Arztbesuch

Mit einer HPV-Impfung gegen den Krebs

Die HPV-Impfung wirkt gegen sexuell übertragene Viren. Seit vier Jahren wird sie auch für Buben empfohlen – doch die Impfrate ist immer noch zu tief für einen Herdenschutz. Ein neuer Impfstoff soll Abhilfe schaffen. 
Text: Katrin Roth
Bilder: photocase und GettyImages
Noch bleibt Susanne Müller ein wenig Zeit, bis sie sich endgültig entscheiden muss. Aber irgendwann kommt der Moment, in dem ihre Kinder zum ersten Mal Sex haben werden. Und vorher, da ist sich die Mutter zweier Buben im Alter von 8 und 11 Jahren schon jetzt ziemlich sicher, wird sie ihre Kinder impfen lassen: gegen humane Papillomviren (HPV), welche durch Sexualkontakte übertragen werden und bei beiden Geschlechtern zu Krebs im Genitalbereich führen können, wobei die Entwicklung von Gebärmutterhalskrebs das grösste Risiko darstellt.

«Ich finde die Impfempfehlung für Buben absolut sinnvoll. Denn je mehr Menschen geimpft sind, desto besser stehen die Chancen, dass die Verbreitung gefährlicher HP-Viren und in der Folge auch die Todesfälle durch Gebärmutterhalskrebs bei Frauen irgendwann gestoppt werden», ist die Begründung der Juristin, die ihre Kinder entsprechend nicht nur zu deren Schutz, sondern auch aus Solidarität mit ihren künftigen Sexualpartnerinnen gegen HPV impfen lassen möchte.

Wann und wie oft ist eine Impfung sinnvoll?

Seit 2015 empfehlen das Bundesamt für Gesundheit (BAG) sowie die Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF) die HPV-Impfung als ergänzende Impfung auch für Buben und junge Männer. «Die Zulassung für die Impfung gilt ab neun Jahren und der schweizerische Impfplan sieht für alle Kinder von 11 bis 14 Jahren zwei Impfungen vor», erklärt Brigitte Frey Tirri, Chefärztin an der Frauenklinik Baselland, die in der Impfempfehlung für Buben gleich mehrere Vorteile sieht: «Bei jungen Männern schützt die Impfung vor Genitalwarzen, Peniskrebs, Analkrebs sowie Krebs im Hals- Rachen-Bereich.»

Ausserdem, sagt die Ärztin, führe die Erweiterung der Impfempfehlung auf Buben und junge Männer zu einer erhöhten Immunität gegen HPV in der Bevöl­kerung. «Noch ist die Durchimp­fungsrate bei den Mädchen nämlich zu tief für einen umfassenden Her­denschutz. Wenn man zusätzlich auch Buben impft, kann man viel mehr Menschen vor der Ansteckung mit HPV schützen», fasst Frey zusammen, die im Zusammenhang mit der Impfempfehlung für Buben – ähnlich wie Susanne Müller – an die soziale Verantwortung der Eltern appelliert.
Nur 56 Prozent aller Mädchen im 16. Lebens­jahr sind gegen HPV geimpft.
Ein Blick auf die Zahlen bestätigt die Aussage von Brigitte Frey: So waren im Zeitraum von 2014 bis 2016 schweizweit gerade mal 56 Pro­zent aller Mädchen im 16. Lebens­jahr gegen HPV geimpft, was klar unter der Marke von 80 Prozent liegt, welche es für den Herden­schutz bräuchte. Dazu muss erwähnt werden, dass es sich bei dieser Anga­be um einen nationalen Durch­schnittswert handelt, der gemäss Mark Witschi vom Bundesamt für Gesundheit je nach Kanton deutlich nach oben oder unten schwankt.
«Je mehr Menschen geimpft sind, desto besser stehen die Chancen, dass die Verbreitung gefährlicher HP-Viren gestoppt wird» , Susanne Müller, Juristin und Mutter zweier Buben.
«Je mehr Menschen geimpft sind, desto besser stehen die Chancen, dass die Verbreitung gefährlicher HP-Viren gestoppt wird» , Susanne Müller, Juristin und Mutter zweier Buben.
Als Grund für diese Ausschläge nennt der Leiter Sektion Impfemp­fehlungen und Bekämpfungsmass­ nahmen die unterschiedliche Organisation der kantonalen Impf­programme. «In Kantonen mit einem gut organisierten Schulimpf­programm wie etwa im Wallis oder im Aargau liegen die Durchimpfungsraten um einiges höher als in Kantonen, in denen die Impfung nicht vom Schularzt durchgeführt wird.»
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Impfgegner warnen vor Nebenwirkungen

