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Arztbesuch

Immer mehr Kinder erkranken an Diabetes Typ 1

Weil Kinder immer dicker werden, steigt das Risiko, an Altersdiabetes, Diabetes Typ 2, zu erkranken – so die These. Nun zeigt sich aber, dass vor allem die Zahl jener Kinder wächst, die an Diabetes Typ 1 erkranken. 
Text: Petra Seeburger
Keyla ist neun Jahre alt. In der Nacht hat sie ins Bett gemacht. Obwohl sie längst trocken ist. Keyla muss seit fünf Tagen dauernd pinkeln. Ihre Urinmenge ist angestiegen, und sie hat immer Durst. Gestern trank sie fast vier Liter, stellt ihre Mutter fest. Am nächsten Tag kommt der Vater von einer einwöchigen Geschäftsreise zurück und bemerkt, dass Keyla stark abgenommen hat. Ihre Wangen sind eingefallen, sie wirkt müde und krank. Sie gehen zum Kinderarzt – die Diagnose ist ein Schock: Keyla hat Diabetes, die häufigste Stoffwechselerkrankung bei Kindern. Sie muss ins Spital. Für die Familie scheint nichts mehr wie vorher zu sein. Diabetes ist eine chronische Erkrankung, die zwar behandelbar, aber nicht heilbar ist.

Schnell handeln 

«Diabetes hat drei Hauptsymptome », erklärt Prof. Dr. Urs Zumsteg, Kinderdiabetologe am Universitäts- Kinderspital Basel: «Betroffene scheiden mehr Urin aus, trinken literweise und verlieren an Gewicht.» Da im Körper der Zucker nicht mehr verwertet werden kann, wird er über den Urin ausgeschieden, wo er sehr viel Wasser bindet. «Im Fachjargon sprechen wir von einer osmotischen Diurese», sagt Zumsteg. Die Kinder kompensieren den Wasserverlust mit einer gesteigerten Trinkmenge, was aber nur kurze Zeit funktioniert. Laut Zumsteg entwickelt sich Diabetes 1 sehr schnell, sodass ohne Therapie innert zweier Wochen Lebensgefahr besteht. Wie bei Keyla wird die Diagnose meist vom Kinder- oder Hausarzt gestellt, der die Kinder dem Diabetologen überweist. Viele müssen zuerst ins Spital, um den Flüssigkeitsverlust mit Infusionen zu behandeln und die Insulintherapie einzustellen. Zu diesem Zeitpunkt lernt die Diabetesfachberaterin am Basler Universitäts-Kinderspital Vreni Ritschard die Kinder kennen. 
Bei Diabetes Typ 1 besteht ohne Therapie innert zweier Wochen Lebensgefahr.
Sie erklärt ihnen den Umgang mit dem Insulin, das Blutzuckermessen, den Zusammenhang mit dem Essen und was man bei Über- oder Unterzuckerung am besten macht. Diabetes mellitus Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung, bei der Abwehrzellen des Körpers gezielt die insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse zerstören. Warum das so ist, ist nicht ganz klar. Die Experten gehen davon aus, dass eine Kombination von genetischer Risikokonstellation und Stress des Immunsystems nach einem Infekt der Auslöser ist. Laut dem Fachmagazin «The Lancet» nehmen Diabeteserkrankungen bei Kindern in der westlichen Welt praktisch überall zu. Eine Studie der Universität Belfast zeigte, dass die Zahl der Diabetes- 1-Neuerkrankungen in Europa jedes Jahr um knapp 4 Prozent steigt. Bei Kindern unter fünf Jahren sogar um 5,4 Prozent.

Liegt es an der Hygiene?

Über die Gründe rätseln die Experten. Thesen drehen sich um Zusammenhänge zwischen Hygienestandard und Autoimmunerkrankungen. Man hat etwa gesehen, dass mit der Verbesserung der hygienischen Verhältnisse im Alltag die Anzahl der Immunerkrankungen gestiegen ist. Verschiedene Arbeiten weisen darauf hin, dass unser Abwehrsystem mit den künstlichen Stoffen, mit denen es täglich in Kontakt kommt, zunehmend überfordert ist. Deshalb reagiert es vermehrt gegen Natürliches, sogar gegen eigene Zellen. Ähnliche Thesen bestehen auch bei allergischen Erkrankungen wie Heuschnupfen oder Asthma, deren Häufigkeit ebenfalls zunimmt. Doch es gibt auch andere Studienthesen. Eine besagt: Je weniger bei Kindern Wurmerkrankungen auftreten, desto häufiger werden Autoimmunerkrankungen festgestellt. Auch dies könnte mit der Reifung des Immunsystems zu tun haben. «Die Antwort auf die Frage, warum bei Kindern der Typ-1-Diabetes ansteigt, ist nobelpreiswürdig», sagt Thomas Danne, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Diabeteshilfe, in einem Gespräch mit der «Welt».
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Gene und Übergewicht

