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Arztbesuch

Behandlung mit Stich

Eltern verlangen immer öfter nach alternativen Therapiemethoden für ihre Kinder. Deshalb wird Akupunktur vermehrt in der Jugendmedizin angewendet. Welche Risiken bestehen – und was Eltern beachten müssen. 
Text: Petra Seeburger 
Tims Mutter hatte alles probiert. Vom Hausarzt über den Augenarzt, den Neurologen, Orthopäden, Endokrinologen bis zum Psychologen. Tim wurde durch die ganze Diagnostikmühle gedreht – MRI, CT, zahlreiche Blutentnahmen und einiges mehr. Laut Ärzten und Befunden ist Tim gesund. Und doch leidet der 11-Jährige seit einem Jahr an schweren Kopfwehattacken. Nur weiss niemand warum. Kommt ein Anfall, muss Tim ins Bett. Er braucht dann starke Schmerzmittel. Den Versuch mit Akupunktur hat schliesslich der Kinderarzt empfohlen. Seit Tim nun akupunktiert wird, werden die Anfälle weniger und schwächer. Akupunktur ist eine Therapieform der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). In der philosophischen Vorstellung fliesst dabei eine Art Körperenergie durch zwölf Leitbahnen, die für bestimmte Körperfunktionen stehen. Mit Nadeln können diese Energiebahnen beeinflusst werden. So werden energetische Störungen ausgeglichen und die Körperfunktionen reguliert. Rund 365 klassische Akupunkturpunkte sind bekannt.

Akupunktur ohne Nadel

Für die Therapie gibt es verschiedene Methoden: die Nadelakupunktur mit Nadeln aus Stahl, Silber oder Gold sowie die Laserakupunktur und die Punktstimulation, bei denen Laserlicht oder Elektrowellen die Nadeln ersetzen. Shonishin ist eine japanische Form der Akupressur, bei der mit Streich-, Druck-, Vibrations- und Klopftechniken behandelt wird. Varianten ohne Nadeln kommen oft bei der Therapie von Kindern zum Zug. Barbara Grange, die in Winterthur eine Praxis für Akupunktur TCM und Naturheilkunde betreibt, behandelt Kinder und Jugendliche mit Halflaser – einem speziellen Akupunkturlaser: «Diese Methode ist schmerzlos und der Behandlung mit Nadeln absolut ebenbürtig.» Ihrer Meinung nach sollten Kinder und Jugendliche unbedingt ihrem Alter angepasst behandelt werden. Oft werden neben der Akupunktur noch andere Naturheilverfahren wie Homöopathie, Bachblüten oder Kräuter angewendet. Solche Alternativen empfiehlt Barbara Grange auch, wenn Kinder eine Behandlung mit Nadeln ablehnen.

Ein Vorgespräch zum Erklären und fürs Vertrauen

Für Dr. med. Johannes Fleckenstein, Dozent für Traditionelle Chinesische Medizin/Akupunktur an der Universität Bern, sind Akupunkturnadeln auch bei Kindern anwendbar, besonders ab dem Alter der ersten Primarschulklasse. «Spezielle dünne Akupunkturnadeln mit Führungsröhrchen reduzieren den Schmerzreiz beim Einstich», sagt er. «Vorher braucht es aber ein Gespräch, bei dem das Vorgehen erklärt wird, damit das Kind versteht, was passiert, und Vertrauen gewinnt.» In der Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern werde sehr häufig ein Akupunkturlaser verwendet. Studien lassen darauf schliessen, dass die Nadel- und die Laserstimulation der blossen Berührung wie bei der Akupressur überlegen ist – vor allem in der Schmerztherapie. «Klinische Berichte sind bezüglich der Wirksamkeit sehr überzeugend», sagt Dr. Fleckenstein.

Kaum Nebenwirkungen

Nach den Indikationen gefragt, betont der Arzt und TCM-Spezialist, dass Schmerzbehandlungen, beispielsweise bei Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Allergien oder bei Neurodermitis, im Vordergrund stehen. Studien belegen auch eine gute Wirksamkeit bei Menstruationsproblemen pubertierender Mädchen. Die Naturheilärztin Barbara Grange behandelt in ihrer Praxis viele Kinder mit Schulschwierigkeiten, Konzentrationsstörungen oder Motivationsproblemen. Sie betont, dass sich eine westliche medizinische Behandlung und die Akupunktur gut ergänzen lassen.
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Mit Akupunktur Symptome lindern