Ebenfalls einen Einfluss auf die kan­tonal sehr unterschiedliche Impf­bereitschaft haben nach Witschi auch fehlende Informationen, kulturelle Aspekte sowie die kritische Haltung von Impfgegnern, die sich auf potenziell gefährliche Nebenwirkungen der HPV-Impfung berufen.

«Im Fall der HPV-Impfung argumentieren die Gegner mit Meldungen über Todesfälle, einer angeblichen Häufung von Multipler Sklerose und anderen neurologischen Erkrankungen, was durch viele Untersuchungen widerlegt wurde. Das verunsichert viele Menschen zu Unrecht», sagt Brigitte Frey Tirri zu den Vorwürfen der Impfgegner. Nach der HPV-Impfung könne es zwar zu lokalen Rötungen, Schwellungen und Schmerzen an der Einstichstelle, Übelkeit, Kopfschmerzen oder Fieber kommen. «Schwerere Nebenwirkungen sind aber nicht zu befürchten.»

Die Immunität der Bevölkerung gegen HPV erhöhen

Sowohl das BAG als auch die Weltgesundheitsorganisation sehen darum keinen Anlass, an der Sicherheit der HPV-Impfung zu zweifeln, sondern stufen diese sogar als «extrem sicher» ein. Dafür spricht nach Brigitte Frey Tirri auch die Tatsache, dass sich der wissenschaftliche Beirat der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft für die Impfung von Jugendlichen ausspricht.
«Mit den neusten Impfstoffen können weltweit bis zu 90 Prozent aller Gebärmutterhalskrebse sowie weitere Krankheiten verhindert werden.»
Um die Immunität der Bevölkerung gegen HP-Viren zu erhöhen, stehen den Ärzten in der Schweiz verschiedene Impfstoffe zur Verfügung. «Mit den neusten Impfstoffen geht man davon aus, dass weltweit bis zu 90 Prozent aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs sowie weitere durch HP-Viren verursachte Krankheiten verhindert werden können», erklärt Guido Biscontin, Fachspezialist Früherkennung Krebsliga Schweiz.

Ähnlich kommuniziert auch der deutsche Krebsinformationsdienst auf seinem Merkblatt zur HPV-Impfung: «Studien haben gezeigt, dass die HPV-Impfung vor Krebsvorstufen am Gebärmutterhals schützt. Da diese einige Jahre vor dem eigentlichen Krebs entstehen, ist eine Senkung der Krebsrate auf lange Sicht zu erwarten. Endgültige Studienergebnisse hierzu fehlen aber noch.»

Eine deutliche Verbesserung des Schutzes vor HPV-bedingten Krankheiten, Krebsvorstufen und Krebs verspricht ein neuer, in der Schweiz seit diesem Jahr zugelassener Impfstoff, der nach Brigitte Frey im Vergleich zu den bisherigen Impfstoffen zusätzlich spezifisch vor fünf weiteren Hochrisiko-HPV-Typen schützt. Seit Januar 2019 werden die Kosten für diesen Impfstoff im Rahmen der kantonalen Impfprogramme übernommen. Aufgrund der erweiterten Schutzwirkung durch den neuen Impfstoff werde es in Zukunft möglich, «einen grösseren Anteil der HPV-assoziierten Krankheiten zu verhindern als bis anhin», wie auf der Impfempfehlung des BAG vom Oktober 2018 zu lesen ist.

Weshalb Frauen regelmässig einen Krebsabstrich durchführen lassen sollten ...

