische Verdünnungsversuche ergaben ein überraschendes Resultat: Erfolgte die Verdünnung stufenweise (zum Beispiel jeweils ein Tropfen der Ausgangslösung auf 100 Tropfen des Lösungsmittels) und unter Energiezufuhr (etwa durch kräftige Schüttelschläge), blieb eine für genügend empfindliche Versuchspersonen deutlich spürbare Wirkung auch bei sehr hohen Verdünnungsstufen noch immer wahrnehmbar! Der Effekt dieser «energetisierten» Verdünnungen zeigte sich vor allem auch bei der therapeutischen Anwendung: Die homöopathische Heilwirkung konnte ohne das geringste Risiko einer materiellen Vergiftung auch durch diese Verdünnungen erreicht werden, ja die Heilwirkung trat bei dieser Anwendungsform viel-fach sogar noch deutlicher hervor! Auf diese Weise unter Energiezufuhr bis in den nicht mehr materiellen Bereich verdünnte Arzneien bezeichnet man als «Hochpotenzen».

4. Gibt es wissenschaftliche Studien, die belegen, dass Homöopathie wirksamer ist als ein Scheinmedikament (Placebo)?
Ja, solche Studien gibt es mittlerweile in recht grosser Zahl. Doppelblind-Studien, wo der rein psychologische Behandlungseffekt bekanntlich systematisch ausgeschaltet wird, beweisen die Wirkung von Hochpotenzen mit wissenschaftlicher Eindeutigkeit. Dies wird aber von der Schulmedizin noch immer mit teilweise nicht sehr wissenschaftlichen Argumenten bestritten. Eine ausführliche Darstellung dieser Kontroverse findet sich auf meiner Netzseite (www.hanspeterseiler.ch).

5. Welche Krankheiten können mit Homöopathie behandelt werden?
Als regulatives, die patienteneigenen Heilkräfte anregendes Heilsystem kann die Homöopathie nur dann wirken, wenn erstens die Abwehr des Patienten funktionstüchtig ist und zweitens durch die Krankheit allenfalls geschädigte Organe noch regenerationsfähig sind. Diese Bedingungen sind in der Kinder-und Jugendmedizin naturgemäss weitaus öfter gegeben als etwa in der Geriatrie, weshalb der Einsatz der Homöopathie in der Pädiatrie besonders dankbar ist.
6. Bei welchen Krankheiten wirken homöopathische Mittel nicht?
Bei Ausfall eines nichtregenerationsfähigen Organsystems wie beispielsweise der Inselzellen des Pankreas bei Diabetes ist eine ursächliche Heilung weder durch Homöopathie noch durch Schulmedizin möglich. Die Schulmedizin kann hier aber durch eine gezielte Sub-stitutionsbehandlung mit Insulin sehr viel helfen, was eine regulative Behandlungsmethode wie die Homöopathie nicht vermag.

7. Wie findet der Homöopath das richtige Mittel?
Die heutige wissenschaftliche Homöopathie benutzt meist computergestützte Verzeichnisse (= Repertorien), welche die oft schwierige Auffindung des zum jeweiligen Krankheitsfall möglichst genau passenden Mittels sehr erleichtern. Für einen ganzheitlichen Heileffekt müssen nämlich möglichst alle körperlichen und seelischen Symptome des Patienten mit dem sogenannten Arzneimittelbild der passenden Arznei übereinstimmen.

8. Kann ich mein Kind mit Homöopathie selbst behandeln?
Dies ist in einfachen Fällen und unter Beachtung der auch in der Homöopathie vorkommenden Nebenwirkungen möglich, besser aber ist immer die fachärztliche Behandlung.

9. Welche Nebenwirkungen hat eine homöopathische Behandlung?
Eine materielle Giftwirkung ist bei Verwendung von nichtmateriellen Hochpotenzen definitionsgemäss nicht möglich. Hingegen kann auch eine nichtmaterielle Stimulationsbehandlung nach dem Ähnlichkeitsprinzip sehr wohl einmal eine Verstärkung der Krankheitssymptome bewirken. Eine nicht zu weit gehende derartige homöopathische Erstverschlimmerung ist aber keineswegs ein schlechtes Zeichen, bedingt jedoch eine sehr genaue Patientenbeobachtung und allenfalls eine umgehende Anpassung der Dosierung.

10. Muss man an Homöopathie glauben, damit sie wirkt?
Bei einer Doppelblindstudie wird der «Glaubensfaktor» gleich doppelt neutralisiert: So wussten etwa bei der sehr qualifizierten ADS-Studie des Schweizer Kinderarztes Heiner Frei weder die an Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leidenden Kinder noch er selbst, ob das passende homöopathische Mittel oder nur Placebo verabreicht wurde. Die Beurteilung durch die Eltern wie auch durch die Schule ergaben dann aber für die homöopathisch behandelten Patientengruppe trotzdem eine statistisch signifikante Besserung, was eine objektive, vom Glauben unabhängige Wirkung der Hochpotenz-Homöopathie beweist.

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Hanspeter Seiler 
ist Dr. med., führt in Maur ZH eine Praxis für Allgemeinmedizin mit den Schwerpunkten klassische Homöopathie, Ernährungsmedizin und Psychosomatik.

Foto: Fotolia

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