Arztbesuch
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Was wünschen Sie sich von Eltern, die mit dem Kind zum Arzt kommen? 

Auch sie sollten sich so authentisch wie möglich verhalten. Ich erwarte Offenheit und Ehrlichkeit, dass sie Ängste und andere Gefühle ansprechen – denn dann kann man sie gemeinsam angehen. Viele Eltern wollen keine Schwäche zeigen und haben Angst, dass ich sie nicht verstehe oder dass ich keine Zeit habe, mich um ihre Sorgen zu kümmern. Das ist absolut nicht der Fall.

Wie gehen Sie damit um, wenn Eltern Ihnen widersprechen und das mit Informationen begründen, die sie im Internet gefunden haben?

Es gibt Kollegen, die schätzen es nicht, wenn Eltern mit Informationen aus dem Internet kommen. Ich bin der gegenteiligen Meinung: Als Ärzte müssen wir uns dieser Situation stellen und Informationen bewerten, die Eltern im Internet gefunden haben.

Wie überzeugen Sie die Eltern davon, dass Sie recht haben?

Das ist eine Frage des Vertrauens. Es gehört zu meinen Pflichten, mich regelmässig fortzubilden, aber auch ich als Arzt habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Und ich sage den Eltern auch mal: «Wissen Sie was – das weiss ich nicht besser.» Oder: «Sie haben recht, das könnte man anders auch besser machen.» Oder wenn etwas nicht gut gelaufen ist, zu sagen: «Ich glaube, das möchte ich noch einmal machen. Das Resultat entspricht nicht dem, was ich mir vorstelle.»

Das haben Sie schon gemacht?

Ja. Wenn ich mit dem Ergebnis einer Operation nicht zufrieden bin, dann sage ich das den Eltern.
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Wie oft ist das vorgekommen?

Das ist ein paar wenige Male vorgekommen. Jedem, der viel operiert, passiert dies. Ob dies allerdings auch alle zugeben können, da bin ich mir nicht so sicher.

Wie reagieren die Eltern?

Ich kann mich an keine Situation erinnern, in der sie gesagt hätten: Das geht ja gar nicht, wir wollen nicht, dass sie das noch einmal machen. Meine Erfahrung ist, dass sie Verständnis zeigen und sagen: Wir wollen auch, dass das perfekt wird.
Laut Thomas Dreher bringt es nichts, Kindern etwas vorzuspielen – sie würden es sowieso merken.
Laut Thomas Dreher bringt es nichts, Kindern etwas vorzuspielen – sie würden es sowieso merken.

Eltern verzeihen Ihnen auch Fehler?

Die Frage ist, wie man Fehler definiert. Kein Mensch ist unfehlbar. Jeder hat mal eine Komplikation, jedem passiert einmal, dass die Dinge nicht so laufen, wie er sich das wünscht, vor allem in einem Fach, in dem Operationen durchgeführt werden.

Das sind Aussagen, die man sich noch vor 10, 15 Jahren von einem Arzt kaum vorstellen konnte.

Die Zeiten, als man als Arzt unantastbar war, sind vorbei. Die Fehlerkultur hat sich verbessert. Die Aufarbeitung von Komplikationen, von unerwarteten Verläufen, die Reflexion von Operationsergebnissen, um Schlüsse für künftige Behandlungen zu ziehen, sind mittlerweile in vielen Spitälern Standard.

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