Trotz dieser grundsätzlich positiven Prognosen raten die Gesundheitsexperten weltweit zu weiteren vorbeugenden Massnahmen gegen durch HPV ausgelöste Krankheiten. Dazu gehört für die Krebsliga Schweiz der Gebrauch von Kondomen beim Geschlechtsverkehr, was das Risiko einer HPV-Übertragung senkt. Zudem erhöht das Rauchen das Risiko von Gebärmutterhalskrebs. Deshalb rät die Krebsliga Schweiz vom Tabakkonsum ab.

Ausserdem empfiehlt die Krebsliga den Frauen, regelmässig einen Krebsabstrich durchführen zu lassen und den Zeitraum zwischen den Krebsabstrichen mit der Ärztin zu besprechen.

Der Grund: Nach aktuellem Stand der Forschung deckt keiner der Impfstoffe wirklich alle krebsauslösenden HP-Viren ab und entsprechend bietet die Impfung keinen vollständigen Schutz vor Gebärmutterhalskrebs.
Eine HPV-Impfung schützt nicht vor allen Virentypen. Deshalb braucht es vor allem für Frauen weitere Massnahmen zum Schutz vor Gebärmutterhalskrebs.
Eine HPV-Impfung schützt nicht vor allen Virentypen. Deshalb braucht es vor allem für Frauen weitere Massnahmen zum Schutz vor Gebärmutterhalskrebs.
Gerade darum, findet Susanne Müller, sei es wichtig, auch Buben gegen HPV zu impfen. «Aktuell scheint mir das die beste Möglichkeit, um Gebärmutterhalskrebs zu bekämpfen.» Sollte sich daran bis zum Impftermin ihrer Kinder etwas Grundlegendes ändern, würde sie ihren Standpunkt natürlich auch nochmals überdenken. «Wie bei jeder Impfung werde ich in Ruhe die Fakten prüfen und anschliessend alle Risiken und Nutzen gegeneinander abwägen.»
Katrin Roth
ist freie Journalistin für diverse Magazine und Bloggerin (www.sonrisa.ch). Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter.

Die wichtigsten Informationen zur HPV-Impfung auf einen Blick

  • Mit der HPV-Impfung soll vor Krebs und seinen Vorstufen geschützt werden. Aber: Weil die Impfung nicht vor allen Virentypen schützt, braucht es vor allem für Frauen weitere Massnahmen zum Schutz vor Gebärmutterhalskrebs.

  • Der neue, in der Schweiz seit diesem Jahr zugelassene Neunfachimpfstoff deckt im Vergleich zu seinem Vorgänger fünf weitere krebserregende HPV-Typen ab und schützt vor HP-Viren, welche gutartige Genitalwarzen auslösen.

  • Das BAG und die EKIF empfehlen die HPV-Impfung allen Jugendlichen im Alter von 11 bis 14 Jahren. Weil durch HPV ausgelöste Erkrankungen bei Frauen häufiger vorkommen als bei Männern, wird die Impfung für Mädchen als Basisimpfung und für Jungen als ergänzende Impfung empfohlen. Auch für 15- bis 26-Jährige kann die HPV-Impfung Sinn machen.

  • Die Kosten der HPV-Impfung werden gemäss BAG für die empfohlenen Altersgruppen von der Krankenkasse bezahlt, sofern die Impfung im Rahmen des kantonalen Programms durchgeführt wird.

  • Eine Liste der an diesem Programm beteiligten Ärzte ist jeweils über die kantonale Gesundheitsdirektion erhältlich.

Humane Papillomviren

Gemäss BAG gibt es verschiedene Typen von Humanen Papillomviren (HPV). Die Über­tragung der HPV erfolgt durch Geschlechts­verkehr. Entsprechend zeigt sich ein Befall meist an der Haut und den Schleimhäuten im Genitalbereich, manchmal aber auch in der Analgegend und im Rachenbereich.

Während rund zwei Drittel der Infektionen ohne Symptome verlaufen, können Hoch­risiko­-Typen von HPV verschiedene Krebsvor­stufen und ­-erkrankungen auslösen. Die Ent­wicklung von Gebärmutterhalskrebs ist gemäss dem BAG das grösste Risiko von HPV.

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