Diese Erfahrung bestätigt Johannes Fleckenstein. In seiner Abteilung würden auch junge Krebspatienten betreut. Dort gehe es darum, die Begleitsymptomatik von Chemotherapien oder Bestrahlungen zu reduzieren – also Übelkeit, Erbrechen, Mundtrockenheit und Antriebslosigkeit. «Davon können viele Patienten profitieren.» Die Nadelakupunktur gilt als nebenwirkungsarmes Verfahren. Laut Johannes Fleckenstein werden von gut ausgebildeten Akupunkteuren kaum Zwischenfälle berichtet: «Am häufigsten wird der Einstich als schmerzhaft wahrgenommen.» Verletzungen von Gefässen und Nerven sind sehr selten (weniger als 1 Fall auf 200 000 Nadelstiche). Es könne blaue Flecken geben, und manchmal wirke sich die Akupunktur auf den Kreislauf aus. Dies bestätigt auch Barbara Grange: Manchmal werde ein Kind durch die Akupunktur etwas müde, das gehe nach zirka zwei Stunden vorüber. «Die Lasermethode wird aber sehr gut vertragen und von Kindern gut akzeptiert.» Bei der Shonishin-Methode seien blaue Flecken häufiger, gelegentlich werde der Druck schmerzhaft wahrgenommen. Beide Spezialisten raten in Notfallsituationen von Akupunktur ab. Auch wenn ein Kind die Behandlung abwehrt und nicht gerne kommt, sei dies nicht die richtige Methode.
Viele Kinder und Jugendliche leiden heutzutage unter den raschen Veränderungen unserer Gesellschaft. «Diese Überlastungen zeigen sich als Kopfschmerzen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Allergien», sagt Johannes Fleckenstein. Gerade Akupunktur kann dazu beitragen, diese Symptome zu lindern. Das therapeutische Setting der Akupunktur schaffe aber auch einen Rückzugsraum und ermöglicht so einen individuellen biopsychosozialen Ansatz. «Bevor Eltern ihre Kinder zu Medikamenten greifen lassen, ist diese sanfte, medikamentenlose Form der Medizin ein erster Schritt, das Gleichgewicht wiederherzustellen», sagt Johannes Fleckenstein. Auch für Barbara Grange ist Akupunktur eine wertvolle Methode, um Kinder zu behandeln, da ihre Lebensenergie noch wenig blockiert und daher einfach zu regulieren ist. Sie betont: «Diese Methode hat im Gegensatz zu einer Medikamententherapie keine Nebenwirkungen, die den kindlichen Organismus belasten könnte.»

Wann kann Akupunktur helfen?

  • Bettnässen
  • immer wiederkehrende Erkältungen
  • Heuschnupfen und Asthma bronchiale
  • Neurodermitis und Psoriasis
  • Müdigkeit und Schlafstörungen
  • Nervosität oder Konzentrationsstörungen
  • Schwindel
  • Tinnitus (Ohrgeräusche, Ohrensausen, «Lärm der Seele»)
  • Kopfschmerzen/Migräne
  • Menstruationsstörungen
  • Magen- und Darmstörungen

Wie finde ich einen guten Therapeuten?

Ärzte zeichnen sich durch den Fähigkeitsausweis der ASA aus (www.akupunktur-tcm.ch). Die Berufsorganisation SBO-TCM ist der Dachverband nichtärztlicher Therapeuten (www.sbo-tcm.ch). Zudem gibt es den Verband der anerkannten Naturheilpraktikerinnen und Naturheilpraktiker (www.svanah.ch) und das ErfahrungsMedizinische Register EMR (www.emr.ch). Sie alle bieten auf der Website eine Therapeutensuche an. Im Zweifel wenden Sie sich an Ihren Haus- oder Kinderarzt und lassen sich beraten.

Wer übernimmt die Kosten?

Akupunktur ist eine Leistung der Grundversorgung, wenn sie von einem geprüften Arzt (ASA) ausgeführt wird. Wird sie von TCM-Therapeuten oder Naturheilpraktikern gemacht, bezahlt die Zusatzversicherung für Komplementärmedizin je nach Kasse bis zu 80 Prozent, sofern man eine solche abgeschlossen hat.

Zur Autorin:

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Petra Seeburger ist Intensiv-pflegefachfrau, Journalistin und Kommunikationsspezialistin. Sie arbeitet seit 30 Jahren im Gesundheitswesen. 

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