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Vorlesen hat viele Vorteile

Lesedauer: 3 Minuten

Leseexpertin Franziska Weber betont die vielfältigen positiven Effekte des Vorlesens. Trotzdem sagt sie: Niemand soll sich dazu zwingen.  

Interview: Florina Schwander
Bild: Kyla Ewert / zVg

Frau Weber, warum ist es so wichtig, Kindern Geschichten vorzulesen? 

Kinder lieben die entspannte, gemütliche Atmosphäre beim Vorlesen. Sie geniessen das Abtauchen in eine Geschichte – egal ob zu Hause auf dem Sofa oder in der Leseecke im Kindergarten. Beim Zuhören lernen Kinder sehr viel: Sie eignen sich einen Fundus an Erzählstoffen, Figuren und fiktionalen Begebenheiten an. Weiter erhalten sie sprachliche Vorlagen und Muster für das eigene Erzählen. Zudem erschaffen sie sich ihre persönlichen Bilderwelten. Dies im Gegensatz zum Fernsehen, wo ihnen vorgefertigte Bilder vermittelt werden.

Warum spricht man beim Vorlesen auch von Leseförderung?

Zusätzlich zu den literarischen Fähigkeiten, die Kinder erwerben,  werden sie durchs Vorlesen auch neugierig gemacht auf diesen versteckten Schatz zwischen zwei Buchdeckeln: Sie werden motiviert, selber lesen zu lernen. Durchs Vorlesen erfahren später gerade auch Kinder, die Mühe haben mit Lesen, dass sich die Anstrengung lohnt, dass sie etwas Tolles erwartet.

Was ist der Unterschied zwischen Vorlesen und Erzählen? 

Beim Vorlesen bleibt man der geschriebenen Sprache treu. Im Erzählmodus ist man freier, man kann eine Geschichte auch mal abkürzen oder befindet sich schneller bei der Anschlusskommunikation, in der man mit dem Kind über die Geschichte spricht oder sich zusammen etwas Neues ausdenkt. Gerade Schweizer Eltern übersetzen Bücher oft simultan vom Hochdeutschen ins Schweizerdeutsche, um so die Geschichten zu erzählen. Ist das manchen Eltern zu anstrengend, können sie gut auch mal ein Buch auf Hochdeutsch vorlesen, wenn sie das lieber machen.

Und wenn ein Kind die Geschichte partout nicht auf Hochdeutsch hören will oder sie nicht versteht?

Jedes Kind ist anders. Es gibt Kinder, die stört es nicht, wenn sie nicht jedes Wort einer Geschichte verstehen oder erst beim wiederholten Vorlesen immer wieder etwas Neues lernen. Gestik und Mimik gehören beim Vorlesen dazu, und so hängt das Verstehen nicht allein von der Sprache ab. Wieder andere halten an der Familiensprache Schweizerdeutsch als Erzählsprache fest und sind nicht bereit zum sogenannten Code-Switching. Ein unnatürlich erzwungener Wechsel vom Schweizer- ins Hochdeutsche oder umgekehrt ist nicht nötig für eine schöne und sinnvolle Vorlesezeit. Ein Tipp: Mit einer neuen Geschichte sind Kinder offen für eine neue Sprache. So kann Hochdeutsch als Vorlesesprache eingeführt werden, wenn Eltern das wollen.

Es gibt auch Eltern, denen das Vorlesen nicht liegt. Was tun?

Ich finde, man sollte niemanden dazu zwingen. Wenn jemand selber nicht gerne vorliest, dann sollte er das einfach jemand anderem überlassen: Vielleicht gibt es Grosseltern, eine Gotte oder einen Götti oder eine andere Bezugsperson, die das gerne übernehmen. Auch Hörbücher bieten sich wunderbar zum gemeinsamen Geschichtenerleben an.

Irgendwann lesen Kinder selber. Wird das Vorlesen davon abgelöst?

Nicht zwingend. Solange ein beidseitiges Interesse besteht, kann noch lange vorgelesen werden. Grundsätzlich empfehle ich, altersentsprechende Lektüre zu wählen, sodass beispielsweise Leseanfänger bei einer einfachen Geschichte einen Teil mitlesen oder selber lesen können und nicht abgeschreckt werden von einer sehr komplexen Geschichte, die ihnen unerreichbar erscheint. So kann sich das gemeinsame Lesen oder Vorlesen mit zunehmendem Alter immer weiterentwickeln.

Weitere Infos zum Vorlesen:

Zur Person:

Franziska Weber ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Lesen der  Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW. Als Kind hat sie stundenlang ihrer Gotte zugehört, heute liest sie am liebsten selbst ihrem Gottenkind vor. 
Franziska Weber ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Lesen der  Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW. Als Kind hat sie stundenlang ihrer Gotte zugehört, heute liest sie am liebsten selbst ihrem Gottenkind vor. 

6 Vorlese-Tipps

  1. Vorlesen sollte entspannend sein – setzen Sie sich nicht unter Druck. Vorlesen soll allen Beteiligten Spass machen und keinen didaktischen Zwängen unterliegen.
  2. Wählen Sie eine Lektüre, die Vorlesende und Zuhörende interessiert, die spannend ist und Raum bietet für das gemeinsame Erleben. Besonders eigenen sich Vorlesebücher, Bilderbücher, Erstlesebücher oder Kinder- und Jugendbücher, die in kürzere Abschnitte unterteilt werden können, sodass das Vorlesen zu einer «runden Sache» wird.
  3. Wählen Sie altersangepasste Lektüre: Für die ganz Kleinen eignen sich Bilderbücher, später einfache Erstlesebücher, gefolgt von komplexeren Geschichten. 
  4. Vorlesen schafft Bindung und Bildung, regelmässiges Erzählen sorgt für schöne familiäre Rituale. Schaffen Sie bewusst Zeit und Raum dafür, das Handy bleibt aus. 
  5. Wählen Sie die Bücher gemeinsam mit dem Kind aus. Für Abwechslung oder zusätzliche Spannung sorgen Hilfsmittel wie eine Taschenlampe oder Stofftiere als «Bauchredner». 
  6. Vorlesen als Chance zum Nachbesprechen: Lassen Sie Ihr Kind mitreden, flechten Sie immer mal wieder eine Frage in die Geschichte ein, sodass es Raum für Dinge gibt, die das Kind beschäftigen – unabhängig von der Geschichte. 
Franziska Webers Bücher-Tipps zum Vorlesen:

  • Ein Klassiker, der sich bewährt hat und auch Eltern zum Schmunzeln bringt: «Joppe» von Gunnel Linde.
  • Ein Buch, bei dem man beim Erzählen und Betrachten am liebsten die selbst erfundenen Lieder der Protagonistin Maja mitsingen möchte: «Mein Papa und ich» von Ulf Nilsson und Heike Herold.
  • Ein kleines literarisches Kunstwerk in einer einfachen Sprache: «Giraffe und dann ab ins Bett» von David Grossman.

Florina Schwander
mag Kinder, Geschichten, Pflanzen, Kaffee, Flipflops und Code. Sie ist Mutter einer Tochter und von Zwillingsjungs im Primarschulalter.

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