«Beim Diabetes mellitus Typ 2, auch Altersdiabetes genannt, spielt die genetische Disposition eine viel grössere Rolle als beim Typ 1», sagt Zumsteg. Zum Beispiel liege bei eineiigen Zwillingen die Wahrscheinlichkeit, dass beide an Diabetes Typ 1 erkranken, bei etwa 30 Prozent, beim Diabetes Typ 2 dagegen bei nahezu 100 Prozent. Die Risiko-Genkonstellation für Typ 2 komme zudem häufiger bei Menschen vor, die eine afrikanische, hispanische oder asiatische Abstammung haben. Mitteleuropäer haben diese Risikokonstellation viel seltener. 
Es ist ein höherer Aufwand, aber Betroffene haben eine normale Lebensqualität und Lebenserwartung.
Für die Erkrankung mitverantwortlich ist zudem das Übergewicht. Zwar haben in den letzten Jahren auch Schweizer Kinder gewichtsmässig zugelegt, von einer Diabetes-2-Epidemie bei Kindern und Jugendlichen könne man aber hierzulande nicht sprechen, sagt Zumsteg. Das zeige sich auch in seinem Ambulatorium: «Ich betreue 300 Kinder und Jugendliche, die an Typ 1 erkrankt sind, aber nur 3 mit einem Typ-2-Diabetes, die alle keine Mitteleuropäer sind.» Laut Zumsteg ist aufgrund der verschiedenen Rassen Typ-2-Diabetes in Amerika schon bei Kindern und Jugendlichen ein Thema. Nicht aber in der Schweiz. Hier ist das Übergewicht bei Kindern laut dem aktuellsten Monitoring der Gesundheitsförderung wieder rückläufig.

Spätschäden vermeiden

Die Behandlung von Diabetes Typ 1 zielt auf den möglichst naturnahen Ersatz von Insulin im Körper. «Wir behandeln heute mit fünf Dosen pro Tag: zwei Basalinjektionen morgens und abends sowie drei Injektionen zu jeder Hauptmahlzeit», erklärt Vreni Ritschard. Da Insulin ein Eiweisshormon sei, müsse es gespritzt werden, denn in Tablettenform würde es im Magen-Darm- Trakt durch die Verdauungsenzyme aufgespalten, erklärt Zumsteg. Verabreichungsformen sind Spritzen oder Pumpen. Dazu kommt eine Ernährungsberatung, damit das Kind lernt, mit Kohlenhydraten in der Ernährung und der Insulintherapie gut umzugehen. Je besser der Zuckerhaushalt eingestellt ist, desto weniger Folgeschäden verursacht der Diabetes. Lebensphasen wie die Pubertät, in der die Hormone Achterbahn fahren und der Blutzucker oft auch, können eine Herausforderung sein. Vreni Ritschard sagt, eine Diabetesdiagnose betreffe die ganze Familie. Das Basler Team betont, dass es darum geht, allen Beteiligten ein nahezu normales Leben zu ermöglichen. «Es ist ein höherer Aufwand im Alltag, aber Betroffene haben heute eine normale Lebensqualität und Lebenserwartung», sagt Zumsteg. «Ein Diabeteskind kann und soll alles machen!»

Bild: fotolia.com

Insulin


Um Kohlenhydrate aufzuspalten und diese als Energie nutzbar zu machen, braucht es Insulin. Das Hormon wird in den Betazellen der Langerhansschen Inseln der Bauchspeicheldrüse gebildet. Ist die Produktion oder die Wirkungsweise von Insulin gestört, spricht man von Diabetes mit den zwei Haupttypen Diabetes 1 und Diabetes 2. Experten benutzen für die Erklärung gerne den Schlüssel- Schlüsselloch-Mechanismus: Bei Diabetes 1 fehlt Insulin, der Schlüssel, und muss ersetzt werden. Bei Diabetes 2 ist das Schloss verklemmt, das Insulin wirkt nicht mehr richtig. Ohne Behandlung schwankt der Blutzuckerspiegel, was lebensbedrohlich sein kann.

Die Diabetesformen in Kürze


Diabetes mellitus Typ 1 Insulinmangel (Autoimmunerkrankung): 

  • Eigene Abwehrzellen zerstören die insulinproduzierenden Betazellen. 
  • Tritt akut vor allem bei Kindern und Jugendlichen auf. 
  • In der Schweiz gibt es etwa 15 000 Betroffene, 1 von 1200 Kindern hat heute diesen Diabetes. 
  • Eine lebenslange Insulintherapie sowie Unterstützung durch spezialisierte Ärzte, Diabetesfachpflege und Ernährungsberatung sind nötig.

Diabetes mellitus Typ 2 Insulinresistenz: 

  • Die Ursachen sind eine genetische Veranlagung, verbunden mit einem ungesunden Lebensstil mit mangelnder Bewegung und Übergewicht. 
  • Tritt gehäuft in zunehmendem Alter auf. 
  • In der Schweiz gibt es etwa 250 000 Betroffene, laut Experten besteht eine hohe Dunkelziffer. Therapie mit einer Kombination von Medikamenten und gesunder Ernährung, regelmässiger körperlicher Aktivität und Gewichtsreduktion.

Zur Autorin:


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Petra Seeburger ist Intensiv-pflegefachfrau, Journalistin und Kommunikationsspezialistin. Sie arbeitet seit 30 Jahren im Gesundheitswesen.

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