Arztbesuch

«Mami, wie ist es im Himmel?»

Vor vier Jahren erkrankte Claudia Weideli-Krapfs Tochter an Krebs. Vier Monate später starb die damals 6-jährige Lina. Die Mutter erzählte unserer Autorin, wie die Familie ihre Tochter in den Tod begleitete und wie sie heute mit dem Verlust umgeht.  
Aufgezeichnet von Cornelia Hotz 
Bilder: Herbert Zimmermann / 13 Photo
Seit dem 14. Januar 2015 ist nichts mehr wie zuvor. An diesem Tag wurde bei unserer damals sechs Jahre alten Tochter Lina ein Glioblastom diagnostiziert. Bei diesem besonders aggressiven Hirntumor, WHO-Klassifikation Grad IV, bestehen aktuell keine Heilungschancen. Es war klar, dass Lina nur noch eine begrenzte Zeit bei uns sein würde, vielleicht ein paar Wochen, vielleicht einige Monate.

Unser Sohn Tim war damals fast vier Jahre alt. Wir waren unendlich traurig, haben geweint und geflucht. Mein Mann und ich haben nichts beschönigt, haben auch nicht die Starken gespielt. Von Anfang an gingen wir offen mit Linas Krankheit um und haben sowohl gegenüber der Familie als auch im Umfeld offen kommuniziert. Weil uns die Zeit fehlte, alle Nachfragen zu beantworten, haben wir einen Blog eingerichtet, um unsere Familie, Freunde und Nachbarn zu informieren.

Chemotherapie abgebrochen

Eine Woche nach der Notfallaufnahme im Kinderspital versuchten die Ärzte mittels Operation, so viel Tumorgewebe wie möglich zu entfernen. In den Tagen zuvor hatte sich Linas Zustand dramatisch verschlechtert. Es war zu diesem Zeitpunkt nicht klar, ob sie den Operationstermin überhaupt noch erleben würde. Das Glioblastom war ins Hirngewebe hineingewachsen. So konnte der Tumor nur zu einem Drittel entfernt werden. Hätten die Ärzte mehr Gewebe herausgenommen, hätten wir nicht die Lina zurückbekommen, die wir kannten.
Nach der Operation erhielt Lina eine Chemotherapie. Die zusätzliche Bestrahlung wurde abgebrochen, weil der Tumor so bösartig war, dass er sich selbst durch die Strahlen­therapie nicht beeindrucken liess. 

Drei Wochen später durften wir unsere Tochter nach Hause nehmen. Lina hat ihr Schicksal unglaublich tapfer angenommen. Sie war zwar körperlich geschwächt, konnte aber wieder ein einigermassen normales Leben führen. Wir haben ihr das zugemutet, was sie sich selber zugetraut hat, und ihr den nötigen Freiraum gelassen.

Lina wusste immer sehr klar, was sie wollte. Sie hatte sich ihre Eigenständigkeit trotz Krebserkrankung bewahrt. Erstaunlicherweise wollte sie nicht mehr in den Kindergarten, sondern die verbleibende Zeit mit uns Eltern, ihrem Bruder und Freunden verbringen. 
Sechs Wochen später traten Komplikationen auf. Eine weitere Hirnoperation stand zur Diskussion, um Linas Beschwerden zu lindern. Ich fragte sie, ob sie noch bei uns auf der Erde bleiben wolle und genug Kraft für eine weitere Operation habe. Lina wollte leben und entschied sich mit uns für den Eingriff. Wenige Tage nach der zweiten Operation holten wir Lina nach Hause. Es war uns sehr wichtig, dass wir als Familie zusammenbleiben und wir unsere Tochter zu Hause auf ihrem Weg begleiten konnten. Mein Mann unterstützte mich sehr.
Ich fragte Lina, ob sie noch bei uns auf der Erde bleiben wolle und genug Kraft für eine weitere Operation habe.
Die Zeit, die uns zusammen noch blieb, war unendlich kostbar. Erlaubte es Linas Zustand, haben wir etwas unternommen. Wir gingen Pony­reiten, besuchten ein Aquarium oder luden Linas Freunde zu uns nach Hause ein. Wir fuhren sogar noch ins Tessin in die Campingferien, was uns die Stiftung Sternschnuppe ermöglichte. Es sind jedoch nicht die grossen Dinge im Leben, auf die es ankommt. Es kann genauso wertvoll sein, die Zeit zusammen zu Hause auf dem Sofa zu geniessen. Denn es sind die gemeinsamen Momente in Verbundenheit, die zählen. 
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1 Kommentar

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Von Carol am 25.04.2019 14:57

Schön, dass solche Geschichten ihren Platz finden und von direkt Betroffenen geteilt werden. Danke für diesen unendlich berührenden, wundervoll verfassten Artikel.

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